Ich hatte damals schon ein lebhaftes Interesse nicht nur für die politischen Vorgänge um uns herum, sondern auch für alles Geschichtliche. So bekam ich schon mit neun Jahren eine zweibändige "Deutsche Geschichte" (Otto) geschenkt, ich wurde überhaupt ein eifriger Leser von Büchern. Beide Eltern waren es und hatten jeder eine große Bibliothek. Es gab da nicht nur die ledergebundenen vollzähligen deutschen Klassiker und Romantiker, in Übersetzungen auch französische und die meiner Mutter besonders nahe russische und skandinavische Literatur, die ja alle im frühen 20. Jahrhundert im deutschen Kulturleben großen Nachhall hatten. Natürlich waren da auch damals moderne Deutsche Schriftsteller, auch viel Geschichte, Kunst und andere "Sachbücher". Das wurde für mich bald eine wunderbare Fundgrube. Die Mutter war immer mit Anregungen bereit, was ich als Nächstes lesen könnte.

Im Herbst 1918 nahm sie mich auf einen Spaziergang in den Südpark und fing an, über die Lage des Kriegs zu sprechen. Sie sagte mir in so vielen Worten, daß Deutschland den Krieg verloren hat und es zu einer Revolution kommen würde. Ich war wie versteinert. Das hatte ich nicht gewußt. Es war ja immer wieder, noch im August 1918, von neuen Offensiven und Schlachten die Rede. Vater hatte zwar schon lange keine der patriotischen Reden gehalten, aber daß es so kam, war kaum vorstellbar. Meine Mutter erklärte mir, daß das schon einige Zeit vorauszusehen war, und sie daher für die Einstellung der Sozialdemokraten zum Krieg schon lange die meiste Sympathie gehabt hätte. Die Unterhaltung war eine notwendige und heilsame Vorbereitung für mich auf die turbulenten Ereignisse, die nach einigen Wochen einsetzten mit dem deutschen militärischen Zusammenbruch und der Revolution. Sie ließen lange Gesichter, große Ängste vor unbekannten Untiefen. Für Oberschlesien hieß das Kriegsende auch, daß das deutsch­polnische Problem nun weit aufbrach und im Laufe der Jahre darum immer wieder viel Blut fließen würde. Natürlich hatten wir auch die innenpolitischen Unsicherheiten, Unruhen von den extrem Linken, Zeichen von Umtrieben rechtsgerichteter Freischärler und die Inflation, aber der deutsch­polnische Konflikt, die Besatzung durch interalliierte Truppen und dann die Teilung Oberschlesiens wurden bei uns die dominierenden Ereignisse.

Zunächst gab es auch hier die ersten Konsolidierungserscheinungen der Weimarer Republik. Es gab Wahlen zur Weimarer Nationalversammlung, auch zum preußischen Landtag und zur Stadtverordnetenversammlung. Der Oberbürgermeister Pohlmann ging als Abgeordneter der neuen Deutschen Demokratischen Partei, der Nachfolgerin der Freisinnigen Volkspartei, in die Weimarer Nationalversammlung, mein Vater als deren Spitzenkandidat und dann Fraktionsführer ins neue Stadtparlament. Für dieses gab es einen lebhaften Wahlkampf. Nach der Abschaffung des preußischen Dreiklassenwahlrechts war die Zusammensetzung des Stadtparlaments ganz anders geworden. Die katholische Zentrumspartei stellte als stärkste Fraktion den Arzt Dr. Max Reichel als Stadtverordnetenvorsteher. Wegen der langjährigen Amtszeit, Erfahrung und das Prestiges meines Vaters nannte sich Dr. Reichel manchmal scherzhaft den Stadtverordnetennachsteher. Es gab nun auch eine polnische Fraktion im Stadtparlament, geführt von dem Frauenarzt Dr. v.Mielecki.

Ich habe ja schon bemerkt, daß einem als in der Stadt Kattowitz lebenden Jungen bis 1918 die einschneidende politische Bedeutung der polnischen Frage für Oberschlesien gar nicht so bewußt geworden war (4). Oberschlesien hatte ja schon lange nicht mehr zu dem unabhängigen polnischen Staat gehört, dessen Teilung und Verlust der Unabhängigkeit bei der Bevölkerung der entstandenen Teilgebiete einen starken Widerstandswillen und Sehnsucht nach Wiederherstellung ihres unabhängigen Polens wach hielten.

So hatten sich auch die verschiedenen polnischen Aufstände des früheren 19.Jahrhunderts nicht auf Oberschlesien ausgedehnt. In Oberschlesien vertrat die katholische Zentrumspartei lange auch die Interessen der polnisch sprechenden Bevölkerung, aber es bildeten sich polnische Vereine und Genossenschaften, bis 1903 zum ersten mal Wojciech Korfanty als ein polnischer Abgeordneter in den Reichstag gewählt und 1907 von weiteren gefolgt wurde. Nach dem Eintritt der USA in den 1. Weltkrieg wurden die 14 Punkte ihres Präsidenten Wilson offizielle Friedensziele der Alliierten, Punkt 13 sah die Wiederherstellung eines unabhängigen Polens vor (6). Für Oberschlesien stellte sich der "Kleindruck" als das Wichtigste heraus. Es waren nicht mehr die historischen Grenzen vor Polens Teilungen gemeint, sondern alle "von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete".

Damit war nun auch Oberschlesien, obwohl es nicht ein Teilungsgebiet war, deutlich anvisiert. Nachdem wir in Kattowitz zunächst im November die Aufregungen und Veränderungen der deutschen Revolution von 1918 mitmachten, wurde es langsam klar, daß die Friedensbedingungen, mit denen Deutschland konfrontiert war und für die noch das kaiserliche Kabinett des Prinzen Max von Baden Anfang Oktober die 14 Punkte Wilsons als Basis hatte annehmen müssen (7), ganz ernstlich die Einverleibung Oberschlesiens in den neuerstehenden polnischen Staat einschlossen. Es entwickelte sich bald eine lebhafte gegenseitige Propaganda mit Demonstrationszügen und Protestkundgebungen, an denen auch die Schuljugend beteiligt wurde. Vor Wohnungen oder Geschäften von polnischen Führern wurde demonstriert, die, wie gesagt, oft aus Posen stammten und bis dahin garnicht so bekannt waren, aber die Gemüter wurden weitgehend

beherrscht von dem Namen Korfantys.

Der war ja nun wirklich ein Oberschlesier. In meiner Familie war er nicht unbekannt. Als Gymnasiast hatte er dem jüngsten Bruder meines Vaters, Paul, Nachhilfestunden gegeben. Die Familie Grünfeld stand damit nicht allein. Ruth Storm, Tochter des Verlegers und Buchhändlers Carl Siwinna, Herausgeber der Kattowitzer Zeitung, berichtet (in ihrem Buch "..und wurden nicht gefragt" S.50), daß der Pfarrer sich bei ihrer katholischen Großmutter für den intelligenten, aber armen Jungen Korfanty eingesetzt hatte, und er den Geschwistern ihres Vaters Nachhilfestunden gab. Im Reichstag wurde er bald prominent unter den polnischen Abgeordneten. Nach dem Zusammenbruch im November 1918 kam es in Posen gleich zur Bildung eines polnischen Volksrats. Korfanty gehörte zu seiner Leitung, profilierte sich also schon damals über seine oberschlesische Stellung hinaus auf der gesamtpolnischen Szene.

Der Friedensvertrag von Versailles sah ebenso wie für einen Teil Westpreußens vor allem für Oberschlesien eine Volksabstimmung vor (9). In Vorbereitung und während der Abstimmung sollte Oberschlesien von deutschen Truppen geräumt und von alliierten Truppen besetzt werden. Der Versailler Vertrag vom 28.Juni 1919 trat aber erst nach seiner Ratifizierung am 10.Januar 1920 in Kraft und die Besetzung Oberschlesiens durch alliierte Truppen erfolgte Ende Januar 1920. Inzwischen hatte es im August 1919 einen polnischen Versuch gegeben, mit dem 1.polnischen Aufstand ein "fait accompli" zu schaffen und die Abhaltung einer Abstimmung in Oberschlesien hinfällig zu machen. Er dauerte nur wenige Tage und wurde von den Deutschen niedergeschlagen. Zu dieser Zeit gab es bereits Gruppen von Freikorps beider Seiten, die in die Kämpfe verwickelt waren und von nun an bis zur Durchführung der späteren Teilung Oberschlesiens nicht mehr von der Szene verschwinden sollten. Dieser erste polnische Aufstand war doch ein blutiger Zwischenfall und erregte auch nachträglich Beunruhigung und Bedrücktheit. Es kamen dann noch die Kommunalwahlen vom 28. November 1919, die starken Zuwachs polnischer Stimmen zeigten (10).

In der Deutschen Demokratischen Partei wurde Otto Ulitz, anfänglich noch in seiner Uniform des Polizeikommissars, sehr aktiv und ein häufiger Besucher meines Vaters und Begleiter an Wochenendspaziergängen, zu denen ich ja oft mitgenommen wurde. Er wurde dann zu einer Schlüsselfigur bei den deutschen Vorbereitungen für die Abstimmung. Ich nahm regen Anteil an all diesem Geschehen, und das taten auch alle in der Schule.