Da das Haus so groß war, hatten wir von bald nach Kriegsbeginn dauernd Einquartierung. Das zog sich bis etwa 1925 hin, und die Wechsel der politischen Geschicke spiegelten sich auch für uns Kinder dabei wieder.

Wir waren aber gar nicht auf das Haus und den großen Garten begrenzt. Spazierengehen spielte eine große Rolle. 1910 wurde meine Schwester Lotte und 1912 Marianne geboren, wir waren dann zu dritt, auch hatten wir für lange Zeit immer ein Kinderfräulein. Bei der Ziegelei der väterlichen Firma draußen in Karbowa war auch ein Garten eingerichtet, hauptsächlich Gemüsegarten, auch mit Obst und Beeren. Morgens wurde wochentags immer ein Spaziergang nach Karbowa gemacht, oft mit der Mutter, dann spielten wir morgens dort und gingen zum Mittagessen wieder nach Haus.

Das waren diese Spaziergänge durch die Felder zwischen Kattowitz und dem "Vorwerk" Karbowa, wo man mit den Bauern und Bäuerinnen bekannt wurde, die meist polnisch sprachen, aber mit uns deutsch. Wir machten aber auch Spaziergänge in den "Südpark" von Kattowitz oder in die Stadt. Zu frühesten Erinnerungen gehört ein Besuch bei uns von Mutters englischer Freundin Stella Braham mit Sohn Harold, wenig älter als ich. Es verwirrte mich, als er in meiner Badewanne gebadet wurde. Dann erinnere ich mich auch an verschiedene Einzelheiten von Ferien in Rauschen in Ostpreußen im Sommer 1912, so auch wie wir in Königsberg bei den Verwandten Gerber im Garten saßen und der Onkel Paul Gerber dazukam und wir ihm Guten Tag sagten. Das sind solche blitzartigen Erinnerungen einzelner Szenen aus kindlicher Vergangenheit.

Zu den Erinnerungen aus frühester Kindheit gehören auch die regelmäßigen Besuche bei den Großeltern Oettinger in Breslau. Damals fuhren wir immer mit dem Zug, erst einige Zeit nach dem ersten Weltkrieg wurde das auch schon mal im Auto gemacht. Die Großmutter holte uns am Bahnhof ab, und wir fuhren in einer Droschke in die Wohnung der Großeltern.

Die Großmutter war immer ganz außer sich, wenn wir ankamen, und überfiel uns mit vielen Küssen. Sie war eine sehr lebhafte und, ich glaube, recht kapriziöse Frau, hielt immer viel auf elegantes Aussehen und elegante Kleidung. Mutters sowohl wie unsere Kindergarderobe wurde immer als recht unzureichend empfunden, und es folgten große Einkaufsexpeditionen in Breslau, wo es ja auch größere und elegantere Geschäfte als in Kattowitz gab. Meine Mutter war weit weniger modebewußt als die Großmutter, ja ihr lag eigentlich viel eher eine betonte Einfachheit, so mußten diese Einkaufsexpeditionen ihr manchmal aufgezwungen werden, aber die Großmutter war sehr lebhaft und energisch. An den Großvater erinnere ich mich als sehr ruhig, ausgewogen und verständnisvoll, er konnte auch manchmal sehr böse werden, das war dann schlimmer, als wenn er es immerfort beim kleinsten Anlaß geworden wäre. Er bleibt mir von frühester Kindheit an in sehr lieber Erinnerung.

In unserem Leben in Kattowitz gab es dann, bis ich Ostern 1915 in die Schule kam, zwei einschneidende Ereignisse. Zunächst in der Familie: Im Herbst 1913 starb die Großmutter Grünfeld. Der Großvater war schon 1894 gestorben, ich hatte ihn nur von den großen Portraits gekannt, die in Wohnung und Büro des Vaters hingen. Auch die Großmutter Grünfeld habe ich nur wenig gekannt. Wenn wir sie besuchen durften, saß sie fast immer in einem Sessel. Ich weiß, daß ich sie gerne besuchte und daß es mich beeindruckte, aber meine Erinnerungen bleiben vage. Meine Tante Grete Grünfeld, Tochter des Bruders der Großmutter des Elias Sachs, und später nicht nur ihre Nichte, sondern auch ihre Schwiegertochter, als sie den jüngsten Bruder des Vaters, Dr. Paul Grünfeld heiratete, beschreibt die Großmutter Grünfeld als "eine schöne, naturhaftkraftvolle und dominierende Persönlichkeit" und dann noch: " Die große Verwandtschaft. .. vereinigte sich im schönen Grünfeldschen Heim in Kattowitz beim allwöchentlichen Freitagabendessen um die dominierende Schwiegermutter. Diese naturhafte Frau strömt in meiner Erinnerung immer noch einen Waldduft aus, den sie von ihren alltäglichen Spaziergängen mitbrachte. Zu ihrer außerordentlich kraftvollen Konstitution hatte ihr das Schicksal den "sacro egoismo"…mitgegeben. Schönes Haus, prächtiger Garten, reichliche Dienerschaft hielten sie nicht ab, alljährlich viele Monate in ihrem geliebten Marienbad zu verbringen, wo die Kinder sie abwechselnd besuchten. Niemand konnte ihrer imponierenden Persönlichkeit etwas versagen oder sie beeinflussen".

Das Haus der Großeltern aber war mir ganz vertraut, der Garten war ja gemeinsam, und da war ein großes Maiglöckchen Beet, das sie besonders liebte, und ich erinnere mich auch, daß sie in den Garten kam. Die verwitweten Töchter, die mit ihr im großelterlichen Haus lebten, waren Lucie Hirschel, deren Mann, Landgerichtsrat Max Hirschel, 1904 in Gleiwitz starb, mit den zwei noch jugendlichen Kindern Hans und Gretel, und Minna Epstein, deren Mann Justizrat Salomon Epstein, seinerzeit auch Stadtverordnetenvorsteher von Kattowitz, 1909 dort starb. Von ihren zwei schon erwachsenen Töchtern wollte die jüngere Ellen Pianistin werden, die ältere Margot war im Pestalozzi­Froebel Haus in Berlin als Kindergärtnerin ausgebildet und hielt einen großen Kindergarten im Hause ab. Frühe Versuche, mich dort hinein zu bringen, scheiterten. Es tut mir noch jetzt leid. War ich so scheu oder so schwierig? Ich bin doch dann ein sehr geselliger und jedenfalls Gesellschaft suchender Mensch geworden.

Ich erinnere mich auch an ein Gartenfest, zu dem die Großmutter einlud. Wir kleinen Kinder nahmen eigentlich nicht teil, aber am Anfang durften wir es uns ansehen. Es war ein Kostümfest mit vielen Lampions und Musik. Gretel Hirschel führte uns hin, nachdem wir vorher noch gesehen hatten, wie sie ihr Kostüm anzog. Sie war einige Jahre älter als ich, ich war noch nicht fünf Jahre. Bei dem Fest war viel Jugend. Die beiden Epstein Töchter und die Geschwister Hirschel und ihre Freunde machten überhaupt den Garten belebter, und es wurde auch viel Tennis gespielt.

Als ich gerade 5 Jahre war, starb die Großmutter Grünfeld. Es wurde uns zunächst nichts gesagt. Aber an einem Nachmittag sollten wir ins Nebenhaus gehen, es gab einen direkten Durchgang von unserem Eßzimmer in eine Art Loggia im Großelternhaus. Es waren furchtbar viel Menschen dort, viel Famìlie, und Tante Lucie Hirschel begrüßte uns, ich fragte nach der Großmutter, und sie machte eine Handbewegung zur Decke hinauf. Jetzt verstand ich, Großmutter war nun im Himmel.

Das wußte ich also schon vom Tode. Man hatte tote Tiere gesehen, es gab so oft Beerdigungszüge, auf unserem Weg nach Karbowa kam man am evangelischen und am katholischen Friedhof vorbei, wir gingen mit dem Kinderfräulein auch manchmal da durch. Am katholischen brannten zu Allerheiligen und Allerseelen auf allen Gräbern kleine Kerzen, ein starker Eindruck schon der frühesten Jugend. Der jüdische Friedhof lag ganz woanders, es dauerte noch lange, bis ich davon wußte.