Die jüdischen Freunde der Eltern Dr. Speiers und Koenigsfeld machten von jüdischer Religion eher noch weniger Gebrauch als mein Vater. Dr. Ehrenfried zum Beispiel ging nur alle paar Jahre am KolNidre Abend in die Synagoge, er ging ja ganz auf in seinen musikalischen Interessen und der Präsidentschaft des Meisterschen Gesangvereins, und so hatte er einen gesellschaftlichen Kreis, in dem kaum nach Religion oder Herkunft gefragt wurde. Aber er war ein sehr bewußter Jude, hatte der jüdischen Studentenverbindung KC angehört und blieb ihr aktiv verbunden. Mein Vater war auch ein bewußter Jude, aber er war gegen betonte jüdische Absonderung. Die beiden Brüder Lubowski waren getauft, die Frauen nichtjüdisch. Frau Else Lubowski, Frau des Augenarztes, Tochter eines Oberstleutnant Knecht, der aus dem Elsaß stammte, ihre Mutter aus der Schweiz. Der Sohn Karl­Heinz wurde damals unter unseren Spielgefährten mein nächster Freund. Nur in puncto Religion zogen wir in verschiedene Richtungen. Seine Mutter gehörte auch zum Vorstand der Evangelischen Kirchengemeinde, später sogar auch sein Vater Pastor Voss, ein enger Freund der Familie. Karl­Heinz wollte als Junge immer Pastor werden, bei uns im Garten war ein großes Schaukelgestell, da stellte er sich manchmal eine Leiter auf und wollte zu uns predigen, während ich im Herbst immer wollte, daß wir alle eine Laubhütte in unserem Garten zum jüdischen Laubhüttenfest bauen sollten.

Im Sommer 1916 fuhren wir mit Mutter auf Sommerferien nach Heringsdorf, blieben unterwegs in Berlin und trafen alle Verwandtschaft dort, wohnten aber in Hotels. Diese und die enorme Stadt machten noch einen größeren Eindruck als Breslau. Die Ferien an der See waren eine ganz andere Welt, es war wunderbar und erfrischend, man traf auch ganz andere Kinder, viele waren aus Berlin, es war schwierig mit ihnen fertig zu werden. Als weitere Horizontbereicherung: in einem Hotel, dem sehr eleganten Hotel Monopol, hatten wir auch einmal in Breslau gewohnt, als wir mit beiden Eltern hinfuhren. Der Vater hatte Sitzungen, es gab eine Eröffnungsfeier mit Paraden und später als ich mehr wußte über solche Sachen, erfuhr ich, daß das damals eine Eröffnungssitzung des Schlesischen Provinziallandtags war, in dem mein Vater die Stadt Kattowitz vertrat und dem auch mein Großvater Max Oettinger als einer von vier Vertretern der Stadt Breslau angehörte.

1917 kam ein neues Kinderfräulein, Else Jeppesen. Vorher hatten wir einen richtigen Gouvernantentyp, diese aber kam aus dem Pestalozzi Froebel Haus, von Margot Epstein arrangiert. Sie hatte in dem Reber'schen Frauenchor mitgesungen, den Margot Epstein in Berlin leitete. Eigentlich hätte ich ja kein Kinderfräulein mehr haben sollen, aber die Schwestern waren jünger. Irgendwie gab es mit ihr einen frischeren Ton. Sie war nach Pestalozzi Froebel Art sehr gut und darauf aus, uns Handfertigkeit beizubringen. Alle Freunde, die im Sommer zum Spielen und Tennis kamen, mußten mit uns im Herbst und Winter Laubsägearbeiten, Klebereien usw. machen, ganze Dörfer und Tierparks wurden angesammelt und zu Weihnachten wurde alles armen Kindern geschenkt.

Meine Mutter war damals Betreuerin von zwei städtischen Kinderhorten.
Ich weiß nicht mehr, ob das mit Vaters Stellung in der
Stadtverwaltung zu tun hatte oder mehr mit Mutters Rolle im
Vaterländischen Frauenverein. Wir gingen öfters mit ihr hin, die
Hortleiterinnen kamen oft zu uns ins Haus, und zu Weihnachten gingen
Alles was wir laubgesägt oder anderweitig fabriziert hatten zu den
Einbescherungen der Kinder in diese beiden Horte.

Weihnachten mit Else Jeppesen wurde noch viel perfekter gefeiert, mit Singen und Vorspielen, es war ja auch herzerwärmend und hatte wirkliche Schönheit. Wir waren ja auch gar nicht die einzige jüdische Familie, die sich diesem Zauber nicht versagte. Das Jahr 1917 stand aber auch zusehends im Zeichen der Lebensmittel­ und anderer Verknappung: Es gab viel Erdrüben, bei uns Klacken genannt, das Brot wurde dunkel und kleiig, Fleisch, Butter und Eier selten, wir gingen in Holzpantoffeln. Dann gab es auch die ersten

Lebensmittelunruhen, die ersten Ausschreitungen für mich überhaupt, und ich habe ja dann in späteren Jahren noch so oft unruhige, tobende Mengen miterleben müssen.

Diesmal kam es zweifach sehr nahe. Bei uns hörte man von der Friedrichstraße die lauten Demonstrationen, und morgens waren uns gegenüber die Läden geplündert, die meisten Scheiben zerschlagen. Es gab auch antijüdische Untertöne, wurde uns gesagt. Diese 1917er Unruhen waren nicht auf Oberschlesien beschränkt. Es gab auch anderswo antijüdische Beitöne. Ich erinnerte mich aber an das, was ich eher für besonderen Umstände in unserer nächsten Nachbarschaft hielt. Trotz der Nähe Galiziens und Kongreßpolens waren eigentlich Ostjuden in ihrer traditionellen Kleidung nicht so häufige Erscheinungen im Kattowitzer Stadtbild gewesen. Im Verlauf des Krieges kam das bisherige Russisch­Polen unter deutsche Besetzung, die Grenze war leichter geworden. Im letzten Haus auf unserer Schulstraße hatten sich einige ostjüdischen Familien eingemietet, Geschäftsleute, die auch viel Besuch von Familie und Geschäftsfreunden aus dem galizischen Auschwitz oder dem kongreßpolnischen Bendzin hatten. Das hatte sich erst seit ganz kurzer Zeit so entwickelt. Ich erinnere mich, diese armen Leute wurden um die Zeit der Unruhen belästigt und waren ein Thema. Es wurde aber auch erwähnt, daß es Ausrufe von Demonstranten einfach gegen Juden gegeben hatte.

Ich bin mir nicht bewußt, daß diese Unruhen etwas mit polnischer nationaler Agitation zu tun hatten, sie wurden als Arbeiterunruhen beschrieben. Es gab natürlich auch, wie es einem bald klar werden sollte, eine starke polnische sozialistische Bewegung. Daß es zu Unruhen kam, war nicht verwunderlich, Elend, Knappheiten und Gesundheitslage waren entsetzlich geworden, die Stimmung schlug um. Ich las damals auch schon Zeitungen, und es wurde über alles, was den Krieg und Politik betraf, viel gesprochen. So wußte ich über die Russische Niederlage und Revolution, den Eintritt der Amerikaner in den Krieg und die Debatten in Deutschland über die Stellungnahme zu Friedensinitiativen. Eine Zeit lang hatte das Oberkommando der deutschen Armee mit dem Kaiser und Generalstab seinen Sitz im oberschlesischen Pleß beim Fürsten von Pleß. Der fatale deutsche Beschluß zur Erklärung des "unbeschränkten U­Bootkrieges", auf den Amerikas Eintritt in den Krieg folgte, wurde am 8.Januar 1917 in Pleß gefaßt (2).

Die Büros des Generalstabs waren teilweise in Kattowitz im Gebäude der Fürstlich Pleßschen Bergwerksdirektion. Als Einquartierung hatten wir damals Offiziere des Generalstabs. Sie kamen nicht oft zum Essen, engeren Kontakt hatten die Eltern dann mit dem letzten deutschen Offizier, der bei uns einquartiert war, ein Major v.Brunn. Viel hörte ich immer über die politische Lage, wenn die Freunde der Eltern zu Besuch kamen. Der Vater war aktiver Anhänger der Freisinnigen Volkspartei. Außer der damals eher rechtsstehenden oder nationalliberalen Kattowitzer Zeitung abonnierten die Eltern die freisinnige Breslauer Zeitung und das Berliner Tageblatt. Dr. Speier und die Brüder Lubowski standen weit mehr rechts, und es gab heftige Debatten, in denen mein freisinniger Vater oft ganz isoliert schien, aber zu meiner Begeisterung heftigst argumentierte. Bis weit in die frühen Tage der Weimarer Republik haben mich diese Debatten zu Hause immer sehr interessiert.

Zu Ostern 1918 kam ich dann in das Humanistische Gymnasium und bin noch heute dafür dankbar. Ich hatte mich bald für Latein erwärmt. Der Gymnasialdirektor war Geheimrat Hoffmann, ein ganz alter Herr und immer noch im Amt, der auch in Vertretung einige Lateinstunden in meiner Klasse gab (3).