»Es ist gut, Mutter ...« sagte Jucunda und wandte sich ruhig um. »Ich will Herrn Pilgram schreiben ... jetzt gleich ... er soll seine Forderung zurückziehen ... Den Brief kannst Du ihm hernach — wenn wir aus dem Theater nach Hause kommen — dann kannst Du ihm den Brief auf die Stube legen ... Hoffentlich ist er nicht zu Hause, wenn wir kommen — sonst — na sonst mußt Du ihm den Brief eben geben.«

»Na, das is verninft'g von Dir, Mädchen!« seufzte die stattliche Frau und atmete tief auf, daß die Korsettstangen knackten. »Hier, mache nur schnell ... Da is ja der Schreibtisch, und Briefpapier liegt ooch genug herum — gleich setz' Dich und schreib'! Kannst Dich ja hernach bei dem Herrn entschuld'gen ...«

Jucunda ging zum Schreibtisch des Studenten hinüber, fand Briefbogen, entdeckte aber, daß sie sämtlich oben in der linken Ecke den Zirkel des Korps Franconia und darunter das Monogramm des Eigentümers trugen. Da drehte sie kurz entschlossen einen Bogen herum und schrieb auf die Rückseite:

»Leipzig, den 31. Oktober 1888.

Sehr geehrter Herr!

Ihr ritterliches Eintreten für mich hat den gewünschten Erfolg gehabt: die beiden Herren, die mir diesen abscheulichen Brief geschickt haben, haben mündlich bei mir um Entschuldigung gebeten. Ich bin über diese Lösung hocherfreut und danke Ihnen innigst für Ihren gütigen Beistand, ich weiß wohl, daß Sie mir ein großes Opfer gebracht haben. Nun ist der Zweck Ihres Handelns erreicht. Bitte tun Sie mir nun auch den Gefallen und nehmen Sie so bald als möglich Ihre Herausforderung zum Duell zurück, damit nicht noch weitere Unannehmlichkeiten entstehen.

Ich bin mit der nochmaligen Versicherung meines aufrichtigen Dankes

Ihre ganz ergebene

J. B.«

In einem Zuge, ohne Besinnen, hatte Jucunda geschrieben: Nun überlas sie die Zeilen und wunderte sich, wie klar und einfach und selbstverständlich das alles klang. Und darum wunderte sie sich noch viel mehr, weshalb ihr nur so übel dabei zumute war. Sie hatte ja doch recht, tausendmal recht ... Es war eine so klare vernünftige Lösung — es konnte ja doch schlechterdings nicht anders gemacht werden ...

'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...'