Die Feldwachen und Posten waren aufgestellt, und ich war mit meinem Zuge nach Zajle zur Vorpostenkompanie zurückmarschiert. Ich saß am Tisch einer Bauernstube und schrieb Briefe nach Haus. Der Kompanieführer schlief auf einer Strohschütte. Die Bauernfamilie lag in einem riesigen Holzbett unter grellbunten Kissenbergen. In einer Stubenecke zwischen Tornistern und Gewehren hockten die Fernsprecher um ein Lichtstümpfchen am Apparat. Ab und zu klöhnte der Summer, eine ferne quäkende Stimme gab Meldungen durch, die der Telephonist halblaut wiederholte und niederschrieb. Das menschenüberfüllte Zimmer war voll verbrauchter Luft. Ich stand auf und öffnete ein Fenster. Zögernd und blaß traten die Sterne aus dem Himmel. Vor dem Hause klang der Schritt des Postens. Hinter mir tönte ab und zu das verschlafene Wimmern eines kleinen Kindes, das in der lettischen Wiege, einem an rußschwarzen Stricken von der Decke herabschwebenden Holzkasten, lag. Leise und kühl wehte die Nachtluft mich an.

Wieder klöhnte der Summer des Telephons aus der Stubenecke. »Herr Leutnant –!« »Ja, was ist?« Ich wandte mich ahnungslos um. Der Fernsprecher hielt mir den Hörer entgegen. Der Summer hatte dreimal lang angerufen. Das ging mich nichts an. Irgend jemand sprach mit dem Bataillon. Aber ich nahm doch den Hörer, den der Fernsprecher mir mit kurzem Ruck aufdrängte. Warum sah mich der Mann so an? Ich hörte das Gespräch ab. »Meldung von Feldwache in Posiminicze: Leutnant Wurche auf Patrouille am Simno-See schwerverwundet. Bitte um Wagen zum Transport.« …

Es war ganz still im Zimmer. Der Mann am Fernsprecher sah mich an. Ich wandte mich ab. Die Gedanken flogen mir durcheinander. Ich wollte aus dem Zimmer stürzen und nach Posiminicze laufen … Aber ich lag ja auf Vorposten. Und draußen verblutete vielleicht der Freund. Ich durfte nicht fort. »Ja dann – aber es ist schade.« Das Abschiedswort unter dem Kreuz von Zajle ging plötzlich durch die Stille. Ich biß die Zähne aufeinander. Immer wieder hörte ich das Wort, das halb gleichgültige, sinnlose Wort, das mich höhnte. »Es ist schade … Es ist schade …« Und draußen verblutete der Freund.

Da nahm ich den Hörer wieder und rief die zehnte Kompanie an. Der Summer schrillte. Die Kompanie meldete sich. Aber es war keine neue Meldung von der Feldwache eingelaufen. Der Verwundete lag noch draußen. Ein Wagen war nach Posiminicze unterwegs. Das war alles. »Sobald neue Meldung kommt, rufen Sie mich an!« »Jawohl, Herr Leutnant.« Alles dienstlich, ruhig, gleichgültig, müde wie immer. Ich saß und wartete. Ich stand auf und ging auf und nieder. Der Mann in der Ecke folgte mir mit den Augen. Ich ging aus dem Zimmer und war allein. Von Stunde zu Stunde rief ich durchs Feldtelephon an. »Keine weitere Meldung, die Leute sind noch draußen.« Immer dasselbe. Und ich saß kaum eine Wegstunde fern und durfte nicht zu dem Freunde eilen. Ich stand auf der dunklen Straße von Zajle, starrte in die Finsternis nach Südosten hinüber und kämpfte mit mir und war meiner nicht mehr Herr.

Das Fenster klang. »Herr Leutnant!« Ich stürzte ins Zimmer und faßte den Hörer. »Hier Leutnant Flex!« »Hier zehnte Kompanie! Leutnant Wurche ist tot.«

Ich gab den Hörer aus der Hand, ohne Antwort. »Schluß!« rief der Fernsprecher in den Schalltrichter. Sinnlos, sinnlos war das alles … Wieder stand ich unter dem blassen Himmel. Die Häuser um mich her als drohende, schwarze Klumpen. Und die Stunden schlichen weiter, eine nach der andern.

Ich wartete nur auf das Frührot. Dann jagte ich nach Posiminicze hinüber. Zwei Stunden gab mir die Kompanie Urlaub. Dann mußte ich zum Abmarsch zurück sein. Ohne Pferde war es unmöglich. Ich brachte einen Leiterkarren auf, meine Leute holten ein paar Gäule von der Weide. Der Bauer mußte anspannen. Aber er machte Schwierigkeiten. Er hatte kein Lederzeug. Ich riß die Pistole heraus und drohte die Gäule zusammenzuschießen. Der Bauer und die Weiber warfen sich auf die Erde, rangen die Hände und heulten. Ich riß ihn hoch. »Stricke!« Es waren keine Stricke da. Erst als ich auf die Pferde anschlug, brachte ein halbwüchsiger Bursche Stricke aus einem Schuppen. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich mußte den Freund noch einmal sehen. Er sollte durch eine Hand zur Ruhe gebettet werden, die ihn brüderlich liebte. Die Gäule waren angesträngt. Ich sprang auf. Einen jungen Kriegsfreiwilligen, der das Grab für die Eltern zeichnen sollte, nahm ich mit. Vorwärts! Ich hieb auf die Pferde und jagte querfeld nach Posiminicze hinüber.

Dann stand ich vor dem Toten und wußte nun erst: Ernst Wurche war tot. In einer kahlen Stube auf seinem grauen Mantel lag der Freund, lag mit reinem, stolzem Gesicht vor mir, nachdem er das letzte und größte Opfer gebracht hatte, und auf seinen jungen Zügen lag der feiertäglich große Ausdruck geläuterter Seelenbereitschaft und Ergebenheit in Gottes Willen. Aber ich selbst war zerrissen und ohne einen klaren Gedanken. Vor dem Hause, zur Linken der Tür, unter zwei breiten Linden hatte ich die offene Grube gesehen, die die Leute der Feldwache ausgehoben hatten.

Dann sprach ich die Mannschaften, die am Abend mit ihm auf Patrouille gegangen waren. Ernst hatte feststellen sollen, ob die Gräben der Seensperre vor Simno noch von Russen besetzt wären. Im Vorgehen war die Patrouille vom Feind mit Schrapnells unter Feuer genommen worden. Es war unmöglich, unbemerkt an die zu erkundende Stellung mit der Patrouille heranzukommen. Aber der junge Führer kehrte nicht um, ohne seinen Auftrag restlos zu erfüllen. Nur seine Leute ließ er zurück. Während sie in Deckung warteten, machte er einen letzten Versuch, sich die Einsicht in den russischen Graben zu erzwingen. Gewohnt, immer zuerst sich als den Führer einzusetzen, kroch er allein Meterbreite um Meterbreite vor und arbeitete sich so noch weitere hundertfünfzig Meter heran. Der Graben war nur noch von Kosakenposten besetzt, aber im Vorkriechen wurde der deutsche Offizier von einem der Russen bemerkt, der alsbald auf ihn feuerte. Eine Kugel drang ihm in den Leib, die großen Blutgefäße zerreißend und den Tod in kurzer Zeit herbeiführend. Seine Leute bargen ihn aus dem Feuer der flüchtenden Kosaken. Einer fragte, wie sie ihn trugen: »Geht es so, Herr Leutnant?« Er antwortete noch ruhig wie immer: »Gut, ganz gut.« Dann verließen ihn die Sinne, und er starb still, ohne zu klagen.