Die Familie in Kattowitz
Diese führt uns zu den Anfängen jüdischer Emanzipation, etwas vom Leben in einer der oberschlesischen, kleineren Städte wie Sohrau, dann der Entwicklung im oberschlesischen Industriegebiet und der Entstehung der Stadt Kattowitz. Die deutschpolnische Problematik stellt sich vornehmlich in den durch die Teilungen Polens an Preußen gefallenen Provinzen Posen und Westpreußen, aber spielt auch eine Rolle im stark polnischsprechenden Oberschlesien. Wir denken an kulturelle und kommunale Entwicklung in der jungen Stadt Kattowitz, in der ich dann 1908 geboren wurde.
Meinen Urgroßvater Hirschel Grünfeld findet man in der Liste der durch die Hardenberg'schen Reformen 1812 zu preußischen Staatsbürgern werdenden schlesischen Juden (1). 1817 zieht er mit seiner Frau und drei ihrer Kinder von Woschczytz nach der Stadt Sohrau. Nach dem Tod seiner Frau 1818 (3) heiratet er 1820 Lewine (später Louise) Huldschinsky (4). Diese neue Familie Grünfeld hat dann drei Söhne und fünf Töchter bis Hirschel Grünfeld 1840 in Sohrau stirbt.
Ich habe kaum Anhaltspunkte, mir ein Bild von ihm zu machen, höchstens von der Umgebung, in der er gelebt hat. Das Dorf Woschczytz, schon von mir erwähnt, ist 1836 ausgewiesen mit einer Wasser und Sägemühle und einem Frischfeuer, 57 Häusern und 352 Einwohnern (5). Im Verlauf der wieder zunehmenden Ansiedlung von Juden in Oberschlesien wird es für 1693 erwähnt (6), aber bereits für 1678 erscheint ein jüdischer Messegast in Leipzig aus Woschczytz(7). Die Nähe der Stadt Sohrau hat vermutlich auch jüdische Kaufleute nach dem benachbarten Woschczytz gezogen, da Ansiedlung für sie in Sohrau begrenzt war. Wirtschaftlich wurde Sohrau stark durch seine Woll und später Leinwandweberei, und dazu kam schon im 16. Jahrhundert ein bedeutendes Schuhmachergewerbe(8), mit zeitweise 32 Meistern. Hirschel Grünfelds Beruf "Lederhandel" kann damit zu tun gehabt haben. Über Umfang und Erfolg seines Geschäfts haben sich in der Familie keine Informationen erhalten. Er starb mit etwa 60 Jahren, seine Frau war wesentlich jünger, das jüngste der acht Kinder wurde erst im selben Jahr geboren. Eine Schwester der Frau hatte den Gastwirt Hirschel Loebinger in Sohrau geheiratet. Mein Vater hat oft betont, daß die Familien eng zusammenlebten, auch daß die Familie Loebinger ebenso wie die Grünfelds von Mähren nach Oberschlesien gekommen waren.
Die beiden älteren Söhne Hirschel Grünfelds verließen Sohrau bald nach seinem Tode, also noch sehr jung, nämlich Abraham, geboren 1823 und Isaak, später Ignatz genannt, geboren 1826, mein Großvater. Er wird später ein Maurerlehrling und hat dann verschiedene Stellungen als Geselle und Polier, bis er sich 1855 in der Dorf und Industriegemeinde Kattowitz als Meister niederläßt. Einen Abraham Grünfeld aber finden wir in Sohrau wieder, meist als Lehrer bezeichnet, manchmal als Kaufmann. Auch meine Urgroßmutter hat noch bis um 1870 in Sohrau gelebt, es blieb auch für meinen Vater eine Art Begriff eines Herkunftsorts der Familie, ich konnte mir auch heute nachträglich ein gewisses Bild vom Leben dort machen, denn es gibt eine sehr ausführliche Stadtgeschichte (9). Meine Heimatstadt Kattowitz gab es ja noch gar nicht als Stadt in der 1.Hälfte des 19. Jahrhunderts, aber Sohrau war eine alte Stadt mit althergebrachtem bürgerlichem und Zunftleben, überwiegend katholisch geblieben. Ich fand es interessant zu sehen, wie zur Zeit meiner Urgroßeltern das Leben sich da veränderte, mit zunehmender Gewerbefreiheit, und was man über die Emanzipation der Juden und ihre Probleme dabei sehen kann. Juden waren mit dem Wirtschaftsleben von Sohrau wohl lange verbunden. Schon für 1511 werden "Judenacker" neben der Stadt erwähnt (10). Die Städte ließen Juden zu ihren Märkten zu, auch wenn sie sich lange Zeit nicht ansiedeln durften. Erst für das 18. Jahrhundert hören wir dann von jüdischen Einwohnern. 1791 leben aber an Juden erst 34 Personen in der Stadt, 103 in den "Vorstädten". 1856 waren es dann schon 471, nach der Emanzipation hatte Sohrau starken Zuzug jüdischer Familien vor allem aus den Dörfern der Kreise Rybnik und Pless erhalten. Anfang des 19. Jahrhunderts wird eine Synagoge gebaut, ein Friedhof eingerichtet, ein Rabbiner engagiert, und es gab jüdische Lehrer. Die Schulung der Kinder ist gerade auch nach der Emanzipation ein gewisses Problem in kleinen Gemeinden.
Unter den schlesischen Landjuden, wo ja oft nur wenige, oft nur einzelne jüdische Familien in einem Dorf lebten, gab es die Einrichtung der Hauslehrer, und Privatlehrer gab es dann auch zunächst in Sohrau. Die öffentlichen beaufsichtigten Schulen, die eingerichtet wurden, waren konfessionell, auch der jüdischen Gemeinde oblag nach Emanzipation, für die vorschriftsmäßige Schulung ihrer Kinder zu sorgen. Für kleinere Gemeinden war es finanziell nicht einfach, den neuen behördlichen Verpflichtungen für die Erziehung ihrer Kinder nachzukommen. Ein System, junge jüdische Leute als Hauslehrer aufzunehmen, hatte wohl gutsituierten Landjuden geholfen. Um der Schulpflicht nach der Emanzipation zu genügen, wurden aber an dazu befugte Lehrer ganz andere Anforderungen gestellt, und die jüdische Gemeinde hatte einen dauernden Kampf, für die von ihr angestellten Lehrer behördliche Genehmigung zu bekommen.
Viele konnten die nachträglich abzulegenden Examen nicht bestehen. So gab es einen häufigen Wechsel. Zeitweise konnte die Gemeinde eine jüdische Volksschule oder sogar einige Klassen einer fortgeschrittenen Schule unterhalten. Wenn in katholischen Volksschulen Platz war, konnten jüdische Kinder auch aufgenommen werden, schon in den 1820er Jahren scheinen manche jüdischen Familien das sogar bevorzugt und sich für die Aufrechterhaltung jüdischer Schulen gar nicht mehr so interessiert zu haben. Aber noch 1858 muß eine jüdische Schule wieder errichtet werden, da in der katholischen kein Platz ist. Dazwischen gab es auch einen christlichen Privatlehrer, der eine Schule für die protestantischen und jüdischen Kinder unterhielt. Wenn Kinder in nichtjüdische Schulen gingen, mußte die Gemeinde für ihren Religionsunterricht durch einen hinreichend qualifizierten Lehrer sorgen. Als solcher wird fortlaufend A. Grünfeld erwähnt (11), auch noch für 1858. Als Religionslehrer tätig, blieb er also wohl der jüdischen Tradition verhaftet.
In der jüdischen Bevölkerung sehen wir das bekannte Bild fortschreitender Emanzipation und Assimilation. Schon in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts finden wir zwei in der Stadt allgemein angesehene jüdische Ärzte (Wachsmann und Karfunkel), mehrere Fabrikbesitzer, aus der Mühlenbesitzer Familie Stern kommt der spätere Nobelpreisträger für Physik Otto Stern (1943 geboren in Sohrau). Auch in den Gremien der Stadtverwaltung finden wir früh jüdische Namen, und ebenso in verschiedenen städtischen Vereinen, z.B. Frauenverein und Freiwillige Feuerwehr. Im 18. Jahrhundert gab es noch die alten Strukturen in der Stadt Sohrau. Industrie ist ein handwerkliches Gewerbe, und die Zünfte kennzeichnen die Organisation des städtischen Lebens. Im 19. Jahrhundert ändert sich das Bild. Auch unter den in die Stadt ziehenden oder dort aufwachsenden Juden gibt es manche Handwerker, recht spezifisch für Oberschlesien.
Über den beruflichen Werdegang meines Großvaters Ignatz Grünfeld bis er sich 1855 in Kattowitz niederließ, haben sich einige seiner Zeugnisse erhalten. Nur mündlicher Überlieferung nach war er zunächst als Lehrling bei dem ebenfalls jüdischen Maurermeister Lubowski in Gleiwitz angestellt. 1847 ist er bereits Maurergeselle und arbeitet bei Maurermeister Petzholtz in Potsdam beim Kuppelbau der dortigen Nikolaikirche, danach weiter als Maurergeselle in Stettin (Münch) und Breslau (Hoseus), von 1850 als Maurerpolier in Gleiwitz (Wachter und Lubowski). Als Meisterbau wird im Zeugnis vom 16. September 1857 ein Wohnhaus für Simon Goldstein in Kattowitz genannt, das später durch das Café Otto bekannt wurde, und heute noch mit Kawarnia Krysztalowa an der Hauptstraße in Katowice steht.
Seine Umwelt und Erfahrungen waren deutlich verschieden von denen des Lehrers A. Grünfeld in Sohrau. Mit einigem Stolz wurde noch uns Enkeln erzählt, daß er in Potsdam an der Kuppel der Nikolaikirche gearbeitet hatte. Die "Wanderschaft" auch außerhalb Oberschlesiens hatte sicher dazu beigetragen, seinen Blick zu erweitern für die erfolgreiche Unternehmerschaft seiner späteren Jahre. Aber das Kattowitz, in dem er sich 1855 niederließ, war zunächst noch ein Dorf (13). Der benachbarte Bogutzker Hammer war seit 1756 nicht mehr in Betrieb. Diese Form der Eisengewinnung war gegenüber neueren Entwicklungen nicht mehr konkurrenzfähig, sowohl wirtschaftlich wie in Qualität des Produkts, auch war die Beschaffung von Holz und Erz schwieriger geworden. 1799 wurde das Rittergut an Kommissionsrat Koulhaass verkauft, von dem es seine Tochter Frau Wedding erbte, und das sind schon Namen, die mit der rapiden Entwicklung des Berg und Hüttenwesens in Oberschlesien eng verbunden sind. Nachdem die aus England kommende sensationelle erste Dampfmaschine (sogar Goethe kam, sie zu besichtigen) auf einer Grube bei Tarnowitz 1788 und der erste Kokshochofen in Preußen 1792/96 errichtet worden waren, kamen diese Entwicklungen noch näher an Kattowitz durch den Bau der gleichfalls staatlichen Königshütte (1798/1802), deren Direktor (bis 1818) Hütteninspektor Wedding es unternahm, den Bogutzker Hammer durch Bau eines Hochofens zu modernisieren. Die Herrschaft erwarb 1839 Franz Winkler, Absolvent der Tarnowitzer Bergschule, nach einer schon erfolgreichen Karriere reich verheiratet. Er entwickelte entscheidende Initiative für den wirtschaftlichen Fortschritt von Kattowitz und wurde 1840 geadelt. Für die Kontinuität der Verwaltung und des Beitrags zur Entwicklung von Kattowitz sorgte Winklers Studienfreund und Mitarbeiter Friedrich Wilhelm Grundmann, der später zusammen mit seinem in Kattowitz als Arzt niedergelassenen Schwiegersohn Dr. Holtze als Gründer der Stadt Kattowitz, das heißt, die Vorkämpfer für die Stadtwerdung des Dorfes 1865 angesehen werden.