Und in Gedanken redigierte er folgendes Billett, das er heut abend bei der Premiere mit einer aufmunternd luxuriösen Blumenspende auf die Bühne lancieren wollte — heut abend? Nein — da würde die Aktion vermutlich ihren Effekt verfehlen — würde untergehen in einem Wust und Ueberschwall ... nein, morgen früh zum Frühstück — das wird das richtige sein! Also ungefähr folgendermaßen würde er schreiben:
»Mein sehr verehrtes etcaetera! Zwei aufrichtige und hingerissene (gerissen ist sehr gut!) Verehrer Ihrer Kunst würden es sich zur höchsten Ehre und Freude rechnen, Ihre nähere Bekanntschaft etcaetera etcaetera. Wir wagen deshalb die dreiste Bitte, daß es Ihnen, Verehrungswürdige, gefallen möge, morgen, Donnerstag abend, nach der ersten Wiederholung der »Jungfrau« mit uns im Hotel Hauffe zwanglos zu soupieren ... Sollten Sie unter Ihren liebenswürdigen Kolleginnen eine nähere Freundin haben, die es nicht verschmähen würde, eine Stunde in harmlos vergnügter Gesellschaft etcaetera, so würde uns das eine ganz besondere etcaetera ... In Voraussetzung Ihrer Zustimmung werden wir uns erlauben, nach Schluß der Vorstellung ein Coupé zur Verfügung der Damen am Bühneneingange etcaetera. Mit der Versicherung unserer vollkommensten Bewunderung Ihre aufrichtigen Verehrer
v. Dillingen. v. Gorczynski.«
Na ja — das übliche Schema — das nie versagende ... pöh ... eine Komödiantin ... wenn's weiter nichts ist ...
Und schließlich die Hauptsache: zwei blaue Lappen hinein — für jede einen — damit die guten Kinder auch gleich merken, daß man ernsthafte Absichten hat — nicht wahr?
3.
Am Mittwoch nachmittag um fünf war der allwöchentliche Seniorenkonvent: die Zusammenkunft der Korpsburschen sämtlicher Leipziger Korps. Sie fand auf der Kneipe des präsidierenden Korps statt: zurzeit war's Neo-Borussia, die ihr Heim in nächster Nähe der Franken aufgeschlagen hatte, im ersten Stock eines gleich uralten, verräucherten, verwahrlosten Kneiphauses, wie der altberühmte Cafébaum eins war, in dem Franconia residierte. Es stand irgendeine der welterschütternden Fragen auf der Tagesordnung, um welche sich ein hoher S. C. an jedem Mittwoch Nachmittag die Köpfe zu zerbrechen pflegte. Diesmal lag vor — na was noch? — lag vor ein Antrag von Misnia und Thuringia, ein wohllöblicher S. C. wolle beschließen, daß die Klingen der Mensurspeere an der Spitze in Zukunft nicht mehr rechtwinklig und scharfkantig abgeschliffen würden, wie es bisher üblich war, sondern abgerundet ... Infolge des eckigen Schliffs waren nämlich an den letzten Bestimmtagen ein paar so [hahnebüchene] Knochensplitter herausgekommen, daß die Paukärzte kategorisch Wandel verlangten: die Klingen sollten in Zukunft an der Spitze halbkreisförmig geschliffen werden ... Das war natürlich ein Problem von fundamentaler Bedeutung, und so erhitzten sich die Gemüter immer mehr und mehr, immer stärker wurde der Bierkonsum, immer massiver der Zigarren- und Zigarettenqualm ... und immer hastiger rückte der Zeiger jener Stunde zu, da im Carolatheater das Gastspiel der Meininger beginnen sollte ... Theater — pah! Wer hat Zeit, ans Theater zu denken, wenn der bittre Ernst des Lebens einen im Bann hält?
Einer hatte Zeit: der schlanke Fuchsmajor der Franken natürlich — er saß auf Kohlen und hätte sich mit Vergnügen bereit erklärt, sich am Sonnabend auf Mensur mit einem kantig geschliffenen Speer ein halbes Dutzend Knochensplitter aus dem Schädel hauen zu lassen, wenn er dadurch diese entsetzliche Debatte hätte abkürzen und den Anschluß an den Beginn der Vorstellung hätte erreichen können ...
Endlich wagte er ein Aeußerstes. Er ging leise zum Ersten hinüber, neigte sich und flüsterte ihm — der mit aller Nervenanspannung der hitzigen Rede seines Gegenpaukanten vom vergangenen Sonnabend, des Meißner Zweiten, folgte — flüsterte ihm ins Ohr:
»Pilgram, ich darf Dich vielleicht daran erinnern, daß Durchlaucht mich auf heut abend in seine Loge eingeladen hat — da darf ich doch keinesfalls zu spät kommen ... würdest Du wohl gestatten, daß ich den S. C. verlasse?«
»Du bist verrückt!« knurrte Pilgram halblaut. »S. C. geht doch vor allem andern vor! Du siehst, ich muß ja auch aushalten!«