»Das weiß ich nicht. Ich schäme mich es zu gestehen, aber ich sah ihn seitdem nicht mehr — meine Schuld — doch was will ich machen? Wenn ich nicht Franke bin, so bin ich Meininger, in jeder Stunde, Tag und Nacht. Ach, gnädigstes Fräulein, ich habe nie gedacht, daß es so etwas gäbe, daß man sich so ganz verlieren, so ganz vergessen kann! Ich lebe wie im Fieber — mir ist, als hätte ich Flügel — ich möchte tausend Augen, tausendfache Sinne haben, um all das festzuhalten, was in mir strudelt und braust. Was für Hexenmeister seid Ihr: alles, was ich ahnte, wenn ich in meinem Knabenstübchen die großen Dichter las, ist Leben geworden, Wirklichkeit, Erfüllung ... Und damit nicht genug, ich selber, ich schaue nicht nur, ich selber stehe mitten drin, in all dem Schwall — ein Strom von Glück und Sehnsucht braust unter mir und wirbelt mich auf und nieder. Wo soll ich hin mit all dem Drang — wo soll ich hin?!«
Lächelnd hob Jucunda die Hand und streichelte die glühenden Wangen des Jünglings, wie sie es heut morgen im Theater getan.
»Sie Dichter!« sagte sie, »Sie Dichter —! Lassen Sie es doch brodeln und gären, lassen Sie's doch! Machen Sie Gedichte daraus, schön wie das, welches Sie mir damals sprachen ... so schön und schöner noch!«
»Ja,« sagte er, »das will ich tun ... später einmal, später, wenn alles das vorüber ist ... denn ich weiß ja, es währt nicht ewig ... acht Tage noch, dann zieht Ihr fort ... und ich bin wieder, was ich war — ein armes Studentlein, Franconiae Fuchsmajor, einer von Tausenden — und um mich ist wieder nichts als Bier und klirrende Speere und Drogenwelt und die Dutzendgesichter meiner Kommilitonen — o Gott! wie soll ich das ertragen! Ich weiß, ich werde irgendeine Dummheit machen — ich laufe fort, in die weite Welt, dahin, wo Ihr seid — wo Sie sind, Sie wunderbarer Mensch — Sie Zauberin!«
»Das werden Sie nicht tun!« sagte Jucunda. »Ich weiß, daß Sie das nicht tun werden — ich weiß, Sie werden dann stille Stunden der Besinnung haben ... es wird Ihnen werden, wie es denen gewesen ist, deren Verse, deren Szenen wir abends sagen und gestalten. Sie werden dichten — glauben Sie's mir.«
»Ach, wenn das wahr wäre — wenn das möglich sein könnte!«
»Es wird so sein,« sagte Jucunda. Ihre Stimme war weich, ihre blauen Augen hingen an den braunen des Knaben. Soviel lebendige Dichter hatte sie nun schon gesehen in ihrem Leben: was waren das alles für reservierte, verbrauchte, zermürbte, grauköpfige Herren gewesen — wie hatten sie gezittert hinter den Kulissen, wenn ihre Stücke vom Stapel gingen, da draußen — wie hatten sie ängstlich auf den Applaus gelauert, wenn der Vorhang sank, wie hilflos sich hinausziehen lassen ins blendende Rampenlicht, um sich linkisch und schweratmend nach dem schwarz gähnenden Zuschauerraum hin zu verneigen, wo das Publikum über das Schicksal ihrer Schöpfungen entschied! — Dieser hier war noch ganz Poet, er wußte noch nichts von all dem Gräßlichen, das auf ihn wartete hinter den grauen Schleiern, die seine Zukunft verhüllten, ihn trennten von diesem schauderhaften Leben des angstvollen Ringens um Erfolg, um Gold und Lorbeer, in das sie selbst, die Achtzehnjährige, schon so tiefe Blicke hineingetan. In ihm sprudelten noch ganz ungetrübt die heiligen Quellen der Phantasie, darinnen Sonn' und alle Sterne sich spiegelten ...
Einen Augenblick war's ganz still im Zimmer — der Tee wurde kalt in den Tassen, und sein Duft mengte sich mit dem Rosenhauch, mit den blauen Wölkchen der Zigaretten, die durch die Stube kräuselten. Von der Straße her fiel der erste Laternenschein in die umdunkelte Stube und ließ die goldigen Schriften der Kranzschleifen matt aufglimmern. — Mit langsamen Bewegungen stand Jucunda auf, um Licht zu machen.
»Nicht doch,« wehrte Hans — »nicht Licht machen ... es ist so schön so.«
»Aber anders ist es besser!« sagte Jucunda mit leisem Lächeln und entzündete die Lampe. Und wieder ließ sie sich in das Sofa fallen und neigte den flechtenbeschwerten Kopf auf die Lehne zurück.