»Sieh, sieh!« schmunzelte der Oberregisseur. »Also ein zukünftiger Bühnenlieferant. Na, dann soll er sich erst recht schießen!«

»Aber Herr Burg ... um Gottes willen!«

»Ja gewiß soll er. Entweder er geht drauf — na, in Gottes Namen: er ist der erste nicht. Wie mancher Homer ist blind geworden, ehe er Zeit gehabt hat, die Welt, das Leben so tief in sich hineinzusaugen wie der alte Griechenbarde ... Wie mancher Aeschylos mag in der Seeschlacht gefallen sein, wie mancher Schiller auf der Karlsschule in Verzweiflung und Verblödung hineingeknutet ... Das ist Kismet ... Wenn er aber übrig bleibt, glauben Sie nicht, daß er dann ein ganz andrer Kerl ist wie vorher, wenn er mal dem Tode ganz nahe ins Gesicht gesehen hat? Glauben Sie nicht, daß er Ihnen nachher noch viel schönere Verse machen wird; daß er noch 'ne ganz andere Nummer von Tragödie zustandebringt, wenn er erst mal erlebt hat, wie einem zumute ist, der die Nase hinhalten muß, wenn's drüben blitzt und knallt?«

Asta sprang auf, rannte schluchzend zum Fenster.

»Das ist entsetzlich, Herr Burg, das ist grausam!«

»Ne, das ist klug, das ist weise, Kindchen!«

»Also gut!« schrie die Kleine, warf sich herum, stand mit geballten Fäusten vor dem Oberregisseur, das reizende Gesicht von Grimm und Haß verzehrt. »Also gut! Sie sollen sich schießen ... einer soll auf dem Platze bleiben, alle beide — was kommt dabei heraus?! Nur eine neue Reklame für sie, für die große Jucunda! Was wird's heißen? Zwei Studenten haben sich geschossen ... wegen ihr, wegen Jucunda Buchner! Das ist's ja auch, was sie will, darauf hat sie's ja auch angelegt mit allem Raffinement, die Katze, die verdammte! Der ist's recht, wenn ein paar so fesche junge Kerle zum Teufel gehen ihretwegen — das paßt ihr grad in ihren Kram, dem hundeschnauzenkalten Weibsbild, das an nichts denkt — nur an sich, nur an sich!«

»Ach so!« lächelte Franz Burg. »Da zielt's hinaus! Mag sein, Sie haben recht, Kindchen ... Vielleicht ist unsere große Jucunda wirklich eine ganz haarsträubende Egoistin — aber ich wollte zu Ihrem Besten, Kleine, Sie selber wären's auch. Wenn Sie das erfreuliche Temperament, das Sie anscheinend im Leben besitzen, ein bißchen mehr zusammenhielten und auf Ihre Kunst losließen, statt auf Ihre ... auf die Mieter Ihres Herzenskämmerleins — glauben Sie mir, Sie wären eine größere Künstlerin, als Sie's leider sind. Sagen Sie mir nichts gegen die Jucunda, die ist ganz gut so wie sie ist. Die ist, was Sie nicht sind: eine Komödiantin. Die fühlt und weiß, wozu sie auf der Welt ist: nämlich zum Komödienspielen! Lieben und sich lieben lassen — schöne Sache, o ja, für die andern, für die Alltagsweiber — aber nicht für Euch. Zusammenhalten sollt Ihr Eure Glut, kalt wie Hundeschnauzen sollt Ihr meinetwegen sein im Leben, wenn Ihr nur abends, sobald der Lappen in die Höhe fliegt, Vulkane seid, wie die Jucunda einer ist! — Na, haben Sie noch weiter Schmerzen, Kleine?«

Gesenkten Blickes, mit zuckendem Kinn hatte Asta die Standrede des Meisters über sich ergehen lassen. Nun warf sie den Kopf trotzig in den Nacken, stampfte mit dem Fuß auf:

»Ich will aber nicht, ich will nicht, daß der lange Pilgram mir meinen süßen Jungen totschießt! Wollen Sie mir helfen, wollen Sie mir einen vernünftigen Rat geben?! Oder soll ich meiner Wege gehen?«