Religion wurde im Elternhaus nicht sehr groß geschrieben. Wir lernten, ein Nachtgebet zu sagen, nicht nur das Kinderfräulein, auch die Mutter hielten darauf, daß wir es nicht vergaßen, es wurde Weihnachten mit großem Baum und viel Kerzen und Geschenken gefeiert für uns Kinder und natürlich das Hauspersonal mit Familien, und noch Verwandte oder Bekannte, die dazu kamen. Aber ich habe eigentlich keine Erinnerung, daß der liebe Gott selbst dabei so eine Rolle spielte. Daß wir jüdisch waren, erfuhr ich eines Tages eigentlich durch Zufall, ohne eine Vorstellung zu haben oder je gehört zu haben, daß es so etwas gab oder was es bedeutet. Es war ein Tag des Großreinemachens gewesen, und unsere Matratzen und Bettzeug lagen alle auf unserem Balkon und ein Teppichklopfer auch. Es war Spätnachmittag, als ich auf den Balkon kam und nicht widerstehen konnte, mit dem Teppichklopfer auf die Matratzen einzuhauen, so wie ich es vorher von den Hausmädchen gesehen hatte.

Ich war wohl grade sechs Jahre. Da kam das Kinderfräulein ganz aufgeregt, ich muß sofort aufhören, was sollen denn die Leute draußen denken, der jüdische Feiertag hat doch schon angefangen und siehst Du, dort auf der Straße geht grade Dein Vater vorbei auf dem Weg in die Synagoge. Und richtig, er ging dort im Zylinderhut und schwarzem Gehrock. Am nächsten Tag war Vater noch einmal gegangen, und ich sah den Zylinder unten in der Diele liegen. Ich weiß nicht, was und wieviel mir die Eltern damals erklärten. Es war mir in späterer Zeit klar, daß es der Versöhnungstag war und der Vater am Vorabend zum KolNidre Gottesdienst gegangen war. Etwas mehr von der Bedeutung von Religion und, daß wir jüdisch waren, sollte mir eigentlich erst klar werden, als ich Ostern 1915 in die Schule und damit auch zu jüdischem Religionsunterricht kam.

Nach dem Tod der Großmutter gab es große Veränderungen. Von ihren zehn Kindern hatten mein Vater und zwei schon erwähnte Schwestern in Kattowitz gewohnt, die älteste Schwester Martha Kaiser und der jüngere Ernst, orthopädischer Chirurg lebten in Beuthen, und dort lebten auch die beiden jüngsten Kinder, Dr. Paul Grünfeld, Direktor bei der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld und Ida Benjamin, deren Mann Felix Benjamin bei Rawack und Grünfeld führend wurde. Rawack & Grünfeld hatte beschlossen, ihren Hauptsitz von Beuthen nach Berlin zu verlegen, und die beiden Familien Paul Grünfeld und Felix Benjamin sollten Anfang 1914 nach Berlin ziehen. Nun nach dem Tod der Großmutter wurde das großelterliche Haus verkauft und zwar an die Deutsche Bank, und die beiden Tanten mit ihren Kindern zogen auch

nach Berlin.

Also von den zehn Geschwistern blieben nun nur noch drei in
Oberschlesien. Für meine Eltern war das wohl noch eine viel größere
Veränderung als für uns Kinder. Meine Mutter hatte sich mit Margot
Epstein angefreundet, die auch später zu Besuch kam oder mit Mutter
und uns auf Ferienreisen ging.

Die Deutsche Bank baute lange um, ihr Direktor war Herr Böhnert, und die Böhnerts, die dann im 1.Stock im Nebenhaus wohnte, hatten zwei Kinder, Horst und Vera, in Lottes und meinem Alter, und wir haben dann viel mit ihnen gespielt.

Das weitere Ereignis, das dann kam, war einschneidender in viel weiterem Sinn, der Ausbruch des 1.Weltkriegs. Ich hatte schon in den Tagen vorher etwas von Krieg gehört, es war eine große Spannung, und man spürte Angst und Aufregung in der Umgebung. Am Tag davor, als wir in der Stadt waren, lief ein älterer Offizier mit einem dicken roten Streifen an den Hosen, wie ich sie noch nie gesehen hatte, es war ein Generalstabsoffizier, wurde gesagt, ganz schnell über die Straße, und die Mutter sagte, na da wird es wohl Krieg geben, wenn der es so eilig hat. Die Szene ist bei mir immer mit der Erinnerung an den Kriegsausbruch verbunden geblieben.

Am nächsten Tage war es nun Krieg. Es wurden so viele Leute, auch aus unserer Bekanntschaft in Kattowitz eingezogen. Vater war bald 49 Jahre und war dispensiert. Auch hieß es, alle guten Pferde müßten abgegeben werden. Wir fuhren mit den Eltern nach Karbowa am Bezirkskommando des Militärs vorbei, mein Vater hatte es gebaut, und man winkte, daß wir mit den Pferden gleich hineinfahren sollten. Das tat mein Vater nicht, aber dann mußten wir die Pferde doch bald abgeben. Sie hießen Wolfram und Ingram und ich war ihnen sehr zugetan. Sie gehörten sehr zu unserem Leben, und wir besuchten sie oft in ihrem Stall. Nun war ich untröstlich. Bald erkundigte ich mich, ob man gehört hat, wie es ihnen geht. Man hatte noch nichts gehört, aber dann sagte der Diener Karl Glowig zu jemandem so zur Seite, wahrscheinlich sind sie schon längst zerschossen. Wieder eine merkwürdige Erinnerung an die ersten Kriegswochen, aber nichts hatte mir zunächst so klar gemacht, als die Seitenbemerkung, die ich nicht hören sollte, was der Krieg ist. Dabei brauchte es dies sehr bald nicht mehr. Der russische Vormarsch in Ostpreußen war durch die Schlacht bei Tannenberg aufgehalten worden, aber im Süden waren die Russen in Galizien gegen die Österreicher für längere Zeit erfolgreich und versuchten auch nach Schlesien vorzudringen. Wir hörten Kanonenfeuer, wie es hieß von Olkusz, die Stadt füllte sich mit Verwundeten, Hilfslazarette wurden uns gegenüber in den Mittelschulen eingerichtet, man sah viel mehr Soldaten in der Stadt und wir bekamen Einquartierung.

Ein oder beide Gästezimmer waren dann während des ganzen Kriegs von deutschen Offizieren als Einquartierung belegt, aber die erste, an die ich mich gut erinnere, war viel größer. Im Erdgeschoß wurden Salon und Damenzimmer dem Oberstleutnant v.d.Mölbe und seinem Stab überlassen, der vorübergehend mit Truppen in Kattowitz inmitten der Krisensituation stationiert war. Schon Tage vorher hatte es geheißen, daß wir alle nach Berlin abreisen müßten, es wurden große Kabinenkoffer herausgeholt und provisorisch gepackt. Die beiden Wohnzimmer, in denen die Offiziere waren, gingen durch eine weite Schiebetür, die meist offen war, in unsere große Diele, es war ein Kommen und Gehen. Einmal kam ein neuer Offizier zu den Eltern, wurde dem Oberstleutnant vorgestellt, der sehr erstaunt war. Erst viel später wurde mir erklärt, der war auf Veranlassung von Onkel Walter Oettinger gekommen, der hatte seine Stellung an der Universität Breslau aufgegeben und war damals als Stabsarzt im nahen Oppeln stationiert. Er ließ sagen, wie man die Lage in Oppeln sah, sollten wir nach Berlin abreisen. Er hatte ja nicht gewußt, daß wir unterdeß auch so gut informierte Einquartierung hatten. Die waren dann der Ansicht, daß die Gefahr weiteren russischen Vordringens einstweilen behoben sei, und wir blieben. Aber der Alarm wiederholte sich noch mehrmals, und die Koffer blieben einige Zeit gepackt. Die v.d.Mölbe Einquartierung, die sich meinem Gedächtnis so eingeprägt hat, war bald vorüber.

Die Offiziere, die dann als Einquartierung bei uns wohnten, aßen auch oft bei den Eltern. Sie wechselten oft, auch verschiedene Ränge, manchmal auch gar keine Berufsoffiziere, einer war aus Frankfurt a. Main, kam beinahe täglich, sein Dialekt machte mir Spaß, es gab immer Wein.