Wie seltsam das doch war —! Sie kannte so viel Männer von Geist und Rang ... wie kam's, daß ihr heut zumut war wie nie zuvor —? War's die Kraft, die ungebrochene, die ihrer selbst noch unbewußte, die sie ahnte in den Tiefen dieser empor sich ringenden Seele? War's die edlere Rasse, die sie witterte, sie, das Kind einer enggebundenen Welt, einer Welt ohne Schwung und Größe? Sie war Künstlerin genug, dies alles zu ahnen, was in dem jungen Menschen da vor ihr wirkte und wallte ...
Und Hans fragte sich immer wieder im stillen, ob das denn wahr, ob das denn möglich sei ... ob das Leben wirklich so schön sein könne, so maßlos reiche Gaben spende ...
Still war's. Von der Katharinenstraße heraus klapperten behäbig trottende Pferdehufe, der Schritt der Fußgänger, die von ihrer Arbeit heimwärts steuerten.
»Wie gut,« sagte Jucunda, »daß ich heut abend mal ausnahmsweise nicht spiele, so gehört uns diese Stunde wenigstens ganz!«
»Und wehe dem, der kommen wollte sie uns zu stören — Sie wissen das alles ja gar nicht — Sie wissen nicht, was das alles mir bedeutet, was Sie mir bedeuten — ich weiß es selber erst seit wenig Augenblicken. Ich denke zurück an zwei Abende meiner Jugend, die der Wendepunkt waren, ich fühle es nun. Ihr spieltet daheim, in dem alten engen Stadttheater an der Rathausbrücke — Sie waren eben entdeckt worden, ein märchenhaft aufleuchtender Stern — und ich, ein sehnsüchtiger Primaner droben auf dem zweiten Rang im »Wallenstein« — Sie drunten als Thekla mit der Laute in den rotsamtnen Vorhang geschmiegt, weißleuchtend abgehoben von dem riesigen Glasfenster, durch das die sternlose Nacht hineingähnte. Sie sangen Ihr Lied, Sie wissen's ja — Sie singen's übermorgen wieder — Und wissen Sie, wie ich Sie empfand? Sie waren die leuchtende Seele des gigantischen Gedichts, Sie waren die Schönheit, die versinken muß unterm erbarmungslosen Schritte des Schicksals — Sie waren die Tugend, die zermalmt wird von den geifernden Kinnbacken des Verbrechens, Sie waren ... das Ideal, das waren Sie ... ach! und Sie sind's mir geblieben. Jetzt fühl' ich's, daß Sie immer mit mir gegangen sind in den zwei Jahren — und nun, ist's möglich! Nun sitze ich Ihnen gegenüber, könnte Ihre Hand erreichen, wenn ich's wagte, darf in Ihre Augen sehen und fühlen: das Geschick meines Lebens ist über meinem Haupt.«
Seine Stimme zitterte — die braunen Augen leuchteten, der Atem flog.
»Und dennoch —« sagte Jucunda langsam, großäugig — »und dennoch haben Sie Asta Thöny geküßt.«
»Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt. — — Wie soll ich Ihnen das erklären — sie war die erste, die kam, damit ist alles gesagt. Sie hat mich genommen, weil alles in mir nach der Erfüllung lechzte, die nur Jucunda heißen durfte. Ach! so ist's wohl stets im Leben, daß man sich bescheiden muß und dankbar sein, wenn man Kupfer bekommt für Gold. Das andere, das ganz große Glück, das gibt's ja nicht, das darf's ja gar nicht geben — denn gäb' es das, wir wären Götter und nicht Menschen ... und Götterschicksal erträgt sie ja wohl nicht, diese arme, irdische Seele, dieser schwache, tönerne Leib. — Und doch, ich fühl's: daß ich das habe tun können, daß ich, Ihr Bild im Herzen, die andere umarmt habe, das hat mich Ihrer unwert gemacht und unwert auch all dessen, was ich mir an eigenem Wert und Werden erträumt habe. Ja, Jucunda, ich habe Asta Thöny geküßt — und nun muß ich ja wohl auch gehen, nicht wahr?«
Er war aufgestanden, gesenkten Auges stand er neben ihr. Da griff sie nach seiner Hand:
»Du lieber, süßer, dummer Junge, Du ... Hans Thumser, kleiner dummer Bub, komm, sei vernünftig, setz' Dich mal her zu mir aufs Sofa. Ja, es ist schade, lieber Freund, daß Sie so zu mir kommen — aus den Armen der andern. Aber vielleicht bin ich selber dran schuld ... warum habe ich Sie nicht erkannt beim erstenmal, da wir uns sahen? Ich, ich bin in Ihrer Schuld, ich war in Wirklichkeit die Dumme ... die Blinde ... Doch was tut's, das alles? Ich will, daß es nicht gewesen sein soll — und es ist fort — ich wisch' es aus, ich streiche den Namen Asta Thöny von der Tafel Deines Lebens ... Und nun ist nichts mehr da als ich, nicht, mein Hans?!«