Das war ja doch eigentlich ein Unsinn ... Was gingen ihn, den fremden jungen Mann, ihre Tränen an? Was berechtigte ihn, für diese Tränen Sühne zu fordern? Da war irgend etwas, das stimmte nicht ... ein Fehler, ein Gedankenfehler ... Und aus diesem Fehler war alles entstanden ...

Dennoch ... Sie fühlte es ganz deutlich: Um das törichte, unbesonnene Handeln des Jünglings war etwas Leuchtendes, etwas, das den Taten des Mädchens von Orleans verwandt war ... Und es war wie in Talbots Worten, des eisigen Vernünftlers, dessen hundeschnäuzige Kriegsmathematik vor dem frommen Wahn der Jungfrau zusammenbrach:

»Unsinn, du siegst ... und ich muß untergehn ...«

Und während Jucunda Buchner den Brief kuvertierte und die Adresse darauf schrieb:

»Herrn Stud. Pilgram«

— seinen Vornamen entsann sie sich auf der Visitenkarte gelesen zu haben, die er an seine Tür genagelt hatte, aber er wollte ihr nicht einfallen — als sie so schrieb, da empfand sie es ganz deutlich, ganz unabweisbar, daß sein Tun gut und groß gewesen war ... und ihres frostig und häßlich und gemein ...

»Da, Mutter, steck den Brief in Deinen Pompadour ... und jetzt« — sie zog die Uhr — »sieben bereits!« Donnerwetter! Jetzt revidierte der Inspizient drüben schon die Garderoben! Teufel auch — höchste Zeit ins Theater — »Vorwärts, Mutter!«

»Willste nich Deine Kollegin daneben abholen?«

»Na — die wird wohl schon hinüber sein — aber ich kann ja mal nachsehen ...«

Sie klopfte an die Tür des Nachbarstübchens, und da keine Antwort kam, klinkte sie auf. Die kleine Kammer lag dunkel und still. Nur durch die Fenster fiel der Schein der Gaslaternen von der Straße durch die Gardinen, malte ein paar große Rechtecke an die weißgetünchte Decke. Also Asta Thöny warf sich drüben bereits wieder in den steiflinigen Brokat der Agnes Sorel ...