»Sie haben weinen müssen — — — das sollen sie mir bezahlen, die zwei ...«

Wie gut, wie tapfer, wie ... heldenhaft seine Worte, seine Tat ... und nun?!

Hieß das nicht ... ihn schmählich verleugnen ... wenn sie nun zurückwich, sie ... und dadurch seiner Tat den ritterlichen Glanz raubte ... sie zu einer Narrensposse, zu einem Dummenjungenstreich erniedrigte?

Aber ... ihre eigene Zukunft? Ihre Karriere? War das nicht alles, alles das, was der Major ihrer Mutter angedeutet hatte ... waren das nicht alles Wahrheiten?!

Einen Augenblick lang war sie geneigt, das alles in den Wind zu schlagen ... Pah ... Engagement in Frage gestellt ... Bericht gegen sie beim Hof in Meiningen ... War sie nicht Jucunda Buchner? Brauchte sie die Hoftheater? Oder brauchten die Hoftheater — sie?!

Ach nein ... So stand es doch nicht ... Man war nicht immer achtzehn Jahre, nicht immer eine neue Entdeckung, eine Sensation, eine Mode ... Jucunda wußte schon viel, viel zu viel von den brutalen Gesetzen der Macht, der Laune, des Glücks, des Wechsels, welche die schillernde Welt regierten, in der es ihr bislang so herrlich, so unverdient und unfaßbar glänzend gegangen ... sie dachte an ihre alte, verknitterte Garderobiere, die auch einmal eine vergötterte junge Liebhaberin gewesen war — freilich nur am Stadttheater in Stallupönen, aber je höher der Anstieg, um so grimmiger die Gefahr, um so steiler und zerschmetternder der Sturz ... Nein, beim Theater konnte sich niemand erlauben, nur auf sein Talent, seine eigene Kraft und Persönlichkeit zu bauen und die Gunst der Mächtigen, der Brotgeber leichtsinnig zu verscherzen ... Niemand konnte sich das erlauben, auch Jucunda Buchner nicht ...

Er ... oder ich — — so stellte sich schließlich die Frage ... und waren da die Chancen nicht doch zu ungleich? Schließlich ... ersparte sie nicht auch ihm durch ihren Entschluß, ihn fallen zu lassen, das größere Opfer, das noch ausstand? Das Risiko eines, nein zweier Zweikämpfe mit schweren Waffen, unter den schärfsten Bedingungen? Ersparte sie ihm nicht den definitiven, den viel größeren, gar nicht wieder gut zu machenden Skandal?!

Eine ... Enttäuschung ... eine schmerzliche Wunde für sein jugendlich enthusiastisches Empfinden bedeutete es ihm, wenn sie sich zurückzog ... mehr doch nicht ... Für sie aber stand ihre ganze Zukunft, ihre Zukunft als Künstlerin wie ihre materielle Existenz auf dem Spiele ...

Gab es da eine Wahl?

Und letzten, allerletzten Endes: Hatte er das alles nicht sich selber zuzuschreiben? Hatte sie ihn um seinen Schutz — gebeten?! Nein, das hatte sie nicht getan, mit keinem Wort, keinem Blick ... Er hatte sich zum Verteidiger ihrer Ehre aufgeworfen ... Hatte sich eigentlich, wenn man es einmal mit einem etwas scharfen Ausdruck bezeichnen wollte, aufgedrängt ... Und hatte sie nicht alles Mögliche versucht, ihn von diesem unerbetenen Opfer abzuhalten?! Aber er war ja fortgestürmt, als ging's um seine eigene Ehre, um sein Leben ...