Heirat meines Vaters mit Margarete Oettinger
Mein Vater war lange Junggeselle geblieben, bis er 1906 mit 41 Jahren meine Mutter, die 18 Jahre jüngere Margarete Oettinger aus Breslau heiratete. Ihre Familie kann ich bis auf meinen Ururgroßvater Josef Oettinger in Rackwitz (Rakoniewice) in der Provinz Posen verfolgen (33). Einer seiner Söhne, mein Urgroßvater Albert, wurde Arzt, promovierte an der Universität Berlin 1835 (34), und ließ sich in Neustadt bei Pinne (Lwowek) nieder, verheiratet mit Ettel Schiff (35). Das Ehepaar hatte drei Söhne und eine Tochter, die den Arzt Dr. Riesenfeld in Breslau heiratete.
Alle drei Söhne gingen auch nach Breslau und mein Urgroßvater starb dort 1860. Bei seinem ältesten Sohn Richard war ungewöhnlich, daß er als Junge bei einem der polnischen Aufstände mitgemacht haben soll. Dann heiratete er eine deutsche, nichtjüdische Schauspielerin, war im Flachsgroßhandel sehr erfolgreich, so daß er zeitweilig als der reichste Mann Breslaus angesehen wurde. Sein Sohn, Richard, wuchs als Protestant auf und war Rittmeister bei den Gleiwitzer Ulanen. Die beiden anderen Söhne, Siegmund und mein Großvater Max Oettinger, gründeten zusammen ein Flachsgroßhandelsgeschäft und brachten es zu Wohlstand, Siegmund später in Berlin.
Mein Großvater führte das Geschäft in Breslau weiter, wo er auch ein angesehener Mitbürger wurde, viele Jahrzehnte Stadtverordneter, einer von vier Abgeordneten der Stadt Breslau im Schlesischen Provinziallandtag und lange Jahre Direktor der "Gesellschaft der Freunde", einer bürgerlichen Vereinigung, in der die liberalen Kreise zusammengeschlossen waren, im Gegensatz zu der bekannten sehr alten Kaufmannsvereinigung des "Zwinger". Er heiratete Minna Weinstein aus Insterburg in Ostpreußen, wo ihr Vater Direktor einer Spinnerei war (36).
Meine Mutter war das jüngste der drei Kinder. Die ältere Schwester
Frieda war verheiratet mit Dr. Paul Gerber in Königsberg, Arzt und
auch Schriftsteller (37), Mutters Bruder Walter Oettinger war Arzt,
Bakteriologe, außerordentlicher Professor an der Universität Breslau
(38). Die Geschwister und einige der Vettern und Kousinen meiner
Mutter wurden protestantisch. Eine der engsten Freundinnen meiner
Mutter in ihrer späten Jungmädchenzeit in Breslau war Stella
Whiteside, später verheiratet mit Dudley Braham, eine von zwei
englischen Schwestern, die damals in Schlesien lebten und englischen
Unterricht gaben. Sie hat mir viel später, als ich sie nach dem 2.
Weltkrieg in London wiedersah, erzählt, daß sie dabei war, als meine
Eltern sich zum ersten Mal sahen (39).
Kapitel 3
Kindheit und frühe Jugend
Nachdem ich nun versucht habe, ein Bild von Vorgeschichte und "background" zu skizzieren, kehre ich wieder zu meinen eigenen Kindheits und Jugenderinnerungen zurück, mit denen wir begonnen hatten. Wir wohnten in einer großen Villa, von der Friedrichstraße, Hauptverkehrsader der Stadt, durch einen Vorgarten, mit Bäumen und Sträuchern dicht bewachsen, Blumenbeten und Spazierwegen dazwischen, abgeschirmt. Im ersten Stock war aber auf diesen Garten und die Friedrichstraße hinaus ein großer Balkon, von dem man die Straße gut sah und so am Leben, das da vor sich ging, Anteil nehmen konnte. Da zogen vorbei die jährliche große Fronleichnamsprozession und andere festliche Umzüge, viele lange Beerdigungszüge, oft mit ein oder mehreren Musikkapellen, manchmal Gruppen von schön uniformierten Bergleuten dabei, Truppen marschierten ein und aus, Demonstrationen und auch Schlimmeres. Gegenüber unserem Vorgarten, an der anderen Ecke der Schulstraße lag die evangelische Kirche, auch mit großem Vorgarten, aber doch so, daß das Kommen und Gehen auch zu unserer kindlichen Umwelt gehörte, ebenso wie bei den beiden Mittelschulen uns gegenüber an der Schulstraße.
Westlich angrenzend, an der Friedrichstraße, war in meiner frühen Kindheit das Haus der Großeltern Grünfeld, 1870 gebaut, in dem bis 1913 die Großmutter wohnte, mit zwei verwitweten Schwestern des Vaters und deren Kindern. Nördlich von beiden Häusern zog sich ein großer Garten bis zum Rawafluß hin, mit einer Spielwiese an der Rawa, einem Tennisplatz, viel Obstbäume und Gemüsegarten, Holunder, Jasmin und dann waren da auch Ställe für die Pferde und Haustiere. Wir Kinder hatten also ein Paradies und immer viel Besuch von anderen Kindern, die beinahe täglich zum Spielen kamen. Auch sonst war immer viel Besuch. Das Haus war nicht leer, denn es brauchte ja viel Hilfe, und diese Menschen waren auch Teil der kindlichen Welt.
Unser Haus hatte 14 Zimmer und war nicht nur in meiner Erinnerung, sondern auch nach dem Urteil vieler Besucher, die kamen, ein besonders schönes Haus. Im Erdgeschoß zog sich eine große Diele beinahe durch die ganze Länge des Hauses, links waren ein Eßzimmer, mit angrenzender Anrichte, Küche etc., rechts drei weitere Wohnräume, Herrenzimmer, Salon und Damenzimmer. Im 1.Stock waren die Schlaf- und Kinderzimmer und zwei Gästezimmer.