Mein Großvater war also seit 1855 dort ansässig, und heiratete die 1837 im benachbarten Dorf Zalenze geborene Johanna Sachs, Tochter des Arendators der Gutsherrschaft Zalenze, Peretz Sachs (14). Die industrielle Entwicklung hatte sich durchaus nicht auf den Gutsbezirk Bogutzker Hammer mit Dorf Kattowitz beschränkt. Nach der Königshütte war in Welnowiec 1809 die Hohenlohehütte mit Kokshochofen, dann an der Grenze zwischen Kattowitz, Zalenze und Domb 1828 die von dem Engländer John Baildon (15) erbaute Baildonhütte für Stahlerzeugung in Betrieb gekommen und in Zalenze auch 1840 die Kohlengrube Kleofas von Giesche. Das Restaurant, das zur Arende meines Urgroßvaters Peretz Sachs gehörte, konnte sich also auf ein wachsendes Publikum stützen. Jakob Grünfeld aus Sohrau, der jüngere Bruder meines Großvaters, heiratete eine andere Tochter, Maria, des Peretz Sachs, und übernahm später das Restaurant. Es wurde als "Grünfeld's Garten" für viele Jahrzehnte sehr bekannt.
Die Großmutter ging in den 1840er Jahren in Zalenze in die katholische Dorfschule. Ich habe versucht, mir im Zusammenhang mit dieser Familienüberlieferung ein Bild von damaligen Schulverhältnissen zu machen. Dabei stößt man gleich auf die Sprachenfrage zwischen preußischer Verwaltung und stark polnisch sprechender Bevölkerung. Ich habe keine Daten für Zalenze gefunden, aber im benachbarten Dorf Kattowitz war 1827 eine zunächst einklassige Schule eröffnet worden, und zwar zweisprachig (16). Die Kinder von Kattowitz gingen vorher zur Schule in Bogutschütz, die schon für 1804 erwähnt wird (17).
Die preußische Politik gegenüber der großen polnischen Bevölkerung, in den durch die Teilungen Polens zugefallenen Gebieten unterlag im 19. Jahrhundert mehrfachen Stimmungs und Zielwechseln. Unter dem Einfluß der SteinHardenberg'schen Reformideen, besonders verkörpert durch den Schulminister Altenstein, war die Einstellung konziliant gewesen (18). Er begünstigte den Aufbau eines polnischen Schulwesens, vornehmlich in Posen, das ja ein Kernland des Königreichs Polen gewesen war. Der polnische Aufstand in RussischPolen 1830/31 führte zu einem völligen Umschwung gegenüber den Polen auch in Preußen, der aber in den 1840er Jahren wieder einer liberaleren Haltung Platz machte. Die polnische Sache war ja zu einem Lieblingsthema der liberalen Freiheitskämpfer in Europa geworden, und der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. entzog sich diesen Stimmungen nicht (19). Die polnische Bevölkerung Oberschlesiens wird schon damals in diesen innerpreußischen Argumenten erwähnt (20).
Im März 1848 gehörte es jedenfalls auch zu den Ideen in der Paulskirche, daß mit der ersehnten deutschen Einigung auch die Teilung Polens rückgängig gemacht werden sollte, in die sich Preußen seinerzeit verwickelt hatte. Aber es kam ja 1848 nicht zu dieser deutschen Einigung. In Preußen verstärkten sich danach die antiliberalen Tendenzen wieder, und als es 1871 zur deutschen Einigung unter preußischer Führung kam, gab das neue deutsche Nationalbewußtsein der preußischen antipolnischen Politik sogar eine ganz neue Note. Es war nun nicht mehr nur die Loyalität der polnischen Einwohner gegenüber der preußischen Monarchie gefordert, sondern das Ziel mußte ihre vollkommene Germanisierung sein. So verschärfte sich zur Zeit Bismarck's die ganze Preußische Nationalitäten und Schulpolitik so rigoros wie sie dann später in Erinnerung geblieben ist. Es war überdies auch die Zeit des "Kulturkampfes", dem sich die deutsche katholische Zentrumspartei ausgesetzt fand. Aus der offiziellen Politik verschwand der Sinn für Berechtigung des Schutzes der gesamtpreußisch gesehen nationalen und sprachlichen polnischen Minderheit, und aller staatlicher Schutz wurde dem wachsenden deutschen Bevölkerungsanteil in den fraglichen Provinzen gegeben. Ein interessanter Gedanke von M.Broszat dazu ist (21), daß die Erwartung von Loyalität seitens der Minderheit für die staatliche Oberhoheit eigentlich strikter Neutralität des Staates auch dort bedurft hätte, wo es um die örtlichen Belange der deutschen Bevölkerung ging. Aber die verblassende Staatsideen von Imperium und Krone waren eben von der Omnipräsenz nationalstaatlichen Denkens verdrängt worden, und das schien keinen Raum zu lassen für Vorstellungen von pluralistischen Ordnungen auch für das Zusammenleben von verschiedenen Nationalitäten. Die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts scheinen daran wenig geändert zu haben, obwohl die Verwirklichung von Hoffnungen auf eine europäische Einigung davon abzuhängen scheint.
Auf diesen Gedankenflug sind wir gekommen von der Vermutung, daß die Dorfschule meiner Großmutter möglicherweise damals noch zweisprachig war. Ich weiß auch, daß beide Großeltern das oberschlesische Polnisch sprechen konnten; mein Vater erzählte, daß sie es benutzten, wenn ihre rein deutschsprachig aufwachsenden Kinder etwas nicht verstehen sollten. Das Dorf Kattowitz war in der 1.Hälfte des 19. Jahrhunderts erstaunlich gewachsen (22). 1846 wurde es eine wichtige Station der neuen Eisenbahn BreslauMyslowitz als ein Umschlagplatz für Zweigverbindungen zu einem großen Umkreis von vielen Gruben und Werken mit ihren zugehörigen Ortschaften. Schließlich war Kattowitz so gewachsen, daß es 1865 zu einer Stadt gemacht wurde. Dies geschah aber erst nach scharfen Auseinandersetzungen zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern und den Neuankömmlingen. Unter der Dorfverfassung herrschte die "Gromada", die Versammlung der Grundbesitzer, also der alteingesessenen Bauern, d.h. Gärtnerstellenbesitzer und denjenigen unter den Neuzugezogenen, die unterdessen Hausbesitz hatten erwerben können. Ursprünglich kamen auch alle Gemeindesteuern nur von diesen Einwohnern, aber 1856 änderten sich die Steuergesetze, alle Einwohner zahlten Gemeindesteuern, aber die Dorfverfassung wurde nicht geändert, und die immer noch von den polnisch sprechenden Bauern beherrschte Gromada konnte allein über die Verwendung der Einnahmen entscheiden. Unter einer städtischen Verfassung wäre das anders gewesen. Für ein Stadtparlament gab es das allgemeine Wahlrecht nach dem preußischen Dreiklassenwahlrecht mit Stimmen zugunsten der höheren Einkommen gewogen. Der Streit mit der Gromada kam, weil es unter den Neuankömmlingen viele Anspruchsvollere und Besserverdienende gab mit eigenen Ideen allein schon über Straßenpflasterung und Beleuchtung etc. Für die eingesessenen Bauern hätte es schon eine naheliegende Idee sein können, daß der Ort mit den Gegebenheiten und Anforderungen der großen industriellen Entwicklung zum eigenen Nutzen Schritt halten sollte. War nun bäuerlicher Widerstand dagegen und gegen Erwerb der Stadtrechte eine ganz übliche Situation und aus dem Gegensatz der sachbezogenen Interessen beider Seiten gut verständlich, oder war es eine besondere Situation durch die nationalen Gegensätze in Oberschlesien?
Vom heutigen Blickpunkt des späten 20. Jahrhunderts könnte man auch sagen, diese Bauern waren anscheinend ganz frühe Umweltschützer, die ihre Dorfwelt nicht von der sich breitmachenden Industrie verdrängt sehen wollten. Aber wie so oft, die deutschpolnische Spannung wird hier, sowohl von Zeitgenossen, wie in späteren Rückblicken, von beiden Seiten als der Hauptgrund angeführt. Schon Dr. Holtze berichtet in seiner Stadtgeschichte von 1871, daß die polnischen Bauern alle Forderungen der, wie sie sagten, "Deutschen und Juden" mit einem "nie chca" ablehnten, und der Gymnasialdirektor G.Hoffmann kommentiert in seiner Stadtgeschichte von 1895 dazu: "Es war eben der Widerstand des polnischbäuerlichen Elements gegen den von deutscher und jüdischer Seite vertretenen Fortschritt" (23).
Heutige polnische Stimmen aus Katowice erinnern an den Widerstand der Bauern gegen die Germanisierungstendenzen der Neuankömmlinge, denen allein die Verleihung der Stadtrechte dienen sollte, und an den letzten polnischen Dofschulzen Kazimierz Skiba, der bis 1859 20 Jahre im Amt gewesen war, für polnische Sprache und Schule gekämpft und eine große polnische Bibliothek für sich gesammelt habe (24). Also wird seiner jetzt als Seele des damaligen nicht nur bäuerlichen, sondern nationalen polnischen Widerstands gegen die Stadtwerdung gedacht. Inzwischen ist das kleine Dorf aber nicht nur zur Hauptstadt Oberschlesiens, sondern auch zu einer der bedeutendsten Städte des heutigen Polen mit etwa 500.000 Einwohnern angewachsen.
Deutsche und Juden werden dabei zwar separat identifiziert, aber sitzen auf derselben Bank als Gegner der ursprünglichen Dorfbewohner. Obwohl Juden schon 1702 und 1737 erwähnt sind, wird als erster jüdischer Ansiedler im Dorf Kattowitz Hirschel Fröhlich erwähnt (25), der 1825 die Arrende pachtete. Seinen Sohn Heimann Fröhlich finden wir prominent in den Berichten über den Streit zwischen Bauern und Zuzüglern, der sich von 1859 bis zur Stadtwerdung 1865 hinzog. Als mein Großvater 1855 nach Kattowitz zog, lebten dort unterdessen 105 jüdische Personen, 1865 waren es 573 unter 4815 Einwohnern, also 11. 9%, ihr Anteil an den Gemeindesteuern aber betrug 36.7% (26). Durch die Industrialisierung und als Folge der jüdischen Emanzipation zogen die sich stärker entwickelnden Industriestädte viele Juden aus kleineren oberschlesischen Städten und Dörfern an. Kattowitz, die sich so rasch entwickelnde Industriegemeinde, bis dahin ohne größeren eingesessenen Bürgerstand bot ihnen besonders guten Raum für Tatkraft und Profilierung.
Der Geist der Emanzipation, wie überall in Europa, mit der Anziehung an Leben und Kultur der Umwelt aktiv teilzunehmen und sich in sie mehr zu integrieren, führte im damaligen Oberschlesien zu jüdischer Hinneigung und zunehmender Identifizierung mit dem deutschen Element. Das war ja vielerorts so im östlichen Mitteleuropa; für Kattowitz ist mir aufgefallen, daß dieses Zusammenleben damit auch angefangen hatte, daß sie zusammen auf einer Bank gesessen und den Kampf um die Stadtwerdung geführt hatten.
Ein Argument für das preußische Dreiklassenwahlrecht für Stadtparlamente war, daß die beruflich und wirtschaftlich Erfolgreichsten auch zur Leitung der Geschicke einer Stadt beigezogen werden sollten. In vielen Teilen Preußens führte dies zu einem verhältnismäßig hohen Anteil von Juden in Stadtparlamenten. Sie müssen sich auch unter ihren Kollegen recht oft ausgezeichnet haben, denn oft wurde ein Jude zum Stadtverordnetenvorsteher gewählt. Das war nicht nur so in Oberschlesien, wir finden es auch in Breslau und Berlin. Im jungen Kattowitz war ihr Anteil in der Bevölkerung und in städtischen Organen noch höher als in anderen oberschlesischen Städten und wuchs noch nach der ersten Wahl von 1866 (27), bei der unter den ersten 18 gewählten Stadtverordneten sieben Juden waren (28), darunter auch Ignatz Grünfeld, der bis zu seinem Tod 1894 Stadtverordneter blieb.