Himmel — was hatte der Pilgram nur? Und wie schrecklich er sich verändert hatte in den wenigen Tagen seit seinem Austritt aus dem Korps ... Die Augen, tiefumrändert, waren in ihre Höhlen gesunken ... der sonst so peinlich korrekte Anzug vernachlässigt ... die früher straffen und sicheren Bewegungen unruhig und zerfahren ...
Und Valentin Pilgram fragte sich: Wie ist es möglich, daß ich es bis heute ausgehalten habe, diesen falschen Hund nicht zu stellen? — Es kann ja nur sein böses Gewissen sein, das ihn von mir ferngehalten hat ... alle die Tage, die zwei Wochen seit ... damals ...
Ha, warum hatte er's nicht getan? Aus Furcht vor ... einer neuen Uebereilung ... einer neuen Blamage ...
Daß Thumser seine Hand in dem schändlichen Spiele gehabt haben müsse, das man ihm gespielt, das war ja klar. Der Briefbogen mit dem Frankenzirkel und dem H. T. auf der Rückseite und mit Jucundas Absagebrief auf der Vorderseite — das war ja doch ein untrüglicher Beweis. Mit Jucundas Absagebrief! Ja, ein Absagebrief, das war's, und nichts andres! Die glatten, gleißnerischen Dankesworte, ihn, den Desillusionierten, blendeten sie nicht mehr. Er verstand, sie hatte ihn verleugnet, er hatte sie verloren. Aber wie kam der andere dazu? Welche Rolle hatte er gespielt in dem Gewirr von Ränken und Tücken, von denen Valentin Pilgram sich umstrickt sah? Das war nicht zu erraten und nicht zu erfahren ... Und aufs Geratewohl abermals unbedacht zufahren mit einem züchtigenden Wort, einem rächenden Schlag — Valentin Pilgram besaß nicht mehr die frühere Sicherheit des Handelns, seit sein Instinkt ihn so schmählich in die Irre, in die Wirrnis, in die lächerliche Don-Quichottiade hineingestoßen hatte. So hatte er von einem zum andern Tage gewartet und gewartet in der dumpfen Hoffnung, daß irgend etwas sich ereignen würde, das ihm Klarheit gäbe ... Er hatte auf ein Wiedersehen mit Jucunda, auf einen Besuch Thumsers gehofft, auf eine Aussprache mit ihr und mit ihm, in deren Verlauf er brüsk und kategorisch die Frage hätte stellen können: Wie war das möglich? Wie ist dieser Brief auf dieses Blatt geraten? Erklärt mir den Zusammenhang, zerstreut meinen grausamen Verdacht und bekennt, bekennt und empfangt den Lohn, den Euer Verrat verdient!
Aber nichts von alledem war geschehen. So häufig er den teilnahmsvollen Besuch seiner ehemaligen Korpsbrüder erhielt, so oft er mit ihnen am dritten Orte zusammentraf — der schlanke Fuchsmajor blieb aus. Und Jucunda? Sie war wie aus der Welt verschwunden. Wohl hörte er abends ihr Heimkommen aus dem Theater, ihr herzhaftes Gähnen, den energischen Plumps, mit dem sie sich arbeitsmüde auf ihr krachendes Bettchen warf, und nachts, wenn er sich schlaflos auf seinem Lager wälzte, ihr geruhsames, selbstzufriedenes Schnarchen ... denn bei Gott, sie schnarchte wie ein Mann ... Und morgens vernahm er wohl, wie sie leise ihre Rollen repetierte. Ach, wie gern hätte er noch einmal den sonoren Alt in seinem vollen Glanze von da drüben schmettern gehört! Aber sie hatte einen Flor über ihr Organ gebreitet, und er fühlte, das war die Scheu vor ihm. Und die gleiche Scheu mußte es sein, unter deren Druck sie es darauf anlegte, ihm um jeden Preis aus dem Wege zu gehen. Es war, als überwache sie sein Gehen und Kommen und richte ihre eigenen Ausgänge, ihre Rückkunft danach ein. Oft legte er es geradezu darauf an, mit ihr im Korridor, auf der Treppe zusammenzutreffen, aber wie ein Geist war sie dann von hinnen gehuscht, hinter irgend einer Tür verschwunden, die Treppe hinuntergeschnurrt ...
Der tolle Wirrwarr von Wut und Sehnsucht, von Ekel und Hingebung, in dem seine Tage, seine Nächte dahinrannen, trieb ihn immer und immer wieder ins Theater. Und dann sah und hörte er nichts von dem Stück — er sah, er fühlte, er träumte nur Jucunda. In welcher Gestalt, welcher Maske, welchem Gewande sie auf der Bühne stand, ihm galt es gleich. Er sah nicht die Künstlerin, er sah nur das Mädchen, dem seine Seele wie sein Leben verfallen war. Fiebernd, stumpfsinnig harrend ließ er die Auftritte an sich vorübergehen, bis sie erschien. Von folternden Schmerzen zermartert und doch an ihr Bild gebannt, weit vorgebeugten Oberkörpers, verfolgte er jeden Schritt, jede Bewegung, bis sie wieder die Bühne verließ oder der Vorhang fiel — er hätte seinen Nachbarn an die Kehle fahren können, wenn sie fanatisch Beifall trampelten, wenn sie wie toll ihr »Buchner! Buchner!« riefen ... Und wenn's zu Ende war, dann stand er draußen unter der harrenden Rotte der Verehrer, den Kragen seines Paletots hoch aufgeklappt, den Hut tief in die Stirn geschoben, sah sie vorüberschweben und mit königlicher Gnade ein Lächeln rechts, ein Lächeln links verteilen, atmete tief und stöhnend auf, wenn der Wagenschlag klappte, die Pferde anzogen ... Wenn aber nach der Premiere die schäumende Begeisterung der Jugend abermals den gewohnten Triumphzug entfesselte, dann stellte sich Valentin Pilgram inmitten derer auf, die von hinten Jucundas Wagen schoben, und arbeitete im Schweiße seines Angesichts. Dann war ihm am wohlsten, dann fühlte er sich ihr am nächsten ...
Und als er eines Tages auf den Anschlagsäulen ersah, daß der »Wallenstein« in Vorbereitung sei, da fiel ihm Thumsers Bitte ein, in diesem Stücke mit statieren zu dürfen. Damals hatte er als Senior diese Bitte abgeschlagen, nun nickte er sich selbst ein bitter lächelndes Ja, als eine Stimme in ihm befahl, er solle sich in die Schar der Pappenheimer Kürassiere mischen, um den Geliebten aus Theklas Armen und in den Schwertertod hineinzureißen ... Und so war er nun hier, in dieser pappdeckelnen, bretternen Trödelwand. Nie hätte er sich's träumen lassen ... Nun war er, der weiland Erste Franconias, ein Statist in Gruppe sechs ...
Die Probe ging ihren Gang.
Wie eines Meisters Hände den bildsamen Ton, so knetete Franz Burgs zielsichere Regie die Schar der zweiundsiebenzig jungen und älteren Männer in eine Horde entfesselter Pappenheimscher Soldateska um. Immer und immer wieder wurde eine Gruppe nach der andern die Treppe hinauf- und hinuntergejagt, jedes Knurren der Wut, jedes Aufheulen der Begeisterung wurde einstudiert, jede Bewegung, jeder Blick festgelegt und in das tausendmaschige Gewebe des farbenleuchtenden Teppichs eingefügt, den der Szenenmeister vor dem lauschenden Publikum zu entrollen gedachte. Und immer klarer, immer überzeugender modellierte sich das Bild des kurzen, erschütternden Vorganges heraus, wie die todestrunkene Schar der Kürassiere sich ihren Führer aus den Verstrickungen der Liebespflicht herausholt und ihn auf schäumender Woge hinwegreißt in Tod und Vernichtung. Keiner spürte Ermüdung, keiner nahm Anstoß am derbsten Poltern, am spitzigsten Spotte des eisernen Mannes, der diese Zweiundsiebzig am Drahte seines Willens zappeln ließ wie ebensoviel Marionetten.
Und endlich schien's getan: tief aufatmend lachte Franz Burg: »So, Herrschaften, ich denk', nun könnt Ihr's, jetzt kommt der Tragödie zweiter Teil: Rüstungen verpassen! Also Pause zum Verschnaufen und dann gefälligst gruppenweise hinauf zur Rüstkammer, dort laßt Ihr Euch die klapprigen Konservenbüchsen um den Leib hängen, holt Euch Euren Eisentopf und Eure Bratspieße — und denn geht's wieder von vorne los!«