Und weiter Märsche und Gefechte, Gefechte und Märsche … Olita fiel. Bei Preny gingen wir über den Njemen. Vor Zwirdany zerbrachen wir in nächtlichem Sturm die Russensperre am Daugi-See, nachdem wir am Tage die Höhenstellungen bei Tobolanka erstürmt hatten. Am Ufer der Mereczanka, vor dem brennenden Orany, lagen wir im Feuer. Und zogen der Wilia entgegen in neue Schlachten. Allabendlich flammten und schwelten Dörfer und Scheunen am Horizonte als Brandfackeln, die dem rückflutenden Russenheere meldeten, wie weit die deutschen Heeressäulen vorgedrungen waren. Verstörte Einwohner huschten mit Kindern, Bündeln und Packen schattenhaft auf unsern Wegen um zerschossene Wohnstätten und zertretene Gärten. Hunde jaulten um verlassene und zerstörte Höfe. Vieh und Pferde tauchten auf und verschwanden. Gleichgültig und mit müden Augen sahen wir all die schattenhaften Bilder, die wie Sonnenaufgang und Untergang sich täglich und stündlich wiederholten, stumpf und schlafhungrig hörten wir den Wirrwarr lauter Befehle und Zurufe, das »Germanski, Germanski!«-Jammern der verwundeten Russen in Wald und Feld – – Schlafen! nur schlafen!

Das Zwielicht eines baufälligen Stalles von Winknobrosz schied mich von der scharfen, grauen Helle eines Septembermorgens voll Sturm und Regen. Die Strohschütten, auf denen ich unter meinem grauen Mantel lag, strömten faden, süßlichen Fäulnisgeruch aus und erfüllten die regen- und schlammschweren Kleider mit dunstfeuchter Wärme. Von den braunen Leibern der zwei müden Kompaniepferde, mit denen ich den dumpfen, zugigen Raum teilte, stieg farbloser Schweißdunst auf und stand als grauer Nebel in den durch die Löcher der Holzwand und die Risse des Strohdachs hereinbrechenden grellen Lichthaufen. Durch die klaffenden Sprünge und Spalten der rohen Holztür, die das armselige Wohngelaß des polnischen Dorfschmieds von uns schied, quoll der unruhige Lärm der Telephonisten und Offiziersburschen, untermischt mit weinerlichem Polnisch und dem stoßweisen Wimmern eines Kindes, das in der Schwebewiege durch den Armeleutebrodem des überfüllten Raumes schaukelte. Der Summer des Telephons klöhnte und klöhnte … Alles wie an jenem Abend in Zajle. Warum traten Menschen und Dinge immer wieder zu dem quälenden Bild der Erinnerung zusammen und taten Gespensterdienst und schafften alle Nächte zu Todesnächten um? Heute und morgen – wie oft noch?

Aus den klammen Falten des Mantels über meinen Knien schimmerten im Halbdunkel zwei wandernde leuchtende Punkte, die Radiumzeiger einer flachen, kleinen Stahluhr, auf der die Stunden des Ruhetages nach wochenlangen Kämpfen und Märschen träge und müde abliefen, eine um die andere.

Ich sah auf das bißchen Glanz, das inmitten von so viel Armseligkeit schimmerte, und mühte mich, das Ticken der kleinen Uhr zu hören. Ich hob sie auf und glaubte wieder das unermüdliche Gangwerk zu spüren wie den Pulsschlag von etwas Lebendigem. Ich redete mir so gerne ein, daß es ein Stücklein Leben wäre, das mir gut und treu nahe sei. Denn dieses leise pulsende Treiben war noch von der Hand in Gang gebracht worden, die mir vor andern Menschenhänden lieb war und die nun still über dem kühlen Stahl des Schwertes im Grabe ruhte. Ernst Wurches Uhr, die mit mir durch die Kämpfe der Njemenschlacht und der Schlacht bei Wilna den Weg zu den Eltern in der schlesischen Heimat suchte … Als ich in der Frühe des Unglückstages, der seiner Sterbenacht folgte, an die Seite des Toten eilte, schwiegen Lippen, Puls und Herz des Freundes seit Stunden, aber als mir die kleine Uhr in die Hand hinüberglitt, erspürte ich das leise, behutsame Pulsen des Werkes, das er noch in Gang gesetzt, wie ein Stücklein Leben von seinem Leben, und ich hatte und hegte einen Augenblick lang das törichte Leidgefühl, als hielte ich das liebe Herz meines Freundes in Händen.

Durch Stunden und Tage mühte ich mich, die kleine unermüdliche Stimme, die mich seitdem durch Märsche und Gefechte begleitete, besser zu verstehen. Und sie redete zu mir und sprach auch heute: »Du lebst die Lebensstunden meines toten Herren, deines Freundes, die Gott ihm als ein Opfer abforderte. Denkst du daran? Du lebst seine Zeit, wirke seine Arbeit! Er schläft, du wachst, und ich teile dir die Stunden deiner Lebenswache zu. Ein rechter Kamerad wacht für den andern, wache du für ihn! Sieh, ich hüte treu das Amt, das er mir zugeteilt, sei ihm treu wie ich, du Mensch, der mehr ist als wir toten Dinge, deren Leben von euch stammt!« … Die leise kleine Uhr sprach und sprach, und ihre Stimme sickerte mir tiefer und tiefer ins Herz … Ich wollte gehorchen und mich über den Schmerz emporreißen. Und schrieb im Halbdunkel:

»Im Osten, von wannen die Sonne fährt,
Ich weiß ein Grab im Osten,
Ein Grab vor tausend Gräbern wert,
Drin schläft ein Jüngling mit Fackel und Schwert
Unter des Kreuzes Pfosten.

Als Fackel trägt er in weißer Hand
Eine goldene Sonnenblume,
Auch loht von des Heldenhügels Rand
Eine Sonnenblume wie Feuersbrand,
Eine Fackel zu seinem Ruhme.

Das Schwert, so oft beschaut mit Lust,
Glüht still in eig'nem Glanze.
Es deckt des Sonnenjünglings Brust
Als Sonnenwappen der Blütenblust
Der gold'nen Blumenlanze.

Er war ein Hüter, getreu und rein,
Des Feuers auf Deutschlands Herde.
Nun blüht seiner Jugend Heiligenschein
Als Opferflamme im Heldenhain
Über der blutigen Erde.