Also, Jucunda, Du weeßt nu, was die Glocke geschlagen hat ...« beendete drüben in Hans Thumsers Studentenbudchen Mutter Doris ihren Bericht über die schwerste Stunde ihres Lebens — wie sie den Nachmittagsbesuch des Herrn vom Nassau-Dillingenschen Hofe genannt hatte. Sie thronte auf dem Kanapee unter den gekreuzten durchbohrten Mützen, den staubigen, verblichenen Bändern in ihrer ganzen schnaubenden, dampfenden Leiblichkeit ... Die Korsettstangen knackten unter den keuchenden Atemstößen der eingepreßten Lungen, die fleischige Hand wedelte ohn' Unterlaß mit dem feuchten Taschentuch den beperlten Hängebacken Erfrischung zu. Jucunda saß stumm in einem der geblümten Fauteuils, mit zusammengepreßten Lippen, das stolze Haupt ein wenig zurückgeneigt, die blauen Augen starr zur Decke gerichtet. Sie schwieg auch, als die Mutter ihren Bericht geendet und erwartungsvoll an den Zügen der Tochter hing.
»Nu rede Du aber gefälligst ooch en Ton!« polterte Mutter Doris schließlich heraus. »Ich mein', ich hätte mich nu genügend abgerackert für Dich!«
»Na, wenn Du meine Meinung denn wirklich hören willst, Mutter: Du scheinst mir eine märchenhafte Dummheit begangen zu haben.«
»I herrjemersch nee ... nu wird mer'sch aber doch zu tolle! Und was wär' das fier ä Dummheit, wenn's gefällig wär?«
»Wie Du den Brief hast herausgeben können, Mutter, das versteh ich einfach nicht ... das Geld, mag sein, obgleich mir's schon lieber wäre, ich hätte einen Postquittungsschein in Händen ... aber den Brief — unglaublich einfach!«
Sie sprang heftig auf, stieß den Fauteuil mit einem Ruck zur Seite, daß er in seinen Grundfesten krachte, und rannte zum Fenster — starrte hinaus, wie drüben vorher die zierliche Kollegin ...
Ach ... da drunten drängten sich die Massen — eben war der Kassenflur geöffnet worden — stießen sich, balgten, prügelten sich um den Vorrang ... wem galt das alles als ihr? Die alle da unten, hatten die einen anderen Gedanken als — Jucunda Buchner?
Und nach der Tortur dieser letzten Viertelstunde, nach all dem Ekel, der Zukunftsbangigkeit, die in ihr aufgequollen war beim Bericht der Mutter — kam da auf einmal eine wunderbare Gelassenheit über das Mädchen. Pah — was konnte ihr geschehen?!
Inzwischen hatte Mutter Doris sich von ihrem ersten Schreck erholt.
»Nee, weeßte, Jucunda, ich versteh Dich nich, wahrhaft'gen Gott, ich versteh Dich nich. Erscht stellst Du Dich an wer weeß wie sähre, daß De so än Brief kriegst, un ... un das andre ... un nu kommt der, der Dir's geschickt hat, und holt sich's wieder ab — un nu is ooch wieder nicht recht — — un ich hab' Dir doch bloß die scheißliche Geschichte woll'n vom Halse halten ... nee, nee, so was! Das hätt' ich wissen sollen, dann hätt' ich dem dicknäsigen Herrn ganz einfach gesagt: kommen Se gefälligst wieder, wenn Fräulein Jucunda Buchner derheeme is — mich geht's nischt an!«