»Ernsthaft gesprochen, Durchlaucht!« sagte der Major etwas verärgert, indem er seinen Gaul in Schritt fallen ließ, »ich lasse Ihnen jede harmlose Affäre durchgehen — wenn sich aber etwas Ernsthaftes anspinnt, berichte ich a tempo nach Dillingen! Ihr erlauchter Herr Vater hat mich kategorisch dahin instruiert: keine Weibergeschichten! Und ich glaube diese Instruktion ganz im Sinne meines gnädigen Herrn aufzufassen, wenn ich —«

»Wie kann man sich nur so sinnlos aufregen, mein Teuerster! Also weil es mir Vergnügen macht, mal ein paar Vormittage im Leipziger Ratsholz spazieren zu reiten, und weil ich dabei gelegentlich die Hoffnung ausgesprochen habe, einen gewissen grauen Schleier noch einmal wehen zu sehen, wittern Sie bereits allerlei Tragödien!«

»Ich gestatte mir, Durchlaucht, mich auf meine Menschenkenntnis zu berufen. Es ist wider die Natur, wenn ein von seinem gnädigen Herrn Vater mit überaus auskömmlicher Apanage ausgestatteter und dank meiner überaus riskierten Nachsicht bereits einigermaßen erfahrener junger Prinz einer Theatermamsell wegen, die er ein einziges Mal von weitem gesehen hat, an drei nacheinanderfolgenden Tagen um fünf statt um neun Uhr aufsteht. Wenn ich das nach Dillingen berichte, gibt's eine Katastrophe! Hab' ich nicht recht?«

»Von weitem gesehen?« schmunzelte der Prinz. »Ich habe mir bereits eingehenderes Material verschafft!« Und er holte einen großen Umschlag aus seiner Rocktasche, reichte ihn von Schimmel zu Rappen zum Major hinüber. Dem fielen beim Oeffnen drei Bilder in die Hand: es waren Darstellungen eines jungen Mädchens; zunächst im Straßenkleide — Pelzjäckchen, Barett, Muff — und dann im Eisenharnisch mit bloßem Haupt, aufgelösten Haaren, ein Schwert und eine Fahne in Händen — und endlich im Samt, mit riesigen Puffenärmeln, das Gesicht von langen Ringellocken umwallt und von einem starren weißen Rundkragen eingesäumt ...

»Kreuzmillionen —!« entfuhr es dem Major. »Das ist —?!«

»Das ist — sie,« sagte der Erbprinz, und über seinem fahlen Lebemannsangesicht lag eine Sekundanerröte, die dem Major völlig fremd war an seinem Zögling. Er starrte den jungen Mann an, als sehe er ihn zum erstenmal.

Verdammt — also so stand die Sache?! Nun hieß es aber wahrhaftig aufpassen ...

Der Major reichte die Bilder zurück. »Na ja,« sagte er im Tone völliger Wurstigkeit, »die Buchner ... Gott, warum nicht? Wenn Sie sich auf die nun mal kaprizieren, Durchlaucht — von meiner Seite aus steht nichts im Wege! Nur fangen Sie's vernünftig an und halten Sie sich nicht zu lange bei der Vorrede auf! Also wir werden sie auf — na sagen wir auf morgen abend, heut nach der Premiere wird sie schwerlich abkömmlich sein — wir werden sie auf morgen abend zum Souper einladen — sie mag noch eine Kollegin mitbringen — und dann entwickelt sich alles weitere glatt und prompt historisch!«

Der Erbprinz antwortete nicht. Er gab dem Gaul die Schenkel, und zwar so heftig, daß das rassige Tier ganz erschrocken zusammenfuhr und dann in tollen Sätzen von dannen raste. Der Major flitzte hinterdrein und überlegte im Hinsausen, ob er das als eine Zustimmung zu seinem Vorschlage aufzufassen habe.

Auf jeden Fall — geschehen mußte es. Und wenn sein Schützling, ein wenig verspätet allerdings — na, wie nannte man das noch — hm, hm! sein — sagen wir also: Herz entdeckt hätte — dann möglichst schnell diese kleine Entgleisung auf den Normalweg zu dem üblichen, gefahr- und schmerzlosen Ausgang leiten ... So befahl es Pflicht und Instruktion ...