Jucunda stand am Fenster, noch immer regungslos. Und hinüber, herüber schossen die Gedanken, anklagend und entschuldigend ...

Mutter Doris saß ganz still und gedrückt in ihrem Kanapee ... Daß sie eine furchtbare Dummheit gemacht, als sie das verhängnisvolle Briefchen aus der Hand gegeben ... das war ihr nun völlig klar ... Ihre spießbürgerliche Verschlagenheit sagte ihr ja nun selber, daß man aus solchen Beweisstücken Kapital hätte schlagen müssen ... Selbstverständlich nicht im materiellen Sinne — o nein, so etwas hatte man ja gottlob nicht nötig ... Aber man kann doch nie wissen, wozu man ein solches Zettelchen einmal gebrauchen kann ... So etwas läßt man sich doch nicht ganz umsonst aus den Fingern drehen ...

Und dies Bewußtsein: die einzige Waffe, die ihre Tochter besaß, blöde, gedankenlos aus der Hand gegeben zu haben — das machte sie klein und stumm ...

Jucunda schloß unterdessen ab. Ganz kühl, ganz klar hatte sie alles abgewogen. Nein, es ging nicht ... Sie konnte sich nicht, wider ihre innersten Lebensinteressen, von dem Don-Quichotte-Streich des jungen Burschen durch dick und dünn fortschleppen lassen ... Losketten mußte sie das Schiff ihres Glücks von der toll und steuerlos dahinrasenden Fahrt des überheizten Dampfers, der sie so mir nichts dir nichts ins Schlepptau genommen ...

Und doch ... und doch ...

'Sie haben weinen müssen ... Das sollen sie mir bezahlen ... die zwei ...'

Wenn man — diesen Ton, diesen Blick nur los werden könnte ...

Pah ... Es mußte sein ...

Und schließlich und endlich — wer war Herr Pilgram?! Ein gleichgültiger junger Mensch, von dem sie nichts wußte, als daß er sie einmal sehr grob in ihrer Arbeit gestört ... sich für diese Grobheit dann freilich sehr manierlich entschuldigt ... und eine Abendstunde mit ihr geplaudert hatte ... in der sie, das wußte sie ganz genau, ihm nicht die leiseste Andeutung einer Sympathie gemacht hatte, die sie ja auch nie empfunden hatte ... Denn schließlich, sie machte sich ja doch nicht das mindeste aus ihm ... Er war ein kreuzbraver, aber doch durchaus alltäglicher Geselle ... Ja, wenn noch etwas in ihrem Herzen sich geregt hätte bei dem Gedanken an ihn ... die Ahnung von etwas Besonderem ... wie sie es eben, vor einer halben Stunde, so deutlich gefühlt hatte im Gespräch mit ... jenem andern grünbemützten Studenten, in dessen Zimmer sie jetzt stand ... der so schöne Verse machen konnte und so seltsam verhaltene Worte reden... in dem irgend etwas gärte und brodelte, das ihrem eigenen Wesen und Wollen auf eine geheimnisvolle Weise verwandt war ...

Nein ... Herr Pilgram war ... irgendein Herr Pilgram ... war nichts und niemand ... Herr Pilgram hatte sich in ihr Leben eingedrängt ... man würde ihn mit möglichster Schonung, doch unmißverständlich wieder hinauskomplimentieren müssen ...