Stumm war's im Zimmer, während jenseits der Tür, jenseits der beiden Kleiderschränke, die sie hüben und drüben verbarrikadierten, ein erregtes Flüstern anhob. In weißen Schwaden lag der Zigarettenqualm über dem Tisch, wob um die Hängelampe, ward von Wärmestrudeln in ihren Schirm hineingesogen und stieg um ihren Zylinder steil wie aus einem Schlot empor.
Ein weiches, brüderliches Gefühl zog Hans zu dem Mädchen hin, das noch immer schweigend am Fenster stand, vom Laternenlicht umsilbert, von stoßweis zuckendem Schluchzen den schlanken Leib geschüttelt.
»Fräulein Asta!« sagte er und trat ein paar Schritte auf sie zu; das Herz schlug ihm bis in den Hals. Nun war es da: er war zum erstenmal in seinem Leben mit einem Mädchen allein.
Sie antwortete nicht, nur heftiger flossen ihre Tränen beim Klang der gedämpften Stimme, die so erregt, so gütig ihren Namen sprach.
»Fräulein Asta,« sagte Hans noch einmal, »so wahr ich lebe, ich habe nicht daran gedacht, daß mein Benehmen Sie kränken könnte. Und Sie müssen mir's glauben, wenn ich Ihnen sage: es war reiner Zufall, daß ich ... daß ich mich mehrmals hintereinander mit meinem Gespräch nur an Fräulein Buchner gewendet habe — ich weiß wohl, daß ich gesellschaftlich noch nicht sehr gewandt bin ... aber ... Fräulein Buchner ... Ihnen ... vorziehen ... daran hab' ich ja mit keinem Sterbensgedanken gedacht ... ich wäre doch auch ein Narr ... Sie ... Sie sind ja so ein ... so ein wundervolles Geschöpf ... Sie ahnen ja gar nicht, wie ich ... hingerissen gewesen bin ... gestern, wie ich Sie auf der Bühne sah ...«
Er lauschte, ob eine Antwort käme ... aber regungslos stand das Mädchen, Arm und Stirn an die Scheiben gepreßt, die von der Wärme ihrer Glieder mit einem feinen Nebel beschlugen. Und wie Hans sich zage, Schritt um Schritt, der Fensternische näher schob, fiel sein Blick auf die Sophienstraße: drüben, vorm Eingang des Carolatheaters, drängte sich schon wieder, noch weit über eine Stunde vor Beginn der Vorstellung, ein dichter Menschenhauf, des Augenblicks wartend, da die Kasse sich zur ersten Wiederholung der »Jungfrau« öffnen würde. Noch nicht vierundzwanzig Stunden waren vergangen, seit er Asta Thöny zum ersten Male gesehen ...
Aber ihre Tränen waren versiegt: sie harrte, ohne sich zu rühren ... es war, als lausche sie ... als lechze sie, mehr zu hören ... mehr ...
Hans Thumser fühlte, wie alle seine Glieder nur ein einziges banges, verlangendes Beben wurden ... auch seine Stimme bebte heftig, als er weitersprach, ohne zu wissen, was er sagte ...
»Asta ... ich habe noch nie ... noch nie ein Mädchen berührt ... ich bin ein ganz dummer, dummer Bub ... Sie ... Sie müssen Geduld mit mir haben ... Wenn Sie ahnen könnten, wie mir zumut ist ... wie ich mich sehne ... ach, wie namenlos ich mich sehne ... ach, und ich hab' mich ja schon so gesehnt ... seit ich Sie gesehen hab' da drüben ... in Ihrer Schönheit ... und heut nacht, o Mädchen, wie haben meine Gedanken, meine Träume sich an Dich gedrängt ... hast Du das denn nicht gefühlt? nicht geahnt? Seien Sie doch nicht so stumm, sagen Sie mir doch, daß Sie mir verziehen haben ... mir ist ja so bang, so namenlos bang ist mir nach Dir ...«
Da wandte das junge Weib sich um ... Ihre duftenden Arme warf sie dem Knaben um den Nacken und überflutete ihm die Lippen, die Augen, den Hals mit dem schäumenden Strom ihrer Küsse.