Und all die heiße Inbrunst, die solch aufrüttelnde, seelenentzückende Schau in ihm entflammt hatte, die küßte er der zierlichen Asta Thöny auf den feuchten, bebenden Mund ... Es war ein toller Märchenrausch von Begeisterung und Liebe, in dem die Tage, die Nächte dahinrasten. Und so ganz versunken war alles, was sich nicht der Erinnerung aufdrängte, daß er nicht ein einziges Mal auf den Einfall gekommen war, sich nach dem armen Valentin Pilgram umzusehen, mit dem er doch drei Semester lang die gleichen Farben getragen — der aus dem Korps geschieden war um eines Entschlusses willen, den er heiß bewunderte wie alle Korpsbrüder ... Er wußte, die andern pflegten eifrig den Verkehr mit dem ausgeschiedenen Freunde — er nahm sich täglich vor, ihn aufzusuchen, und täglich vergaß er's in seinem Taumel von Sehnsucht und Erfüllung, Erfüllung und Sehnsucht ...
Ja, Erfüllung ... und Sehnsucht ... Denn wenn Hans Thumsers flaumige Jugend in Asta Thönys schimmernden Armen lag, dann am heißesten verlangte seine Seele nach der andern, die Abend für Abend die ganz großen, ganz lichten Visionen der Dichter verkörperte, statt jener kleinen, sündigen, irdischen Geschöpfe, die Asta Thönys Kunst umspannte ...
Aber außerhalb der Bühne hatte er sie niemals wieder zu sehen bekommen — Jucunda, die allvergötterte. Es war ein förmliches Jucundafieber ausgebrochen unter der Leipziger Jugend, der männlichen wie der weiblichen, der akademischen wie der Philisterwelt ... Allabendlich schritt die Künstlerin durch ein jubeltrunkenes Spalier ihrer Verehrer zu ihrem Wagen — nach jeder Premiere wiederholte sich die gleiche Komödie. — Der Kutscher strängte die Gäule schon vorher ab und stellte sie auf Seite und sich daneben, damit ihm die Tiere nicht ganz verrückt wurden und er selber ohne blaue Flecke vom Bock herunterkäme ...
Und Liebesbriefe ohne Zahl, voll ungelenker Gedichte, stammelnder Mädchenverzückung und kecker Jungmännerwerbung flatterten in das bescheidene Kämmerchen an der Katharinenstraße ...
Selbst die Waffenstudenten, deren Gesichtskreis doch sonst mit ihren Couleurangelegenheiten völlig ausgefüllt war, wurden in den allgemeinen Theatertaumel mit hineingezogen. Wenn Jucundas Triumphwagen mit seiner keuchenden, brüllenden Bespannung durch die Straßen südlich des Königsplatzes der Altstadt zurollte, dann blinkten in der Schar der Ziehenden und der Geleitenden die Mützen der Korps neben denen der Burschenschaften, der Turner neben denen der Landsmannschaften — Arion und Paulus wetteiferten mit dem heiligen Wingolf im Dienste der Jucundabegeisterung ... Es war wie im Paradiese, da das Lämmlein bei dem Tiger weidete ...
Und der regelmäßigste Besucher war der Gast der fest abonnierten Proszeniumsloge vorn links vom Schauspieler, neben der Direktionsloge ... war der Erbprinz von Nassau-Dillingen. Zu jeder Premiere schleppten die herzoglichen Leibdiener ein kostbares Blumenarrangement von schier unermeßlichen Dimensionen auf die Bühne, daran ein Kuvert mit geprägtem Wappen hing ... Es enthielt des Erbprinzen Visitenkarte, darauf immer nur die Worte: »In Verehrung« ... geschrieben in einer unausgeschriebenen Knabenschrift. Niemals aber hatte sich Jucunda künftighin über den leisesten Versuch einer Annäherung zu beklagen gehabt.
Und Jucundas Dank beschränkte sich stets auf den Hofknix vor der ersten Parkettloge links ...
»So ist's recht, Langbeinchen,« sagte Franz Burg mehr als einmal zu der jungen Freundin — »so muß man's machen: hübsch in Distanz halten die hochgeborenen Verehrer — aber keinesfalls wegöden ... das hat keinen Sinn — immer warm halten — man kann nie wissen, wozu man so etwas einmal brauchen kann ...«
Und Jucunda begriff. Es blieb doch nicht nur bei dem Hofknix. Wie jeder andre Spender einer Blumengabe bekam auch Erbprinz Heribert ein paar Dankesworte auf goldgerändertem Kärtchen ... Anfangs waren's nur drei konventionelle, schematische Zeilen ... Bei der dritten Spende aber stellte sich ein Zusatz ein:
»Sie beschämen mich, Durchlaucht, — ich weiß nicht, wodurch ich soviel gnädige Anteilnahme verdient habe.«