»Hättest Du das man getan, Mutter ... Ich hätte dem Herrn schon beigebracht, wie man mit Jucunda Buchner spricht — das kannst mir glauben! Ach — aber es ist ja alles egal ...«
Sie reckte sich ... ein harter Glanz kam in ihre Augen ... Noch eine knappe Stunde, und die Rampenlichter flammten auf, und sie tauchte hinein in ihren blendenden Schimmer — und von jenseits, aus dem dunkel gähnenden Zuschauerraum, dampfte die Vergötterung der anderthalb Tausend ihr entgegen ...
»Was wirscht De denn nu anfangen?« fragte Mutter Doris ganz halblaut. »Wo der Herr Major doch verlangt hat, Du sollst machen, daß der ... der Herr Korpsstudent seine ... seine Aufforderung zum Duell ... daß er die zurück tut nähm'!«
Jucunda versank in einen Wirbel der Gedanken. Das Bild des jungen Gesellen stieg in ihr auf, der so viel für sie getan ... aus einem ritterlichen Empfinden heraus, das so einfach, so natürlich war, daß Jucunda es wohl verstehen mußte, würdigen konnte in seiner schlichten, starken Mannhaftigkeit ... Und nun sollte sie selber von ihm verlangen, daß er den kühnen, verhängnisvollen Schritt, den er zu ihrem Schutze getan — rückwärts tun sollte ... Sie war in einer Luft groß geworden, in die immerfort, aus den Stübchen der Mieter ihrer Eltern in die gute Stube da hinten mit den grünen Plüschmöbeln, in die Träume ihres eigenen Mädchenkämmerleins hinein — die romantischen Vorstellungen und Begriffe von korpsstudentischem Schneid, von Burschenehre hineingeweht waren ...
O sie wußte ganz genau, was es für den weiland Ersten Chargierten der Franconia bedeutete, aus dem Korps auszutreten, um einen Prinzen, der an offiziellen Kneipabenden die grüne Mütze anlegte, zum Säbelduell fordern zu können ... und was es nun erst bedeuten mußte, wenn sie ihm zumutete, seine Forderung zurückzunehmen, ohne daß eine Sühne erfolgt war ... ohne selbst eine formelle Bitte um Entschuldigung ... denn als eine solche konnte doch der Besuch des Majors, seine unverblümten Drohungen, die Erlistung des Briefes und des Geldes aus der Hand der hilf- und ahnungslosen Mutter unmöglich aufgefaßt werden ...
Immerhin — hier war der Ansatzpunkt. Die Sache mußte dem Studenten so dargestellt werden, als habe der Major den Auftrag gehabt, eine Bitte um Verzeihung im eigenen Namen und im Namen seines prinzlichen Zöglings zu überbringen ... als ob er diese Bitte auch tatsächlich überbracht habe ... und wenn sie, die Beleidigte, sich mit dieser Genugtuung einverstanden erklärte, dann war ja doch wohl für ihren Beschützer kein vernünftiger Grund mehr, seine Forderung aufrecht zu erhalten ... und alles in schönster Ordnung ...
Alles in Ordnung? Nein ... Jucunda war ein viel zu klarer Kopf, als daß sie die Folgen des Geschehenen nicht zu Ende gedacht hätte ...
Also er zieht seine Forderung zurück, und dann? Nun dann ist er, auf gut deutsch gesagt, der unrettbar Blamierte ... Er ist aus dem Korps ausgetreten und hat ein Mitglied des Korps gefordert — die Forderung ist zwar nicht zum Austrag gekommen, aber die unsühnbare Feindschaft zwischen den beiden jungen Männern besteht — sie können nicht mehr auf der Kneipe zusammensitzen, nicht mehr die gleichen Farben tragen ... Und da das Korps seiner ganzen Tradition nach, um seiner Beziehungen zu Hof, Behörden, Gesellschaft willen den Prinzen nicht fallen lassen kann, so wird eben Pilgram dran glauben müssen ... Er hat sein Band verloren, ist ausgeschieden aus dem Kreise der Freunde seiner Jugend ... All das tapfere Ringen, Mensuren, Chargen, verbummelte Semester umsonst ...
Das alles wußte Jucunda und wurde sich im angestrengten Nachsinnen weniger Minuten über all diese Folgen klar, mitleidslos gegen sich und ihn ...
Und wieder meinte sie sein hartes, herrisches Gesicht zu sehen, wie es weich, selbstlos, opferfreudig aufglühte um ihrer Ehre willen ...