8.
Als Hans Thumser inmitten seiner Korpsbrüder das Theaterrestaurant verließ und über den sonnenflimmernden Augustusplatz, die mittäglich durchhastete Grimmaische Straße nach dem Baarmannschen Lokal am Markt hinüberspazierte, wo das Korps speiste — da wirbelte ihm der Kopf dermaßen vom Fieber des Erlebens, daß die erregten Gespräche der Freunde nur wie aus weiter Ferne zu ihm herüberklangen. Und doch disputierte er selber eifrigst mit ... Es war ja kein Ende zu finden des Ueberlegens und Projektierens — wie alles kommen würde — ob man sich nicht übereilt, ob Pilgram, ob das Korps richtig gehandelt, ob sich nicht eine minder schroffe Lösung des Konflikts hätte finden lassen ... Wie der Erbprinz sich stellen würde ... und schließlich doch auch der Hof in Nassau-Dillingen ... was der für Weisungen erteilen würde ... und was all der welterschütternden Schicksalsfragen mehr noch waren.
Und dabei immer der heimlich bohrende, süß erregende, wonnesam beklemmende Hintergedanke an ... heut nachmittag ...
Und so in Wirrnis und Ahnung verrannen die Stunden ... Jetzt ward alles andre verdrängt durch das Mitgefühl mit Valentin Pilgrams Schicksal, des Korpsbruders, der so ganz anders geartet war, mit dessen Wesen das eigene niemals harmonisch hatte zusammenklingen wollen ... und dessen starkgemute Jungmännlichkeit dennoch die lebenshungrige Seele fest in ihren Bann geschlagen hatte — längst eh dies opferstolze Einsetzen seines ganzen Daseins für ein fremdes Mädchen, das Kind einer andern Welt ... eh' diese Tat sein Bild in eine fast heroische Sphäre emporgehoben ...
Und dann wieder schwirrten mit scheuem Flügelschlage die Gedanken um das eigene Hoffen und Bangen ...
Und seltsam: Astas und Jucundas Bilder, sie rannen zusammen in der Seele ... Wer war's eigentlich, der ihn erwartete heut um fünf? War's nicht jener Dämon, der in seines Korpsbruders Leben so verhängnismächtig hineingegriffen? Jucunda! Jucunda! Der Name klang aus allen Gesprächen, die in der Runde hin und wider flogen ... Daß es überhaupt eine Asta Thöny gab, das wußte ja nur einer von seinen Freunden, und dieser eine — der war fern ... war ausgeschieden aus dem Bunde, dem sein ganzes Herz gehörte, für dessen Farben er in siebenundzwanzig Waffengängen sein junges Herzblut vergossen ... ausgeschieden um jener andern willen ... und selbst dieser eine hatte sie doch nur auf der Bühne gesehen — ahnte nicht, daß sie mit Hans Thumser unter einem Dache wohnte ... konnte nicht ahnen, daß sie heimlich nächtens in ihre Kissen weinen und dann plötzlich lachen konnte, so girrend, so atemversetzend.
Nach dem Mittagessen blieb das Korps beim Kaffee noch lange zusammen. Die Füchse wurden fortgeschickt, und immer und immer wieder in heftigen Disputen drehten und wendeten die Korpsburschen das Ereignis des Tages. Hans aber zog von Zeit zu Zeit heimlich die Uhr und zählte, wie eine Viertelstunde um die andere verrann von jenen, die ihn noch von dem größten Erlebnis seines jungen Daseins trennten ... Und einmal zog er heimlich auch sein Portemonnaie und stellte fest, daß er heute, am einunddreißigsten Oktober, noch fünfundachtzig Pfennige sein eigen nannte ...
Teufel auch! Wenn man die Farben eines Korps trägt, kann man unmöglich ohne ein bescheidenes Blümchen in der Hand bei einer Dame zum Tee antreten ... Und Hans Thumser pumpte sich von Volkner, der immer Geld hatte, eine Mark ...
Und endlich war's dreiviertel fünf ... Und wie ein Träumender strich Hans Thumser die Petersstraße hinunter, einen Busch rosa Dahlien, in Seidenpapier gewickelt, in der Hand ... Zu wem ging's? Zu Asta? Zu Jucunda? Er wußte es nicht ... es ging ... zu ihr ...
Und so war's fast eine Selbstverständlichkeit, daß er sie nun beide fand ...