Nein ... Es mußte noch irgend etwas kommen — die Ahnung irgend eines süßen oder schrecklichen Ereignisses düsterte durch die Seele des einsamen Wanderers.

Es war schon Nacht, sternüberflimmerte Spätherbstnacht, als er vor sich die dunklen Umrisse des Leutzscher Bahnhofes auftauchen, die grellfarbigen Lichter des Bahnkörpers flimmern sah. Eine dumpfe Sehnsucht nach der Stadt zurück überkam ihn plötzlich, nach wogenden Menschenmassen, nach Wagenlärm und glitzernden Schaufenstern. Er erkundigte sich: der nächste Zug fuhr erst in einer halben Stunde. In dem schmutzigen Bahnhofsrestaurant schüttete er hastig, gedankenlos ein paar Glas Bier in die brennende Gurgel. Als der Zug herannahte und er die Börse zog, bemerkte er, daß er an seiner Uhrkette noch den Bierzipfel trug, ein Stück des grün-gold-roten Korpsbandes mit goldenen Beschlägen ... Da hakte er mit einem bitteren Zucken der Mundwinkel den blanken Zierat ab und barg ihn in seiner Brieftasche.

Als er auf dem Thüringer Bahnhof ankam, war es gegen neun Uhr. Er hastete heimwärts. Jetzt war Jucunda im Theater — spielte abermals die Jungfrau ... An allen Anschlagsäulen hing der Theaterzettel, der ihren Namen trug ... Es trieb ihn nach Hause, dahin, wo sie geboren und groß geworden war, eine seltene, phantastische Wunderblume, in einem abgezirkelten, banalen Spießergärtchen erblüht ...

Alles war still und finster in dem engen, muffigen Korridor, als er die Entreetür öffnete. Natürlich, die Eltern waren ja mit im Theater, ihr Goldkind zu bewundern ...

Er suchte seine Zündholzschachtel, fand sie, aber sie war leer. Vergebens tappte er nach Licht. Die Tür zur Wohnstube war angelehnt, ein matter Lichtreflex von der Straßenbeleuchtung fiel heraus. Valentin konnte der Versuchung nicht widerstehen und trat ein. Stumm und dunkel und dumpfig lag das Zimmer. Dort am Fenster hatte er mit ihr gestanden — wann doch nur? Vor einer Ewigkeit?! Pah — es war noch nicht vierundzwanzig Stunden her ... Und hier auf dem verschlissenen Plüsch hatte sie gesessen, das weiße Königinnenhaupt zurückgelehnt ... und — wie hatte sie nur gesagt? 'Vielleicht kann ich doch einmal einen Ritter gebrauchen — dann will ich an diese Stunde denken und Sie rufen ...' Und jetzt? Hatte sie ihn nicht gerufen? — Nein — das eigentlich wohl nicht ... Aber hatte sie nicht geweint?! Sie ... sie ... und hatte geweint um einer bübischen Kränkung willen ...

Und da hatte er getan, was er genau so rasch, so selbstverständlich und geradezu getan hätte für seine Schwesterchen daheim in Dresden ... Und morgen würde ganz Leipzig über ihn lachen ...

Hastig trat er auf den stockfinstern Korridor zurück und tappte nach seiner Stube hinüber. Zufällig bekam er die Klinke zu Jucundas Kammertür in die Hand ... Er drückte sie nieder, und ein Duft wehte ihm entgegen, der ihn mit einem Schwall stummer, wirrer Sehnsuchtswünsche bedrängte. Das Zimmer lag nach einem Seitengäßchen hinaus und war fast völlig finster. Nur aus einem gegenüberliegenden Fenster fiel ein ganz matter Lichtschein hinein. In diesem Schein leuchtete das weiße Bett, schon aufgeschlagen, für die Nachtruhe der Künstlerin ...

Ein Grausen des Verlangens schnürte dem reckenhaften Burschen die Kehle zusammen. Er schloß hastig die Tür und stand einen Augenblick lang in der Dunkelheit. Alle Glieder bebten, seine Kinnbacken schlugen im Frost zusammen. Dann übergoß ihn glühende Scham. Er war der Mann nicht, sich an dem Dunste der Geliebten verstohlen schnüffelnd zu erletzen. Er rannte hinaus, fand endlich die Tür seiner Bude und saß lange mit fiebernden Gliedern in der Finsternis, auf seinem Sofa. Endlich fuhr er auf, schwankte zu seinem Nachttischchen hinüber, machte Licht, zündete die Petroleumlampe an und sah die aufgeschlagenen Repetitorien liegen, wie er sie morgens verlassen hatte, als die Kanzleirätin in sein Zimmer gestürzt war ...

Und eine stumpfe Ruhe kam über ihn. Arbeiten! Arbeiten! Er wühlte sich in die schematisch öde Zusammenstellung der elementaren Grundbegriffe seiner Wissenschaft hinein. Seiner Wissenschaft — ah bah! Die Quelle des Wissens, die hell in seiner Nähe sprudelte, hatte er ängstlich gemieden sieben Semester lang und nur dem Korps gedient ... Nun galt es hastig und mechanisch einen Haufen seelenloser Notizen in sich hineinzustopfen, um den toten Popanz, die pappdeckelne Attrappe einer fadenscheinigen Examensweisheit aufzurichten ...

Immerhin ... wenigstens Vergessen wirkte dies stumpfsinnige Büffeln ...