Der Bruder meiner Großmutter, Elias Sachs, wurde noch aktiver in der Stadtverwaltung. Nach einer frühen meteorischen Karriere, er fing an mit dem Sammeln von Pferdekutteln als Brennstoff und Bindemittel für die Hüttenindustrie, dehnte das auf bedeutenden Kohlenhandel aus, gründete das erste Bankgeschäft in Kattowitz und beteiligte sich mit zwei anderen Kattowitzer Stadtverordneten, Rosse und Hammer, an der Gründung der Kattowitzer AG für Eisenhüttenbetrieb in Hajduck (28), in deren Aufsichtsrat er bis zu seinem Tod in Berlin 1908 aktiv blieb. Er war seit 1872 Stadtrat in Kattowitz und wurde 1892 vor seinem Wegzug nach Breslau zum Stadtältesten ernannt. Das von meinem Großvater Ignatz Grünfeld gegründete Baugeschäft war auch sehr erfolgreich. Es wurde unter seinem Namen noch bis in die 1930er Jahre fortgeführt (29).
In dem steten Wachstum der Stadt Kattowitz hatte es noch zwei neue Entwicklungen gegeben, die ihre zunehmende Bedeutung innerhalb des oberschlesischen Industriebezirks kennzeichnen. 1882 wurde der Sitz des Oberschlesischen Berg und Hüttenmännischen Vereins, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie von Beuthen nach Kattowitz verlegt, und 1895 wurde Kattowitz zum Sitz der neuzubildenden eigenen Eisenbahndirektion für den oberschlesischen Industriebezirk bestimmt. Dem gingen längere Verhandlungen mit der Stadtverwaltung voran, die Schaffung des notwendigen Wohnraums für die neuen Beamten garantieren mußte. Hierbei soll mein Großvater noch auf Seiten der Stadtverwaltung eine aktive Rolle gespielt haben.
Von den sechs Söhnen des Ignatz Grünfeld wählten zwei auch das Baufach. Der zweitälteste, Max, studierte Architektur und blieb im Regierungsdienst, kehrte dann als Regierungsbaumeister a.D. nach Kattowitz zurück. Der drittälteste, mein Vater Hugo Grünfeld, besuchte die Baugewerkschule und trat dann mit dem Titel Baumeister noch sehr jung in das Baugeschäft seines Vaters ein. Nach dem Tod meines Großvaters 1894 führten diese beiden Brüder sein Baugeschäft weiter und wurden auch in Ämter in der Stadtverwaltung gewählt. Max war einige Jahre als Stadtbaurat Mitglied des Magistrats, mein Vater wurde Stadtverordneter (30).
Wie weit die Parteipolitik Deutschlands schon im 19. Jahrhundert zu Zeiten meines Großvaters eine Rolle bei Stadtparlamentswahlen in Kattowitz gespielt hat, konnte ich nicht mehr feststellen. Die liberalen bürgerlichen Kreise in Deutschland hatten sich nach 1848 in verschiedene Richtungen entwickelt: die Nationalliberalen wurden ganz systemtreu auf Seiten Bismarcks, die Freisinnige Volkspartei stand, mehr fortschrittlich, links davon, also blieben die eigentlichen Vorkämpfer der 1848er Ideale. Rechts von den Nationalliberalen gab es dann noch die Konservativen und Alldeutschen als radikale Nationalisten. Die führenden Leute der oberschlesischen Schwerindustrie gehörten zum mehr rechtsgerichteten Lager der Nationalliberalen, wenn nicht noch weiter rechts, und die große gut etablierte Tageszeitung "Kattowitzer Zeitung" stimmte mit dem vorherrschenden Trend von Industrie und Beamtentum überein. Das freisinnige Bürgertum hatte ja in der Stadtverwaltung von Kattowitz eine starke Stellung, ebenso wie in Breslau und Berlin, aber dort gab es auch freisinnige Zeitungen (die "Breslauer Zeitung" und mehrere sehr bekannte in Berlin).
Bei den beiden Brüdern Grünfeld war das politische Engagement zu
Beginn des Jahrhunderts jedenfalls schon sehr ausgesprochen. Sie
unternahmen einen Versuch, im "0berschlesischen Tageblatt" eine den
Gedanken der Freisinnigen Partei ergebene Zeitung aufzubauen. Als
Redakteur war Balder Olden, Bruder des später bekannter gewordenen
Schriftstellers und Journalisten Rudolf Olden, engagiert worden. Die
Zeitung konnte sich aber nicht halten, und mußte mit 300.000 Mark
Verlust aufgegeben werden, wie mir mein Vater erzählt hat.
Das großväterliche Baugeschäft hatte sich aber weiter gut entwickelt. Ein neuer Zweig, Lieblingsprojekt meines Vaters, war eine große Ziegelei, die 1895 im Gebiet des früheren "Vorwerks" von Kattowitz, Karbowa, ausgestattet mit den letzten technischen Neuerungen gebaut wurde, auch für Spezialprodukte wie glasierte Ziegel und andere Ziersteine, die man noch heute an manchen Fassaden in Katowice sehen kann. Daneben wurde auch eine Bautischlerei und Schmiedewerkstatt eröffnet.
Mein Onkel Max Grünfeld aber zog dann schon früh nach Berlin und eröffnete eine Filiale der Firma, die dort eine ganze Reihe von Wohnhäusern baute, vor allem in Charlottenburg und Wilmersdorf, aber eins auch Unter den Linden. Er praktizierte auch als Architekt, wurde ein sehr aktiver und prominenter Freimaurer, baute auch das bekannte Logenhaus in der Emser Straße in Wilmersdorf. Er heiratete erst im Alter, 1925, hatte sich schon vorher aus dem Geschäft zurückgezogen und starb 1932 in Berlin.
Von den vier anderen Brüdern meines Vaters waren zwei Mediziner, der älteste, Hermann, als praktischer Arzt in BerlinKreuzberg (31), und Ernst (32) orthopädischer Chirurg in Beuthen. Die anderen zwei studierten Jura, Bruno war Justizrat in Berlin, aber der jüngste, Paul, trat nach seinem Studium in die Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld in Beuthen ein, beteiligte sich später an einer chemischen Fabrik in Nürnberg, aus der sich die Gesellschaft für Elektrometallurgie (GfE), führend in der Ferrolegierungsindustrie, entwickelte. Er war ein sehr unternehmerischer und weitsichtiger Mann, in einem Industriezweig, der im Laufe des 20. Jahrhunderts große Bedeutung und Möglichkeiten errang.
Von den vier Schwestern des Vaters heirateten drei Juristen, Martha
den Justizrat Ernst Kaiser in Beuthen, Minna den Justizrat Salomon
Epstein in Kattowitz, wo er auch bis zu seinem frühen Tod 1908 kurze
Zeit Stadtverordnetenvorsteher wurde, und Luzie den Landgerichtsrat
Max Hirschel in Gleiwitz. Die jüngste Tochter, Ida, heiratete Felix
Benjamin, einen Neffen des Geheimen Kommerzienrats Louis Grünfeld,
Chef der Firma Rawack & Grünfeld, dessen Nachfolger er auch wurde.
Die Familien Grünfeld und Sachs waren aber noch viel größer. Jakob Grünfeld in Zalenze hatte acht Töchter und zwei Söhne, Elias Sachs vier Söhne und Tochter Grete, und es gab noch einen Bruder Abraham und weitere Schwestern Sachs meiner Großmutter.