Da nahm das Mädchen des Mannes stoppelbärtige Wangen in beide Hände, beugte sich nieder und küßte ihn, wohin ihre Lippen zuerst trafen ... auf seine kahle Platte.
Molly hatte gewußt, daß er auf sie wartete.
Sie hatte sich sofort nach Aufhebung der Tafel für einen Augenblick bei der Hausherrin entschuldigt und war in ihr Turmkämmerchen hinaufgeschlüpft.
Von dort aus konnte man die Chaussee überblicken ... die erhellten Schloßfenster zeichneten scharfumrissene Lichtplakate auf den staubigen Straßendamm, und von drüben tauchten die regungslosen Fächeräste der Buchen in den Glast hinein ...
Schau — blinkte da nicht in den Büschen des Straßensaumes, halb versteckt, eine senkrechte Reihe flimmernder gelber Punkte aus dem Dunkel —? Und konnte dies Phänomen von etwas anderm herrühren denn von einer blankgeputzten Knopfreihe ...?
Wenn das nicht Hans Friesen war —!
Wie nur aus dem Schloß kommen, ohne gesehen zu werden? Zwar ... die Dinergesellschaft würde nichts merken, wenn Molly durchs Schloßportal huschte ... denn die war an der andern Seite im Garten versammelt — aber die Dienstboten —? Was würden sie denken, wenn das gnädige Fräulein aus der Schloßpforte spazierte, um sich auf der Chaussee ein Rendezvous mit einem Unteroffizier zu geben?
Aber es mußte gewagt werden ... es mußte einfach! — Der gute Junge mußte getröstet werden, sonst grämte er sich gar zu sehr über die Flegelei von diesem Leutnant Quincke ... redete sich am Ende gar ein, sie wolle nichts mehr von ihm wissen, seit er die erbärmliche Vergewaltigung seines Vorgesetzten in ihrer Gegenwart hatte hinunterwürgen müssen ... jedenfalls wollte sie ihm gleich ein Zeichen geben ...
Sie zündete eine Kerze an, bog sich weit aus dem Turmfensterchen, indem sie den vollen Schein des Lichtes auf ihr Gesichtchen fallen ließ, und winkte zugleich mit ihrem Taschentuch — das flatterte lustig im Abendhauch, der kühl vom Berge niederschwebte.