Er kannte in vierzehn Tagen jeden Mann seines Zuges nach Namen und Beruf, er wußte, ob einer verheiratet war und wie viel Kinder er hatte, er kannte eines jeden Sorgen und Hoffnungen und verstand dem Stillsten die Zunge zu lösen. »Das Herz seiner Leute muß man haben,« sagte er, »dann hat man ganz von selbst Disziplin.«

Nach dem Dienste, in stillen Abendstunden, zündeten wir die kleinen Lichter in den farbigen Papierlaternen unsrer Holzhütten an und plauderten oder lasen. Oft brannten uns die Kerzen dabei, ohne daß wir's merkten, nieder, und durch das Glasdach meines Sommerhäuschens, das ganz aus schlanken, moosverfugten Fichtenstämmchen gezimmert war, brach Mond- und Sternenlicht über uns herein.

Dann lebten Goethes Lieder auf, oder Zarathustras trotzige Reden zerbrachen die Stille, oder aus den Versen des Neuen Testaments, das er gern griechisch las, floß die Schönheit ewiger Worte geruhig über uns hin. In solchen Stunden wachte in dem Soldaten der junge Gottesstudent auf, und seine Seele streifte, frei und leicht zwischen beiden Welten wandernd, dunklen Schönheiten und hellen Wahrheiten nach. »Im Gebete sollen wir nicht mit Gott, Gott soll mit uns kämpfen,« sagte er einmal. »Das Gebet ist ein Selbstgespräch mit dem Göttlichen in uns, es ist ein Gespräch mit dem Gotte und ein Kampf mit dem Menschen in uns um die Bereitschaft der Seele.«

Willfährigkeit gegen das Göttliche und Wehrfähigkeit gegen das Menschliche, das gab seinem Wesen Reife und Anmut. Was er unter Bereitschaft der Seele verstand, sprach er ein andermal aus: »Wenn es Sinn und Aufgabe des Menschenlebens ist, hinter die Erscheinung des Menschlichen zu kommen, dann haben wir durch den Krieg unser Teil am Leben mehr als andere dahin. Wenige sehen wie wir hier draußen so viel Hüllen sinken, wenige haben so viel Niederträchtigkeit, Feigheit, Schwachheit, Selbstsucht und Eitelkeit, wenige so viel Würde und schweigsamen Seelenadel gesehen, wie wir. Wir können vom Leben nicht mehr fordern, als daß es sich uns entschleiert; darüber hinaus ist keine menschliche Forderung. Uns hat das Leben mehr als vielen gegeben, warten wir ruhig ab, ob es auch mehr von uns zu fordern hat!«

An Zarathustra gefiel ihm der schwingentragende Gedanke, daß der Mensch ein Ding sei, das überwunden werden muß. Immer war seine Seele auf der Streife nach dem Ewigen. Auch in Sachen seines Volkes scheute er sich nicht, der Vergänglichkeit ins Auge zu sehen. Menschen und Völker, beide waren ihm vergänglich und ewig zugleich. Darum liebte er mit Herzlichkeit Gottfried Kellers »Fähnlein der sieben Aufrechten« mit seinem unvergleichlich schönen und rührenden Gespräch der Schweizer Bürger über den fernen Tod und die Hinterlassenschaft ihres Volkes. Die Klarheit und Lieblichkeit dieser schönsten Novelle hat uns unendlich oft erquickt und unsre Herzen fröhlich und unsre Lippen beredt gemacht wie junger Wein. Wenn dann mitten in dem Frühling bunter Bilder Meister Kellers nachdenkliches und geruhiges Wort vom Tode der Völker aufklang, dann war's, als ob eine dunkle, tiefe Glocke in der Stille zu tönen anhöbe, und unsre Herzen schwangen in dem Ewigkeitsklange mit: »Wie es dem Manne geziemt, in kräftiger Lebensmitte zuweilen an den Tod zu denken, so mag er auch in beschaulicher Stunde das sichere Ende seines Vaterlandes ins Auge fassen, damit er die Gegenwart desselben um so inbrünstiger liebe; denn alles ist vergänglich und dem Wechsel unterworfen auf dieser Erde. Oder sind nicht viel größere Nationen untergegangen, als wir sind? Oder wollt Ihr einst ein Dasein dahinschleppen wie der ewige Jude, der nicht sterben kann, dienstbar allen neu aufgeschossenen Völkern, er, der die Ägypter, die Griechen und Römer begraben hat? Nein! ein Volk, welches weiß, daß es einst nicht mehr sein wird, nützt seine Tage um so lebendiger, lebt um so länger und hinterläßt ein rühmliches Gedächtnis; denn es wird sich keine Ruhe gönnen, bis es die Fähigkeiten, die in ihm liegen, ans Licht und zur Geltung gebracht hat, gleich einem rastlosen Manne, der sein Haus bestellt, ehe denn er dahin scheidet. Dies ist nach meiner Meinung die Hauptsache. Ist die Aufgabe eines Volkes gelöst, so kommt es auf einige Tage längerer oder kürzerer Dauer nicht mehr an, neue Erscheinungen harren schon an der Pforte ihrer Zeit! So muß ich denn gestehen, daß ich alljährlich einmal in schlafloser Nacht oder auf stillen Wegen solchen Gedanken anheimfalle und mir vorzustellen suche, welches Völkerbild einst nach uns in diesen Bergen walten möge? Und jedesmal gehe ich mit um so größerer Hast an meine Arbeit, wie wenn ich dadurch die Arbeit meines Volkes beschleunigen könnte, damit jenes künftige Völkerbild mit Respekt über unsere Gräber gehe!« Ich sehe Ernst Wurche noch vor mir, wie er einmal das schmale Heftchen bei seiner schönsten Stelle sinken ließ und über den Rand der Seiten träumte. »Nur den Strohtod,« meinte er, »den möchte man seinem Volke gern erspart sehen. Aber fast alle Völker sind den Strohtod gestorben. Der Gedanke an den Heldentod eines Volkes ist nicht schrecklicher als der an den Schwerttod eines Menschen. Nur das Sterben ist häßlich bei Menschen und bei Völkern. Aber wenn ein Mann den tödlichen Schuß, der ihm das Eingeweide zerreißt, empfangen hat, dann soll keiner mehr nach ihm hinsehen. Denn was dann kommt, ist häßlich und gehört nicht mehr zu ihm. Das Große und Schöne, das heldische Leben ist vorüber. So muß es auch sein, wenn ein Volk in Ehren und in Größe seinen Todesstreich empfangen hat, – was danach kommt, darf niemand mehr seinem Leben zurechnen, es ist kein Teil davon …« Aus seinen Worten klang so viel Jugend und Tapferkeit, daß ich am liebsten seine Hand gepackt und herzhaft geschüttelt hätte.

Die tiefe Ehrlichkeit, mit der er alles erlebte, ansah und überdachte, brachte ihn oft in einen fast drolligen Zorn, wenn wir eins der gutgemeinten und in Massen ins Volk geworfenen Bücher durchliefen, in denen dieser oder jener berühmte Publizist seine Eindrücke an der deutschen Front gesammelt hatte. Die rosa Schminke verdroß ihn, wo er sie sah. »Wenn man doch die Phrase von dem allgemeinen Heldentum der Masse lassen wollte,« sagte er einmal. »Als ob es nicht eben so gut klänge, wenn man ehrlicher, ruhiger und wahrer von dem Vorherrschen des Sinnes für Pflicht, Gehorsam und Treue im Volk spräche. Helden sind Ausnahmen, sonst brauchte man nicht von ihnen zu reden.« Der Sinn für Schlichtheit saß ihm tief im Blute, Schönfärberei und Phrase war ihm verhaßt.

Diese Scheu vor der Oberflächlichkeit konnte ihn je nach der Umgebung einsilbig machen oder beredt. Und darum schien ihm das Zwiegespräch mit Recht die schönste Unterhaltung; denn kein andres Gespräch vermag so wie dieses ohne Sprunghaftigkeit ruhig in klare Tiefen zu steigen. Manches liebe und nachdenksame Wort, in stillen Nachtstunden von junger Menschenhand geschürft, ist mir seither ein Stück von der Habe des Herzens geworden. Keins aber leuchtet heller nach als jenes, mit dem er einmal an der Brustwehr seines Grabens ein nächtliches Gespräch über den Geist des Wandervogels schloß: »Rein bleiben und reif werden – das ist schönste und schwerste Lebenskunst.«

Die Wandervogeljugend und das durch ihren Geist verjüngte Deutschtum und Menschentum lag ihm vielleicht zutiefst von allen Dingen am Herzen, und um diese Liebe kreisten die wärmsten Wellen seines Blutes. Ihm, dem selber Leib und Seele frei und ebenmäßig zu natürlicher Schönheit wuchsen, schien die beste Erziehung zu sein, den jungen Baum leicht und geruhig wachsen zu lassen, sich seines Blühens zu freuen und ihm, wenn's not tat, einmal die Blätter zu waschen. Er verschloß seine Augen nicht vor häßlichen Auswüchsen der großen Jugendbewegung. »Aber«, meinte er, »die meisten Auswüchse kommen von dem sinnlosen Betasten und Beklopfen des jungen Holzes. Ein eingeschnürtes Stämmchen muß unnatürlich wuchern, auch wo es nicht will. Rührte man nicht immer und immer mit knöchernem Finger an das Feinste und Beste der werdenden Seele, an ihre Unbefangenheit, so würde ihr schönster Schmelz, die Bescheidenheit, nicht so oft zerstäuben. Wer die Kampflust der Jugend reizt, macht sie hochmütig und laut, und wer sie ungeschickt anfaßt, der macht sie häßlich. Natürliche Jugend ist immer bescheiden und gütig und dankbar für herzliches Gewähren, aber wer sich, ohne Ehrerbietung wecken zu können, ans Erziehen macht, soll sich nicht wundern, wenn er Frechheit und Grausamkeit weckt.«

Den Kampf der deutschen Jugend um das gute Recht ihres natürlichen Wachstums verfolgte er mit der gleichen inneren Leidenschaft wie das Ringen der Völker, das ihn nun seit Monaten in seinem Strudel umtrieb. Von seinem Leutnantsgehalt schickte er fleißig an die Wandervögel daheim auf Schule und Hochschule. »Denn die Kriegskassen der Jugend muß man füllen helfen,« lachte er. Und kamen dann Briefe mit ungelenken Buchstaben und schrägen, drängenden Zeilen, oder es kamen die gelben Hefte des »Wandervogels« mit ihren schwarzen Schattenbildern und bunten Fahrtenbriefen, dann trat ihm beim Lesen die Seele in die Augen. Auch seinen Geschwistern schickte er Geld »zum Wandern«, und immer wieder zog seine Seele, frohherzig lauschend, dem fernen Klang der unter einem Wirbel von Liedern wandernden Jugend nach. Er schaute lächelnd dem Kahne nach, der seine Geschwister mit ihrem gastfreundlichen Pfarrherrn durch den rosigen Abendfrieden der schimmernden Seebreite trug und lachte sein leises, gutes Schelmenlachen, wenn die Posaune des Pfarrherrn sich vor den gläubigen, jungen Augen zur Seele des zarten Abendfriedens machte, einer gewaltigen Seele, die ihren leichten Körper dröhnen und beben machte.