»Also, rücken Sie dem alten Pilgram auf die Bude und petzen Sie ihm, daß sein wackerer Sprößling seinen Monatswechsel dazu mißbraucht, statt hinter seinen Büchern zu hocken, andern jungen Leuten Löcher in den Bauch zu schießen. Ich wette, dann entwickelt sich alles weitere historisch.«
Asta sprang auf den Oberregisseur zu, der noch immer langhingestreckt auf dem schminkfleckigen Sofa lag, fiel ihm um den Hals und küßte ihn stürmisch.
»Ach, Franzel, Sie sind doch der Allerbeste! Das wird gemacht, das ist die Rettung!«
»Aber bitte, erst nach dem 'Lager' — die kleine Oerzen ist krank geworden. Sie spielen heut abend die Gustel von Blasewitz. Nachher reisen Sie meinetwegen, wohin Sie wollen.«
»Ich danke Ihnen, oh, ich danke Ihnen tausendmal, Sie Goldiger!«
»Es ist ein Skandal,« knurrte Franz Burg. »Da hat unser Herrgott endlich mal wieder eine richtiggehende Tragödie angelegt, und so ein dummes, kleines Gör zerreißt ihm das Konzept und macht eine Posse draus!«
15.
Wenige Minuten nach halb zwölf stieg Asta Thöny am Böhmischen Bahnhof in Dresden aus dem Leipziger Schnellzuge. Sie hatte schon in Leipzig das Dresdener Adreßbuch eingesehen und festgestellt, daß der Senatspräsident am Oberlandesgericht Heinrich Pilgram in der Marschallstraße Nummer zweiundzwanzig wohnte.
In dem milderen Klima der Residenzstadt war der Neuschnee des gestrigen Tages schon geschmolzen und hatte das Pflaster mit einer zähen Schlammkruste überzogen. In den Straßen war schon alles Leben erstorben. Trübselig spiegelte sich der Schein der Straßenlaternen in den Kotlachen der überschwemmten Rinnsteine. Trübselig klapperte der Gaul durch die physiognomielosen Straßen der Vorstadt und durch die kaum angebauten Alleen an der Grenze der Altstadt.
Eigentlich doch ein wahnsinniger Plan: um Mitternacht einer wildfremden Familie auf die Bude zu rücken! Aber schließlich, man hatte doch wohl alle Veranlassung, ihr dankbar zu sein. — Endlich: da stand sie vor der Pforte einer vierstöckigen Mietskaserne, und während der Wagen von dannen rollte, riß sie sich schier die Hände ab in dem Bemühen, den Portier zu alarmieren.