Schon beim Abmarsch aus unsrer alten Stellung hatte Leutnant Wurche den Regimentsbefehl erhalten, der ihn zur zehnten Kompanie kommandierte. Während des Marsches war er noch mit mir zusammengeblieben, aber jetzt als die Kompanien zum Gefecht auseinandergezogen wurden, eilte er mit kurzem Händedruck davon, um sich bei seinem neuen Kompanieführer zu melden. Während des Marsches war er einsilbig gewesen. Ich verstand ihn ganz. Es wurmte ihn, seinen Zug, seine Leute aus der Hand geben zu müssen. Darin fühlte er recht wie ein Künstler, der einen andern über eine angefangene Arbeit gehen lassen muß. Er war Soldat genug, darüber nicht viele Worte zu machen. Er wußte Großes und Kleines recht wohl zu unterscheiden. Das Kleine, das ihn anging, nahm er darum nicht weniger ernst, aber er sprach nicht darüber.
So kam es, daß wir in unser erstes Gefecht nicht Seite an Seite vorsprangen. Zwei Züge der neunten Kompanie, darunter der meine, wurden zuerst eingesetzt. Es war nicht viel mehr als eine gewaltsame Erkundung. Gleich beim ersten Sprung unsrer hinter dem Waldrand entwickelten Schützenlinie ins offene Gelände fegte der Hagel der russischen Maschinengewehre ratternd gegen uns an und riß die ersten Lücken. In drei Sprüngen arbeitete ich mich mit meinen Leuten bis zu einer flachen Ackerwelle vor, die uns wenigstens gegen Flankenfeuer Deckung gab. Der letzte Sprung kostete mich einen meiner braven Gruppenführer, den Gefreiten Begemann, der noch am Morgen auf unsrer Patrouille wacker und fröhlich unter den ersten in den russischen Graben hineingesprungen war. In den Ackerfurchen hinter uns jammerten Verwundete. Von unsrer kleinen Anhöhe aus konnten wir die russischen Gräben überschauen. Es waren wochenlang ausgebaute schrapnellsichre Gräben hinter tiefen, doppelten Drahtverhauen, eine meisterhafte, schachbrettartige Anlage, die mit Maschinengewehren gespickt war und den Angreifer an jedem Punkte in ein verheerendes Flankenfeuer hineinzwang. Diese Stellungen waren von stürmender Infanterie ohne starke Artillerievorbereitung nicht einfach zu überrennen. Mit ein paar Gruppen dagegen anzulaufen, war unmöglich. Ich gab Befehl »Spaten heraus!« und ließ meine Leute sich einschanzen. Dann schickte ich Gefechtsordonnanzen mit Meldung zurück und erhielt Befehl, mich bei Dunkelheit auf die Höhe der andern Kompanien zurückzuziehen. Als es dämmerte, gruben wir dem Gefreiten Begemann, den ein Herzschuß niedergestreckt hatte, in der vordersten Linie ein Grab. Die Kameraden in der Schützenlinie knieten auf und entblößten das Haupt. Ich sprach laut das Vaterunser. Ein paar russische Schrapnells barsten krachend über dem offenen Grabe. Wir schlossen das Grab, legten Helm und Seitengewehr auf den flachen Hügel und schickten drei Ehrensalven darüber hin gegen die russischen Gräben. Dann zogen wir uns auf die Höhe des Bataillons zurück. Hinter den niederbrennenden Bauernhöfen hoben die Kompanien Gräben aus und erwarteten in Bereitschaftsstellung den Morgen.
Auch der folgende Tag brachte noch keinen Angriffsbefehl. Wie es hieß, wurde in aller Eile Artillerieverstärkung herangezogen, um die feindliche Stellung sturmreif zu machen.
Am 21. August wurde nach zweistündigem Artilleriefeuer auf der ganzen Linie angegriffen. Das Gefecht von Krasna und Warthi lebt als einer der blutigsten Tage in der Geschichte der Brigade.
Hinter den kahlen Hängen vor Warthi entfaltete sich das Bataillon. Die Kompanien zogen an den feuernden Batterien vorüber und entwickelten sich aus den flachen Mulden gegen die Höhe, von wo der Angriff vorgetragen wurde. Über diese Anhöhe lief zwischen den verbrannten Höfen eine Straße, die beim Angriff überquert werden mußte und vom Feinde rasend mit Maschinengewehren bestrichen wurde. Zugweise und gruppenweise sprangen die Kompanien über den Todesweg. Ich sah Leutnant Wurche mit seinem Zuge springen, Gewehr in der Hand, den Kopf im Nacken. Links und rechts von ihm rissen die Russenkugeln Lücken. Verwundete krochen zurück und taumelten hangabwärts zum Verbandplatz. Neue Feuersbrünste flammten um Warthi auf und warfen schwelende Rauchschwaden über das Schlachtfeld. Die Maschinengewehre hämmerten und schütteten. Das Infanteriefeuer brodelte. Die Artillerien zerrissen Luft und Erde. Die Schwarmlinien des Bataillons verschwanden im Gelände, verschmolzen mit Feld und Acker. Hier und dort eine springende Gruppe, die alsbald, wie von der Erde verschluckt, wieder verschwand. Die starke Stellung des Gegners hatte durch unser Artilleriefeuer nur wenig gelitten. Die Maschinengewehre waren nicht niedergekämpft. Der tiefe Angriffsraum, der zudem von verschanzten Höhen aus mit vernichtendem Flankenfeuer bestrichen wurde, kostete harte Verluste. Teile des Bataillons drangen nahe an die russischen Hindernisse vor, der Angriff gewann ein paar hundert Meter Raum, aber es war nicht möglich, sturmkräftige Schützenlinien vor den feindlichen Verhauen aufzufüllen. Die letzten Reserven wurden nicht mehr eingesetzt. Die vorgedrungenen Schützenlinien hatten sich auf dem Gefechtsfeld eingegraben. In der Dämmerung kam Befehl an die Kompanien, sich in einer Höhe in durchlaufenden Gräben einzuschanzen. Es wurde dunkel. Leuchtkugeln stiegen. Spaten und Beilpicken klirrten. Von den überstürmten Äckern kam ein Stöhnen und Rufen. Die Krankenträger gingen vor und zerstreuten sich mit Bahren übers Feld. In den rasch aufgeworfenen Gräben saßen die Gruppen beisammen, schnitzten Kreuze und machten Kränze aus Wacholder und Fichtenzweigen. Aus der dunklen Erde wuchsen Gräber und schlossen sich über den Toten von Warthi. Brände verschwelten. Ab und zu ein prasselndes Zusammenstürzen ausgebrannter Häuser und Scheunen. Und immer wieder irgendwo ein Wimmern, ein messerscharfes Schreien. Ablösende Posten gingen zu zweien und dreien ins Dunkel vor. Patrouillen streiften durch die Postenkette zu den Russengräben hinüber. Die ganze Nacht hindurch ging das Suchen und Fragen und stille Finden …
Ernst Wurche lag mit seinen Leuten in der vordersten Linie. Da sein Kompanieführer gleich zu Beginn des Gefechts ausfiel, hatte er mitten im Sturm die Führung der zehnten Kompanie übernommen. Seine Fernsprecher hatten Verbindung nach rückwärts gelegt. Mitten in der Nacht rief mich der Freund durchs Feldtelephon an. Nach jedem einzelnen Mann seines alten dritten Zuges fragte er. Ich hatte die Verluste der Kompanie zusammengestellt. Auch in den dritten Zug hatte der Tag seine Lücken gerissen. Nach jedem der Verwundeten fragte er mehr, als ich antworten konnte. Von seinem eignen Erleben sprach er nicht. »Alles Gute für morgen!« »Gute Nacht!« Ich hing den Hörer ab. Dann ging ich zum dritten Zuge und brachte den Leuten die Grüße des Freundes. Der Morgen ging blaß über Gräben und Gräbern auf …
Der neue Tag verging unter Wachen und Schanzen. Es hieß, daß schwere Artillerie im Anmarsch sei. Aber in der nächsten Nacht wichen die Russen weiter ostwärts auf Olita zurück. In der Frühe des 23. August drängten wir nach. Mein Zug hatte während des Marsches die Spitze. An unsern Kolonnen vorüber zogen auf dem ganzen Wege zwischen Nowewloki, Warthi und Solceniki die endlosen Flüchtlingszüge der von den Russen mitgeschleppten lettischen Bauern, die mit einem Troß armseliger Karren voller Betten und Hausrat, mit dem Rest ihrer Herden und Pferde ihren verlassenen Höfen hinter den deutschen Linien wieder zustrebten. Nur selten flog ein Zuruf, ein Gelächter hin und her zwischen den grauen Kolonnen der marschierenden Soldaten und der armen Herde bündelschleppender Frauen, schreiender Kinder und hastig die Kappen und Pelzmützen rückender Männer. Die Dörfer und Höfe, zu denen die Vertriebenen zurückwanderten, lagen in Asche unter verkohlten Fruchtbäumen und niedergetretenen Zäunen. Der ferne Widerschein ihrer brennenden Dörfer hatte durch Tage und Nächte den Heimatlosen in die Augen gebrannt und ihren Glanz stumpf gemacht. Abseits der Straße irrte blökendes Vieh über die zertretenen Felder, barfüßige, schreiende Jungen mit Stöcken und kläffende Hunde sprangen dazwischen herum. Vorüber an der Völkerwanderung der Abgehausten ging unser Marsch, ging durch menschenöde Dörfer aus altersschwarzen Holzhütten mit tiefhängenden, moosverfilzten Strohdächern und geplünderten Obstgärten, vorbei an frischen Gräbern und vorbei an den gespenstisch-verwahrlosten lettischen Kirchhöfen, die mit ihren schwarz und riesenhaft über einen Wall von rohen Felsblöcken emporstakenden Holzkreuzen geheimnisvollen Schädelstätten glichen, öden, verlassenen, von allem Lebendigen gemiedenen Richtplätzen. Pferdekadaver und verlassene Wagen, zerfetzte Uniformstücke und verstreute Patronen überall auf Weg und Feld, zerfahrene und zertretene Ernten zur Seite …
Am Wegekreuz vor Zajle erhielt ich durch Zuruf der Verbindungsrotten Befehl zu halten. Der Bataillonsstab kam zur Spitze vorgeritten, saß ab und studierte im Straßengraben die Karte. Meldereiter brachten Befehle. Der Vormarsch fand an der Seensperre vor dem Gilujicie- und Simno-See für heute sein Ende. Die Kompanieführer wurden nach vorn gerufen und empfingen die Befehle für die Nacht. Der Stab bezog mit zwei Kompanien Quartier im Gutshof von Ludawka, die neunte und zehnte Kompanie sicherte mit Feldwachen und Vorposten zwischen den Buchciánski-Sümpfen und dem Simno-See. Über Karte und Meldeblock gebückt, standen die Offiziere um den am Grabenrand sitzenden Major. Auf der Straße von Zajle her kam eine Sicherungspatrouille mit einer Rotte heftig redender und gestikulierender Bauernburschen; es waren großgewachsene, strohblonde Kerle, die ohne Kleider in den Betten gelegen hatten, nur die Soldatenhemden hatten sie verraten.
Unter dem hochragenden Wegekreuz von Zajle sah ich den Freund noch einmal. Er hatte den Weg nach Posiminicze erkundet, wo er mit einem Zuge Feldwache beziehen sollte. Wir sprachen über die Toten von Warthi. Ich redete von diesem und jenem, den ich in seinem ersten Gefechte fallen sah, nachdem ein frischer und herzlicher Führerwille durch lange Monate unermüdlich an ihm gearbeitet hatte. Ein Sprung und Sturz – tot! Und für diesen einen Schritt so viele Mühe und Liebe – »Nicht für diesen einen Sprung,« unterbrach mich der Freund, »sondern dafür, daß er ihn mit hellen und beherzten Augen, mit Menschenaugen tat! Und sollte das nicht genug sein?« Ich sah ihn an und schwieg. Schwieg aus Freude und nicht aus Widerspruch. Aber er schien's dafür zu nehmen und schob seinen Arm unter meinen. »Haben Sie denn vergessen, was Sie Ihren alten Klaus von Brankow in der einen Bismarcknovelle sagen lassen?« Und er holte die Worte aus seinem frischen, jungen Gedächtnis: »Umsonst –? Es mag enden, wie es will – Ihr werdet Euer Brandenburg, Brandenburg! nicht umsonst gejubelt haben. Hat nicht der tote Begriff Vaterland lebendige Schönheit und Taten gezeitigt? Haben nicht tausend junge Menschen durch tausend Stunden menschlichen Lebens nicht an Leichtes und Leeres und Arges gedacht, sondern sind mit warmen und festen Herzen durch Tage und Nächte gegangen? Kann eine Zeit umsonst sein, die aus dem sprödesten der Stoffe, aus dem menschlichen, Kunstwerke gemacht und sie auch denen offenbart hat, die sie wie Barbaren zertrümmern mußten?« –
In diesem Augenblick wurde ich zum Kompanieführer gerufen und erhielt Befehl, zur Sicherung der Postenaufstellung mit meinem Zuge bis Dembowy Roq vorzugehen und dort Stellung zu nehmen. Ich sprang noch einmal, während meine Leute unter Gewehr traten, über den Graben und drückte dem Freunde die Hand. »Ich habe für die Nacht Feldwache in Posiminicze,« sagte er, »kommen Sie doch auf eine Stunde herüber!« »Das geht nun nicht, ich liege selbst auf Vorposten.« »Ja dann – aber es ist schade!« Ich ließ seine Hand und sprang über den Graben zurück. »Gewehre in die Hand!« Ich marschierte mit der Spitzengruppe ab, der Rest des Zuges folgte auf kurzen Abstand. Unter dem hohen, schwarzen Kreuze von Zajle stand die schlanke, aufrechte Gestalt des Freundes. »Auf Wiedersehen!« rief ich ihm zu. Er stand still unter dem Kreuze und hob die Hand zum Helmrande …