Grethlein & Co. G. m. b. H. Leipzig.

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von der Verlagshandlung vorbehalten.
Copyright 1910 by Grethlein & Co. Leipzig


Erstes Buch

Erstes Kapitel.

Unter der weiten Halle des Zentralbahnhofs der rheinischen Garten- und Künstlerstadt schritt in früher Spätsommermorgenstunde ein junges Paar den Bahnsteig auf und ab. Reisefreude leuchtete in den Augen des Mannes — doch er dämpfte sie um der Abschiedswehmut willen, die durch des Mädchens Worte zitterte und immer wieder von Zeit zu Zeit in raschen Perlen aus den hellen Augen auf das Spitzengewoge des lichten Sommergewandes niedertropfte.

Zwei schlanke Gestalten, so recht für einander gewachsen! Sie im Glanz ihres Sommerschmucks, in der zierlichen Grazie ihrer zwanzig Jahre das gehütete, gepflegte Kind einer von den Schranken der Satzung umhegten Welt. Er — nun ja, er ...

Die Uniform stammte aus dem ersten Schneideratelier, die Lackschuhe blitzten. Die Mütze, keck auf das rechte Ohr gesetzt, war neuesten Modells, die Haltung soldatisch straff.

Und dennoch: selbst ein nicht gerade militärisch geschultes Auge erkannte von weitem schon, daß der Träger dieser blinkenden Herrlichkeiten doch — kein so ganz richtiger Leutnant war. Es war nicht das helle Kolorit der Gesichtsfarbe allein — denn zu Anfang August weisen die berufsmäßigen Träger der Leutnantsuniform allesamt schon ein tiefes Braun auf — es war nicht allein eine gewisse Gezwungenheit der Haltung, die verriet, daß diese elegante Gestalt des Uniformtragens seit längerm entwöhnt sein mußte. Es waren nicht allein die lebhaften Bewegungen der vielfach mitredenden, energisch gestikulierenden Hände, es war auch in dem feurigen Gesicht mit dem militärisch verschnittenen Schnurrbart und dem vorschriftsmäßig durchgescheitelten Blondhaar ein Ausdruck von Selbständigkeit und kühnem Lebensdrang — all das miteinander verriet dem feiner beobachtenden Auge, daß dieser Leutnant eben ein Leutnant der Reserve war.

Das blieb auch den Soldaten nicht verborgen, die in dieser Morgenfrühe auf dem Bahnhof der Garnisonstadt zu schaffen hatten. Da waren Burschen, Ordonnanzen, Vizefeldwebel, die zu den Schießständen hinauswollten. Alle diese Uniformträger erwiesen dem Offizier pflichtschuldigst die Ehrenbezeugung, und zwar stramm; denn der in der Leutnantsuniform sah nicht aus, als ob er mit sich spaßen ließe. Aber wenn sie an dem Vorgesetzten vorüber waren und in ihren Schlendertrott zurückfielen, dann spielte doch um eines jeden Lippen ein gewisses Schmunzeln, das die Erkenntnis andeutete, man nähme diesen Offizier eigentlich nicht so ganz ernst.