Und weißt du noch, wie die russische Patrouille uns bei Nacht und Nebel ein schön bemaltes Plakat mit der Inschrift »Italiani – auch Krieg!« vor die Drahtverhaue pflanzte? Und wie unsre Leute dann in der nächsten Nacht ein noch schöneres Schild mit der Antwort »Italiani – auch Prügel!« den Russen in eins ihrer eigens zu diesem Zweck gesäuberten Horchpostenlöcher pflanzten, daß sie den ganzen Tag über wütend danach schossen?
Weißt du noch, wie wir im Unterstande zusammensaßen, während die russische Artillerie mit grobem Geschütz unsern Graben absuchte? Wie unter dem Luftdruck der in der Nähe krepierenden schwerkalibrigen Geschosse die zwei- und dreimal wieder angezündete Lampe dreimal auslosch? Und wie wir zu viert im Dunkel saßen, und unsre Zigaretten warfen einen Glimmerschein über die Gesichter, und wir lachten, »Iwan bläst uns die Lampe aus!«?
Weißt du das alles noch, Lieber? Und weißt du auch noch, wie du einen mächtigen bombensichren Unterstand für zwei Gruppen deines Zuges aus Hunderten von schweren Fichtenstämmen und Bergen von Sand gebaut hattest? Und wie wir dann dem Neubau die sinnige Türinschrift gaben: »Selig, wer sich vor der Welt ohne Haß verschließt«?
Und weißt du noch, wie du singend vor der zum Bad nach den Nettawiesen marschierenden Kompanie herzogst und wie du mit uns ganze Nachmittage im Wasser vertolltest? Weißt du das noch, du Wandervogel, der den Widerwilligsten zum Mitsingen zwang und den Wasserscheusten im Wasser zum Lachen brachte?
Weißt du noch, wie das faule Holz im Walde um unsre dunklen Gräben leuchtete? Und wie Myriaden von Junikäfern die Sumpfwiese zwischen uns und dem Feinde nächtlicherweile zum Märchenland machten? Und wie aus dem Drahthindernis die blauen Funken ins nasse Gras hinüber- und hinunterzuckten wie die schillernden Schuppen einer glitzernden Schlange, die unermüdlich kreisend durch das graue Verhau lief, immer bereit zum tödlichen Bisse?
Weißt du noch, wie wir im hellen Sand der sonnigen Waldlichtung hinter unsern Gräben Zirkel ritten? Wie du reiten lernen wolltest wie ein Kosak; denn das seien die sieben ritterlichen Künste der neuen deutschen Jugend: Singen, Wandern, Turnen, Schwimmen, Fechten, Tanzen und Reiten –?
Und war doch ebensoviel Ernst in deiner Freude wie Freude in deinem Ernst! Auch was du mit Lachen triebst, war mehr als Spiel. Ein Stück Leben war alles, was du sprachst und tatst, und ein heller, klarer, gesammelter Menschenwille schmiedete alle Stücke zu einem werdenden Kunstwerk zusammen.
Wenn der junge Führer mit seinen Leuten auf nächtliche Streife auszog, so arbeitete ein frischer, beherrschter Wille unermüdlich und unnachgiebig an den Menschen, die er führte. Wollten sie ihm, im Dunkel plötzlich vom Feuer russischer Gewehre überfallen, aus der Hand geraten, so zwang er sie wieder bis auf den Punkt zurück, den sie eigenmächtig verlassen hatten. Aber er selbst ging immer als erster voraus und kroch als letzter zurück.
Als die unsicheren und baufälligen Unterstände seines Zuges durch neue ersetzt wurden, ließ er die Arbeit an seinem eigenen Unterstand bis zuletzt liegen. Ohne Lärm und schimpfendes Dreinfahren wußte er alle Hände in Tätigkeit zu halten. Er war beim Fällen und Schleppen der schweren Stämme dabei und verteilte die Kräfte. Er lehrte Stempel setzen und Unterzüge einfügen, Deckbalken verknüpfen und federnde Reisigdeckungen aufhäufen, wie er's in Frankreich gelernt hatte. Selbst sauber an Seele und Leib, erzog er seinen Leuten die Freude an Sauberkeit und schmucker Ordnung an, unauffällig und ohne viel Worte sie durch frisches Handeln gewöhnend. Nicht weniger als die Arbeit lag ihm die Ruhe seiner Leute am Herzen und als jüngster Offizier der Kompanie wußte er's durchzusetzen, daß den Mannschaften Sonntagsruhe geschenkt wurde. In seinen Briefen an Eltern und Schwester erbat er immer wieder Bücher für den Feierabend seiner Leute und wählte die Bücher selbst nach den Erfahrungen, die er in Frankreich als Kamerad unter Kameraden gemacht hatte.