Das nächste Mal enthielt das wappengeprägte Kuvert an der riesigen Seidenschleife, die in den Nassau-Dillingenschen Landesfarben von einem riesigen Lorbeerrade niederrauschte — enthielt das Kuvert ein Briefchen von zwanzig Zeilen:

»... Sie sind mir böse gewesen, und ich muß leider zugeben, nicht ganz ohne Grund, obwohl ich für die geschmacklose Form der Huldigung, die Ihnen in meinem Namen überreicht wurde, nichts kann. Sind Sie wieder gut? Ich bitte Sie um ein Zeichen ...«

In der Premiere des »Wintermärchens«, die kurz auf dies Briefchen folgte, lockte der tumultuarische Applaus nach der Gerichtsszene die eben hinter den Kulissen gestorbene Hermione-Jucunda auf die Bühne ... Und wieder schleppten livrierte Diener eine weißleuchtende Kaskade von rieselnden Chrysanthemen heran ... Da zog Hermione aus dem Blütenschwall eine ganze Handvoll der märchenhaften, hundertstrahligen Blumensterne und steckte sie an ihre Brust, um sich dann erst mit feierlichem Lächeln im tiefen Hofknix zu neigen gegen die Proszeniumsloge vorn links vom Schauspieler ...

Also Hans Thumser durfte statieren — mit hoher Genehmigung des Herrn Ersten Chargierten. Er ging sonach eines Morgens um zehn nach dem Fechtboden zum Bureau des Carolatheaters und meldete sich als Statist für »Wallensteins Tod«. Er wurde sofort und freundlich angenommen. Denn es war hier wie immer und überall: Nach den ersten Tagen der Begeisterung waren von den angeworbenen und mühsam eingedrillten Komparsen viele Dutzende abgefallen, hatten sich schriftlich entschuldigt oder waren einfach weggeblieben. Er mußte gleich in die Probe. Es handelte sich nur um zwei Szenen: die große Kürassierszene am Schluß des dritten Aktes und die Mordszene am Ende des fünften.

Vom Bureau aus schickte man Hans Thumser auf die Bühne. Aber den Weg mußte er sich selber suchen und erfragen. Er wurde durch sechs bis acht verschiedene Türen gewiesen, kam sechs- bis achtmal an das weglose Ende dunkler, verschlossener Korridore, stieß sich die Schienbeine wund an allerhand unbeschreiblichen, geheimnisvollen Gegenständen, welche in der Finsternis herumstanden ... Endlich fand er ein eisernes Pförtchen, an dem in Weiß die Aufschrift stand: Zur Bühne ... und voll Ehrfurcht trat er in einen hohen, frostigen Raum, in dem im halben Tageslicht ein Gewirr von hölzernen Lattenrahmen, mit grauer Leinwand überspannt, erkennbar war. An diesen Wänden war vielfach die aufgepinselte Inschrift zu erkennen: »W. T. III. Saal.«

Man wies ihn an, eine hohe bretterne Treppe hinanzuklimmen, auf deren oberem Podest er plötzlich ein seltsames Schauspiel sah: eine Wand wie ein riesiges, aus zahllosen kleinen Scheiben bestehendes Fenster, hinter dem der Treppenpodest wie eine lange Galerie sich hinzog. Das Glasfenster lief jenseits der Treppe in eine eichene Tür aus, von der aus dann eine andere Treppe zum Bühnenpodium hinunterführte ... Diese Treppe aber war im Bogen geschweift und aus massivem, dunkelgebeiztem Eichenholz mit schwerem Renaissancegeländer — wenigstens sah sie so aus. Unten ein dunkler, wuchtiger Saal mit Kamin, Gobelins, gepolsterten Bänken an den Wänden, und da standen an siebenzig jüngere Männer und lauschten andächtig der Instruktion des Oberregisseurs Burg.

»Aha — noch 'n Kürassier?« unterbrach dieser seinen Vortrag. »Kennen Sie 'n Wallenstein?«

»Auswendig ...«

»Um so besser ...

»Geselle Dich zu uns — komm hier!
Es ist ein pudelnärrisch Tier ...«