»Bei der zweiten Kompagnie steht ein einjährig-freiwilliger Unteroffizier, ein Referendar seines Zeichens, zugleich in seinen zahlreichen Mußestunden Reiter auf dem Musenklepper ... den hat Frau von Sassenbach — die ist nämlich Patroneß der Veranstaltung — 'rangebändigt und zum Dichten kommandiert. Er hat sowas wie 'n allegorisches Festspiel verübt ... ihre beiden Töchter spielen natürlich mit; das war wohl auch der Hauptzweck der Übung, die zwei Mädels mal wieder gehörig in Szene zu setzen — übrigens meine Frau wirkt auch mit —«
»Herr Hauptmann sind verheiratet? ... das erste, was ich höre ... seit wann denn, wenn ich fragen darf?«
»Seit eineinhalb Jahren!« sagte der Hauptmann, »übrigens eine Landsmännin von Ihnen, ein Fräulein Cäcilie Imhof ... na — der Name wird Ihnen ja nicht unbekannt sein!« —
Cäcilie Imhof ... Bei diesem Namen stieg in Martin Flamberg eine Erinnerung auf, die Erinnerung an ein braunes, kapriziöses Mädchenköpfchen, das durch seine Jugend hingehuscht war wie so viele andere, ohne just eine dauernde Spur in seiner Seele zu hinterlassen ... Immerhin war seine Erinnerung lebhaft genug, daß ihn die Vorstellung, dieses Gesichtchen neben dem platt-behaglichen Puppenkopf des Hauptmanns von Brandeis auftauchen zu sehen, mit seltsamen Empfindungen erfüllte ...
In Gesellschaft hatte der junge Maler, damals noch ein völlig Namenloser, zuweilen das junge Mädchen getroffen und war von ihr ganz und gar nicht beachtet worden ... das war kein Wunder; denn sie war ein gefeiertes und damals schon, in ihrer zartesten Backfischjugend, vielumworbenes Geschöpfchen ... die Tochter einer alten Familie reicher Bankiers und Industrieller ... und er, Martin Flamberg, mußte sich damals noch zu jeder Gesellschaft für zwei Mark fünfzig einen Frack ausleihen ...
In den Tagen seines jungen Ruhms war er ihr nicht mehr begegnet.
Ihr Vater hatte sich von den Geschäften zurückgezogen und war nach Wiesbaden übergesiedelt, um den heilkräftigen Quellen nahe zu sein, deren beständige Einwirkung seine Gicht verlangte ... und nun war das verwöhnte Kind die Gattin eines braven, unbedeutenden Infanteriekapitäns ... merkwürdig ...
»Na? entsinnen Sie sich meiner Frau noch?« fragte Herr von Brandeis.
»Herr Hauptmann sehen, ich versuche mich zu besinnen, aber ich finde nur eine sehr blasse Reminiszenz.«
»Na, is ja auch egal,« meinte der Hauptmann, »Sie werden ja nächstens Ihre Erinnerungen auffrischen können; denn selbstverständlich hoffe ich doch, Sie recht bald in meinem Hause zu sehen ... meine Frau wird sich jedenfalls sehr freuen ...«