»Wie im Morgenglanze
Du rings mich anglühst,
Frühling, Geliebter!
Mit tausendfacher Liebeswonne
Sich an mein Herz drängt
Deiner ewigen Wärme
Heilig Gefühl,
Unendliche Schöne!
Daß ich dich fassen möcht'
In diesen Arm! – – –«
Feucht von den Wassern und von Sonne und Jugend über und über glänzend stand der Zwanzigjährige in seiner schlanken Reinheit da, und die Worte des Ganymed kamen ihm schlicht und schön und mit einer fast schmerzlich hellen Sehnsucht von den Lippen. »Da fehlt nur ein Maler!« sagte einer von uns. Ich schwieg und war fast traurig, ohne sagen zu können warum. Unser Wandervogel aber ließ leicht die Arme fallen und trat mit ein paar raschen, frischen Schritten in unsre Mitte. Wir schleuderten uns die letzten Wassertropfen von den Händen und griffen nach unsern Kleidern. Bald schritt mir der Freund wieder im grauen Waffenrock, der die hohe Gestalt knapp und kleidsam umschloß, und mit eingehenktem Degen zur Seite. Der Helmrand umlief die trotzige Form seines eigenwillig gestreckten und prächtig gewölbten Schädels, und wie er mit frei ausgreifendem Schritt den von fernen Donnern leise erdröhnenden Wäldern entgegenschritt, schien er, von Freude und Kraft bebend, begierig in eine klirrende Zukunft zu horchen. »Wen du nicht verlässest, Genius, wird dem Regengewölk, wird dem Schloßensturm entgegen singen …!« Wenn ihm nicht die Lippen davon klangen, so klang sein Schritt davon. »Tanztüchtig will ich den Jüngling und waffentüchtig.« Alte Worte sprangen immer wie junge Quellen an seinem Wege.
Warum ergreift uns alle Schönheit des Lebens, statt daß wir sie ergreifen? Ach, wie der Mensch aus Erde gemacht ist und wieder zu Erde wird, so ist alle Schönheit aus Sehnsucht gemacht und wird wieder zu Sehnsucht. Wir jagen ihr nach, bis sie zur Sehnsucht wird. –
In den Winternächten, die wir in den Gräben vor Verdun zugebracht hatten, war zuweilen ein jäh aufbrandendes und wie eine Sturmflut weiterrollendes Hurra die endlose Front der Schützengräben entlanggebraust. Wenn dieses Hurra in der Ferne verebbte, dann horchten wir Kriegsfreiwilligen ihm nach, und in unserm Horchen war etwas Grimm und Neid. Im Osten geschah alles Heiße, Wilde und Große. Über Rußland stand immerfort eine brandrote Wolke, in der der Donner des Namens Hindenburg grollte, und uns im Westen blieb nichts als Lauern und Warten und Wachen und Gräbergraben, ohne daß wir den Tod von Angesicht sahen, der heimtückisch bei Tag und Nacht in unsre Reihen hieb. Im Osten schritten unsre Sturmkolonnen über Täler und Höhen, und wir lagen wie Maulwürfe unter der Erde und riefen das Hurra zu ihren Siegen.
Als wir an die Ostfront kamen, waren die großen Kämpfe der Masurenschlacht längst zum Stellungskriege erstarrt. Unsere neue Kompanie lag seit Wochen eingegraben am Waldrand einer breiten Sumpfwiese, durch die ein träger Bach, die Kolnizanka, durch Sand und Morast zum Kolnosee schlich. Jenseits des faulen Wassers war wieder Wiese, Sand und Wald, und nur ein paar helle Streifen drüben zeigten, wo der Feind hinter seinen Sandwällen hockte. Ein Stacheldrahthindernis zog sich an unsrer Front entlang und die Nacht hindurch kreiste durch das Drahtgewirr der elektrische Strom, der von Augustowo her in mächtigen Kabeln gespeist wurde. »Draht!« knurrte Leutnant Wurche verächtlich, als wir in der Mainacht nach unsrer Ankunft zum erstenmal die Kompaniefront abgingen, und schlug spöttisch mit einer Gerte gegen die glatten Schutzdrähte am Horchpostendurchlaß. Und so ging er die erste Nacht an dem grauen Verhau hinauf und hinunter wie ein gefangener Tiger an seinem Käfiggitter.
Unsere Grabenabschnitte grenzten aneinander, und wir blieben Nachbarn als Zugführer des zweiten und dritten Zuges oder, wie er sagte, als »Obernachtwächter der Wach- und Schließgesellschaft im Osten«. Die russischen Gräben lagen ein paar hundert Meter entfernt, so daß wir uns selbst am hellen Tage frei im Walde hinter unsrer Stellung bewegen konnten. Die russische Artillerie streute wohl dann und wann mit Schrapnells und Granaten unsre Gräben ab, ein Volltreffer schlug sogar einmal meinen Unterstand, als ich gerade die Tür aufmachte, zu einem Scherbenhaufen zusammen, aber alles das ging immer rasch wie ein Mairegen, eine »Husche«, vorüber, der Franzose hatte dies Spiel viel besser verstanden, und im ganzen nahmen wir »Iwan den Schrecklichen«, wie der Russe bei uns hieß, nicht ganz ernst. Wir haben es später gelernt, ihn zu achten, aber einstweilen ließen wir uns von ihm unsre »Sommerfrische in den Augustower Wäldern« nicht stören. Die Myriaden von Schnaken, die Wälder und Sümpfe ausbrüteten, waren uns lästiger als die Russen hinter ihrem Draht.
Nur wenn es dämmerte und das rote, blaue, bunte Blühen von Fleischblumen, Vergißmeinnicht, Kalla und Federnelken auf der Sumpfwiese draußen im Glanz der Sterne und Leuchtraketen fahl und farblos wurde, trat aus dem dunklen Walde drüben das Abenteuer wie ein schönes Wild und schaute zu uns herüber, die wir an der Brustwehr unsrer dunklen Gräben standen und lauschten. Jede Nacht ging von der Kompanie eine Offizierspatrouille ins Vorgelände, und wir drei Leutnants, ein Mecklenburger, ein Schlesier und ein Thüringer, hatten uns in diesen Dienst zu teilen. Zuweilen gingen wir auch zu zweit mit unsern Leuten hinaus, wenn wir einen besonders guten Fang machen zu können glaubten. Meist aber ging nur einer als Führer. Und es war dann ein seltsames Gefühl, wenn man lauschend an der Brustwehr stand, und draußen im Dunkel knatterten plötzlich russische und deutsche Gewehre oder das dumpfe Krachen detonierender Handgranaten wurde laut. Das Warten und Wiedersehen solcher Stunden, von denen man nie sprach, läßt Menschen ineinanderwachsen wie Bäume. Viele Worte freilich wurden nie gemacht, und es blieb bei einem Scherz oder Handschlag, wenn der andere hinausging oder wiederkam.
Wie hätten junge Herzen nicht ineinanderwachsen sollen in diesen Frühlingstagen und Frühlingsnächten, in denen sie gemeinsam immer inniger vertraut wurden mit Erde und Luft und Wasser, mit den linden Stunden der Nacht und mit den hellen Stunden der blühenden Tage! Wie leise Sonnenwellen kommen die Erinnerungen an unsern ersten Kriegsfrühling in den Augustower Wäldern zu mir, wo ich auch sein mag. Die linde, junge Gütigkeit, die in ein paar hellen Grauaugen lebte und frisch und warm aus einer lebendigen Menschenstimme klang, brach wie ein helles, starkes Licht durch die Fenster meiner Seele, durchsonnend, was dumpfig war, durchwärmend, was kühl und voll Schatten war. Wie deutlich erhöre ich heute und immer, in die Vergangenheit hineinhorchend, den raschen Schritt des Freundes. Ich sehe ihn schlank und frei durch die Tür in mein helles Fichtenhäuschen treten und sehe eine junge, lebendige Hand Blumen unter das kleine Bild meines gefallenen Bruders legen mit einer frischen, herzlichen Bewegung, in der doch die leise, gute Scheu der Jugend vor der Entschleierung des Herzens zu spüren ist! Und oft ist mir, ich könne den lieben Gast halten und mit ihm von dem bunten Erleben der hellen Zeit plaudern, in der selbst der Ernst des Krieges sich in Spiel und Freude auflösen wollte. Weißt du noch, Gesell, wie wir über meinen ersten Gefangenen lachten? Im Sumpfbach vor unserm Graben, wo vom letzten Angriff her noch über dreißig tote Russen lagen, war ich auf nächtlichem Patrouillengang ahnungslos auf ihn zugegangen, um dem vermeintlich Toten das Gewehr zu nehmen. Aber es war kein Toter, sondern ein fixer und pfiffiger Moskauer Junge, der zu einer vor uns im Dunkel herflüchtenden Russenpatrouille gehörte. Ohne es zu wissen, hatten wir ihn von seinen Kameraden abgeschnitten, und er wollte sich uns noch entziehen, indem er sich mitten unter die Toten hockte und in Anschlagstellung wie sie erstarrte. Als ich sein Gewehr fassen wollte, schlug er auf mich an, und mich warf der Schreck fast um, als der Tote plötzlich die Büchse gegen mich hob. Gerade rechtzeitig noch rückte ich ihm meine kleine Mauserpistole an die Stirn, daß er die Waffe wegwarf und uns geduldig nachtrollte. Damit doch auch ein anderer etwas von dem Schrecken abbekäme, schickte ich ihn samt seinem Gewehr, ohne anzuklopfen, in den Unterstand des Leutnants vom ersten Zuge, der sorglos bei der Flasche saß, aber der Mecklenburger ließ sich nicht verblüffen, sondern hob nach dem verlegen grinsenden Burschen das volle Glas, »Prosit, Iwan –!« Und Iwan taute auf und besah sich die Postkarten unsrer Leute, die den holzverkleideten Graben schmückten, blieb tiefsinnig vor einem bunten Hindenburgbilde stehen und sagte ehrerbietig, »Ah – Chindenburrg!«, indem er mit unermüdlich kreisenden Händen um sein Russenhaupt fuhr, um uns das imaginäre Volumen eines fabelhaften Feldherrnkopfes zu veranschaulichen. Darauf von unsern lachenden Leuten nach seinem Landsmann Nikolajewitsch befragt, preßte er den Kopf in die Hände wie ein Schwerkranker und brach in einen Husten aus, der eine höchst schauderhafte Vorstellung von dem Zustand seines Generalissimus gab …