Inzwischen hielt man sich studienhalber in Leipzig auf und würde auch da auf seine Rechnung zu kommen wissen ...
Jucunda Buchner ... das klang recht verheißungsvoll ... und Jungfrau von Orleans ... Himmel, es gibt allerhand Arten von Jungfrauen ...
Nun war man »draußen«. Mitten im tiefschattigen Buchenwald ein wuchtender Eichbaum, sonst von tiefem Dämmerfrieden umwirkt, heut umbraust von einem bunten, farbentollen Leben. Die wilden Völkerschaften, die inmitten moderner Gesittung ein mittelalterliches Reckendasein führten bei Waffenklirren, rauhem Sang und schäumenden Kannen, die Franken und die Neo-Borussen, die Westfalen und Meißner und Thüringer, hier hatten sie sich Stelldichein gegeben zur allwöchentlichen feierlichen Rauferei. Und diesmal, als am ersten Bestimmtage des Semesters, war alles in besonders gehobener Stimmung. Die alten Bekannten in den verschiedenen Korps begrüßten sich hinüber und herüber, mit besonderer Herzlichkeit jene, die bereits einmal oder gar mehrmals die Klinge gekreuzt hatten — wesentlich zeremonieller schon jene, denen heute der blutige Gang bevorstand. Alles war in Wagen gekommen, die nun als langer Park auf der Chaussee aufgefahren waren, stets bereit, mit den Paukanten in Windesschnelle davonzusausen, wenn die weithin aufgestellten Schnarrposten die Annäherung von Pickelhauben und grünen Waffenröcken melden sollten. Alles war im »Bummel« gekommen, das heißt im Hut, die Couleur in der Tasche; nun wurden schleunigst Mützen und Bänder angelegt: gar lustig flimmerten auf dem bunten Tuch, der dreifarben-gestreiften Seide, die Sonnentupfen, die durchs braune Laubdach sich niederringelten. Und bald stand das erste Paar bereit: Pilgram, Franconiae Erster, gegen den stämmigen Zweitchargierten der Meißner.
Und nun — heiho! Gellende Kommandorufe hinein in die lauschende Stille, widerhallend an den schlanken, weißleuchtenden Buchenstämmen ... und nun: klirr, klirr der helle Klang, wenn Eisen scharf auf Eisen traf, im Wechsel mit dem dumpfen Knall der flachen Hiebe, die über Stulp und Schädel krachten — heiho! uralte Reckenlust am tollen Raufen, am harten Widereinander der jugendlichen Kräfte ...
Jähes Halt der Sekundanten, Pause, Blut rinnend hüben über die schmalen, herrischen Züge des Frankenseniors, drüben über die feisten Speckbacken des Fechtchargierten der Meißner ... und wiederum Kommandos, hageldichte Hiebe, Stahl auf Stahl ...
Und dann war's plötzlich aus: der Meißner hatte seine Abfuhr weg, eine lange Quart, fast unpariert, überm linken Ohr. Und in die blutbeschmierte Bandage mußte nun Hans Thumser hinein.
Schon stand er dem verhaßten Borgmann gegenüber, schon faßten die Gegner einander fest ins Auge, schon flogen die Klingen in die Auslage, kauerten die Sekundanten wie sprungbereite Katzen zu ihrer Kämpfer Seiten — da entstand eine Bewegung unter der lauschenden Korona. Auf dem weichen Waldboden scholl ein dumpfes Klackern wie von Huftritten, und auf dem schmalen Pfade, der am Wiesensaum entlang sich zog, flitzten zwei Reiter heran — aber nicht die Grünröcke der Gendarmen — Zivilisten waren's, ein Herr und eine Dame. Hans Thumser sah, wie alle Köpfe sich wandten — doch ihm blieb nicht Zeit — nur einen grauen Schleier sah er wehen von einem hohen, schwarzglänzenden Seidenhut; sah etwas Lichtes, Klares darunter, hell abgehoben vom dämmernden Waldgrund — und dann —
»Auf die Mensur — bindet die Klingen!«
»Gebunden sind —!«
»Los!«