Vor dem lettischen Gehöft, wo er als Feldwachhabender gelegen, auf den Seehöhen vor Simno schmückte ich ihm das Heldengrab. Zwei Linden über ihm als geruhige Grabwächter, das nahe Rauschen der Wälder und das ferne Gleißen des Sees sollten ihn behüten. In den Bauerngärten umher war eine blühende, schwellende Fülle von Sonne und Sommerblumen. Ein Grab voll Sonne und Blumen sollte der sonnenfrohe Junge haben. Mit Grün und Blumen kleidete ich die kühle Erde aus. Dann brach ich eine große, schöne Sonnenblume mit drei golden blühenden Sonnen, trug sie ihm ins Haus und gab sie ihm in die gefalteten Hände, die, fast Knabenhände noch, so gerne mit Blumen gespielt hatten. Und ich kniete vor ihm, sah wieder und wieder in den feiertäglich stillen Frieden seines stolzen jungen Gesichts und schämte mich meiner Zerrissenheit. Aber ich rang mich nicht los von dem armseligen Menschenschmerze um das einsame Sterben des Freundes, in dessen Hand in der letzten Stunde keine andere gelegen hatte, die ihn liebte.

Doch je länger ich kniete und in das reine, stolze Gesicht sah, desto tiefer wuchs in mir eine angstvolle und unerklärliche Scheu. Etwas Fremdes wehte mich an, das mir den Freund entrückte. Dann schlug mir das Herz in aufwallender Scham. Er, der seinem Gotte so gerne nahe war, wäre allein gestorben? Ein Bibelwort fiel mir ein aus Jeremias: »Ich bin bei dir, spricht der Herr, daß ich dir helfe.« Das letzte große Zwiegespräch auf Erden, die Zweieinsamkeit zwischen Gott und Mensch hatte kein Unberufener gestört … Und ich klagte um ein freundloses Sterben – – –

Nicht daß ich's in jener Stunde klar empfunden hätte, aber als Keim senkte es sich damals in meine Seele, der in später Erinnerung heller und heller aufblühte. Großen Seelen ist der Tod das größte Erleben. Wenn der Erdentag zur Rüste geht und sich die Fenster der Seele, die farbenfrohen Menschenaugen verdunkeln wie Kirchenfenster am Abend, blüht in dem verdämmernden Gottestempel des sterbenden Leibes die Seele wie das Allerheiligste am Altar unter der ewigen Lampe in dunkler Glut auf und füllt sich mit dem tiefen Glanze der Ewigkeit. Dann haben Menschenstimmen zu schweigen. Auch Freundesstimmen … Darum forscht und sehnt euch nicht nach letzten Worten! Wer mit Gott spricht, redet nicht mehr zu Menschen.

Hätte ich's doch klarer empfunden in jener Abschiedsstunde! Ich ließ den Freund hinaustragen und half ihn in das grünausgekleidete Grab unter den Linden senken. In seiner vollen Offiziersausrüstung bettete ich ihn zum Heldenschlafe mit Helm und Seitengewehr. In der Hand trug er die Sonnenblume wie eine schimmernde Lanze. Dann deckte ich ihn mit der Zeltbahn. Über dem offenen Grabe sprach ich ein Vaterunser, zu dem mir nun freilich wieder die Worte in Tränen versagten, und warf die ersten drei Hände Erde auf ihn, danach sein Bursche, dann die andern. Dann schloß sich das Grab, und der Hügel wuchs. Eine Sonnenblume steht darauf und ein Kreuz. Darauf ist geschrieben: »Leutnant Wurche. I. R. 138. Gefallen für das Vaterland. 23. 8. 1915.« Der Stahl, den der Waffenfrohe blank durch sein junges Leben getragen, liegt ihm nahe am Herzen, als ein Gruß von Erde, Luft und Wasser der Heimat, aus dem Marke deutscher Erde geschmiedet, in deutschem Feuer gehärtet und mit deutschem Wasser gekühlt.

Der Stahl, den Mutters Mund geküßt,
Liegt still und blank zur Seite.
Stromüber gleißt, waldüber grüßt,
Feldüber lockt die Weite …

Die Verse, die er im Leben geliebt, lebt er im Tode.

Über das Kreuz hing ich zum Abschied einen aus hundert flammenden farbigen Bauernblumen gewundenen Kranz, für den seine Leute alle Gartenbeete der lettischen Bauern geplündert hatten. Weichsamtene Levkojen und rotgoldene Studentenblumen, Nachtschatten und Sonnenblumen, der ganze reife Sommer blühte über dem Grabe des Jünglings, als ich schied.

Durchs Feldtelephon kam der Marschbefehl. Ich mußte im Galopp zu meiner Kompanie zurück. Das Bild des Grabes, das der Kriegsfreiwillige gezeichnet, in der Brieftasche, brach ich zur weiteren Verfolgung des Feindes auf. Wir marschierten den Weg, den er so treu mit seiner Patrouille unter Hingabe seines Lebens aufgeklärt hatte.

Am Abend lagen wir wieder vor dem Feinde. Die Schrapnells und Granaten russischer Feldgeschütze fuhren gurgelnd und krachend, wirbelnde Luftschleppen hinter sich herreißend, gegen die Gehöfte, hinter denen wir Deckung suchten. Ich saß auf einem Tornister und schrieb auf ein paar Meldekarten an die Eltern des Freundes. »Glauben Sie mir: Sie tun ihm die letzte Liebe, wenn Sie seinen Tod so tragen, wie es seiner würdig ist und wie er es wünschen würde! Gott lasse seine Geschwister, an denen er so brüderlich hing, aufwachsen, ihm gleich an Treue, Tapferkeit und Weite und Tiefe der Seele!« Aber ach, wie fern war ich selbst, während ich dies schrieb, von solcher Ergebung und Herzenstapferkeit, die ich andere lehrte! –