Inzwischen kam ich im April 1915 in die städtische Knabenmittelschule als meine Vorschule. Mein Vater war sehr stolz, daß die Stadt diese Art Schulen unterhielt. Die meisten Schüler würden dort ihre Schulbildung nur bis zur mittleren Reife beenden, er fand das sehr gut, daß ich in so einer Schule anfing. Ich weiß nicht mehr, ob ich Schule gleich gern hatte, aber sehr bald hatte ich es, nur mit dem Schreiben war es schwer. Ich war nämlich vorzugsweise Linkshänder, manches machte ich automatisch rechtshändig, manches nicht, und beim Schreiben hatte ich unwiderstehlichen Vorzug für die linke Hand, aber das wurde nicht erlaubt, und es kostete mir mehr Mühe es zu lernen, ich bekam eine schlechte Schrift, noch für Jahre mahnte der Vater immer, ich sollte Schönschreibeunterricht nehmen.
Das Kriegsgeschehen machte sich natürlich auch in der Schule bemerkbar. Es gab Siegesfeiern und Apelle für Sammlungen.
Ich konnte nun auch an der Tätigkeit und den vielen Interessen des Vaters schon mehr Anteil nehmen. Er wollte das sehr, und ich bin dankbar dafür.
Trotz seinem vielfältigen Engagement im öffentlichen Leben glaube ich doch, daß seine berufliche Tätigkeit als Baumeister ihm wirklich am Herren lag. Morgens ging er täglich zunächst auf Besuche der Bauten, dann in die Ziegelei und zu anderen Nebenbetriebe, nach Karbowa, und schließlich nach Hause ins Büro, das dem Wohnhaus angegliedert, auf dem Grundstück nunmehr der Deutschen Bank war. Ich wurde schon manchmal mitgenommen bei Besuchen zu Bauten und der Ziegelei und immer mehr, je älter ich wurde, besonders zu Fahrten über Nikolai nach Lazisk, wo das Elektrizitäts und Karbidwerk der Prinzengrube gebaut wurde. Auch über Vaters Rolle als Stadtverordnetenvorsteher wußte ich bald mehr. Auf dem Ring der Stadt gab es Siegesfeiern und Apelle, eine große Hindenburgbüste wurde aufgestellt, und das Publikum sollte Nägel je nach gestifteten Beträgen aus verschiedenen Metallen kaufen und selbst einschlagen. Der Vater als Stadtverordnetenvorsteher mußte auf einer Eröffnungsfeier den ersten Nagel einschlagen und eine Rede halten, auch im Zylinder und Gehrock. Natürlich wurde in der Schule dann auch darüber gesprochen.
Beginn der Schulzeit hieß für mich das Aufhören der täglichen Morgenausflüge nach Karbowa und dadurch ein Stück weniger von der Naturnähe, in der wir, obwohl wir Industriestadtkinder waren, aufwachsen durften. Der Garten hinterm Haus sorgte immer noch dafür, daß dies keineswegs verschwand, der Krieg brachte sogar, als die Verpflegung schwieriger wurde, einen Zuwachs des Tierbestandes. Ingram und Wolfram waren durch zwei schwerere Brabantertype Pferde ersetzt worden, die aber keine kindlichen Zuneigungen mehr hervorriefen. Aber jetzt gab es auch Ziegen, eine Kuh, viele Hühner, Enten, Gänse und dann auch Schweine.
Es ist eine vielleicht erstaunliche Tatsache, aber ich empfinde es noch heute so, daß die ersten Religionsstunden, die ich in der Schule hatte, auf mich einen überwältigenden Eindruck gemacht haben. Der Lehrer Weissmann, mit einem kleinen weißen Bart, sah so etwa wie ein Patriarch aus, und erklärte alles über den lieben Gott anhand des alten jüdischen Gebets Adon olam, ein sehr schönes Gebet, das die Macht Gottes beschreibt. Ich war sehr beeindruckt durch alles Religiöse und natürlich eingenommen für alles Jüdische, durch das mir diese Welt der Religion nahegebracht worden war. Wir wurden aufgefordert, Sabbath nachmittags die Jugendgottesdienste zu besuchen, die Eltern erlaubten es mir schließlich, sie verstärkten meine Faszinierung mit Religion und Jüdischsein. Der Vater trug mir auf, dem alten Rabbiner Dr. Jakob Cohn guten Tag zu sagen und ihn zu grüßen, ein angeheirateter Vetter des Vaters. Auch stellte sich bald heraus, daß der Vater auch dem Vorstand der Synagogengemeinde angehörte. Da meine Begeisterung für diese Sphäre aber beiden Eltern zu viel wurde, mußte ich nach einiger Zeit die Besuche der Jugendgottesdienste immer mehr einschränken, durfte auch zu den Feiertagen nur nach harten Kämpfen zum Gottesdienst gehen, aber am Versöhnungstag konnte ich mit dem Vater zusammen in die Synagoge gehen, eine wirkliche Versöhnung. Es blieb ein großer Schmerz, daß meine Mutter dem so fern stand. Die anderen jüdischen Kinder gingen nach einiger Zeit auch noch nachmittags in die hebräische Unterrichtsanstalt im Gebäude der Jüdischen Gemeinde, wohl so etwas wie ein alter jüdischer Cheder. Ich durfte das nicht. Es wurde gesagt, ich könnte dann ein Jahr vor meiner Barmitzwah Privatstunde in Hebräisch haben.
Unter den Freunden meiner Eltern erinnere ich mich aus dem engsten
Kreis an den Frauenarzt Dr. Ernst Speier mit seiner Frau Rosa, deren
Großvater Fröhlich 1825 der erste jüdische Einwohner des Dorfes
Kattowitz war. Sie war sehr begabt und anerkannt für ihre
öffentliche Tätigkeit.
Sie hielt gute Reden und organisierte, war Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins, der im Krieg mit Fürsorge und Lazaretten besonders aktiv wurde. Meine Mutter war auch im Vorstand, und wir haben als Kinder da auch viel darüber gehört und miterlebt. Dann waren andere Arztehepaare, unser damaliger Hausarzt Dr. Proskauer, Dr. Max Koenigsfeld, Augenarzt Dr. Ernst Lubowsky, dessen Bruder Ingenieur Heinrich Lubowski. Frau Dr. Lubowski und Dr. Koenigfeld gehörten auch sehr aktiv zum Vaterländischen Frauenverein. Frau Speier, Lubowsky und Mutter sangen auch regelmäßig mit im Meisterschen Gesangsverein und waren im Vorstand. Der Vorsitzende des Vereins, Dr. Ehrenfried, gehörte auch zum engeren Bekanntenkreis, ebenso der Direktor der KunigundeZinkhütte Zoellner, mit seiner österreichischen Frau, die mit einer sehr schönen Altstimme konzertierte. Sie hatten zwei Söhne und Koenigfelds zwei Töchter in unserem Alter, und bei Dr. Lubowski war es Sohn Karl Heinz und den andern Lubowskis Horst, die alle regelmäßig zu uns zum Spielen kamen und den Kern der Freunde der Kindheits und Schulzeit bildeten.
Am 3.Oktober 1915 feierte mein Vater seinen 50.Geburtstag, es kamen viele Leute, der Oberbürgermeister Pohlmann hielt eine Rede, ich konnte schon soweit zählen, daß ich feststellte, der Frühstückstisch für den Empfang nach der Gratulationskur war für 50 Personen gedeckt. Für uns Kinder warf der Tag schon vorher seine Schatten voraus: Rosa Speier hatte ein langes Gedicht gemacht, für uns drei Kinder mit verteilten Rollen aufzuführen, auch Marianne, noch nicht ganz drei Jahre, hatte etwas zu sagen. Das ging weit über die kleinen Gedichte heraus, die man bisher bei Geburtstagen usw. aufzusagen hatte. Wir waren uns also der Bedeutung des Tages schon vorher wohl bewußt.
Ich erinnere mich auch, daß Frau Speier um diese Zeit ein Gedicht für einen der öffentlichen Appelle geschrieben hatte, gebt Gold für Eisen oder so etwas ähnliches. Es war uns schon zu Hause gezeigt worden, und ich war begeistert. Ich bin nicht sicher, ob meine Mutter es auch war. Dann wurde es an alle Schulklassen verteilt, ich war wieder begeistert, aber unser Lehrer hängte es auf die Innenseite des Schulschranks. So mußte man immer zum Schulschrank gehen und die Tür aufmachen, wenn man das Gedicht sehen und sich patriotisch ermahnen lassen wollte. Ich fand das schon damals als Kind etwas merkwürdig und enttäuschend und natürlich unbequem aber war ganz arglos. Heute frage ich mich, hatte der Lehrer etwas dagegen aus pädagogischen Gründen, daß man so etwas in eine Vorschulklasse hängt, oder war ihm der Kriegspatriotismus allgemein schon zu viel geworden, fand er das Gedicht schlecht, konnte er die Frau Speier nicht leiden, oder, und das fällt mir eigentlich erst heute ein, war es vielleicht einfacher Antisemitismus? Ich wußte damals noch nicht, wie kompliziert das Leben sein kann.