Meine Klasse war wie alle in diesem Gymnasium gut gemischt. Die meisten waren aus oberschlesischen Familien, viele auch Söhne von preußischen Beamten, Leuten aus der Industrie und Wirtschaft oder auch freien Berufen, die aus anderen Teilen Deutschlands gekommen waren. Katholiken waren in der Überzahl, ebenso gab es einen verhältnismäßig hohen Anteil von Protestanten und einige jüdische Mitschüler. Religionsunterricht hatten wir nun bei dem Rabbiner Dr. de Haas, und es interessierte mich immer noch sehr. Karl­Heinz Lubowski blieb ein guter Freund, trotzdem er ein Jahr früher ins Gymnasium gekommen war und immer eine Klasse über mir blieb. Er hatte dort einen sehr aufgeweckten und anregenden Kreis und ich war diesem dann im Laufe der Jahre eher näher als meiner eigenen Klasse, und das traf auch für die jüdischen Mitschüler zu.

Wir waren dann bald in einem Alter, wo wir etwas von dem kulturellen Leben in Kattowitz mitbekommen konnten. Das moderne Stadttheater am Ring, das die Stadtväter Anfang des Jahrhunderts erbaut hatten, präsentierte sich als ein Wahrzeichen der so schnell aufgewachsenen Stadt, die ja nicht reich an repräsentativen Bauten war. Freunde der Eltern, wie Dr. Speiers und das Ehepaar Pohlmann waren auch mit Direktor Lischka­Raul und anderen im Theater befreundet. Meine Eltern allerdings interessierten sich mehr für Besuch der Vorstellungen als hinter den Kulissen. Wir Kinder hörten doch schon darüber, was im Theater gerade gespielt wurde, manchmal durften wir auch hin. Zu den Volks­ und Wanderliedern, die schon lange die Kinderlieder abgelöst hatten, kamen nun auch Operetten und andere Schlager, die populär wurden. Bei der Operette war auch Mizzi Will, die Tanzstunden für Kinder unseres Alters veranstalten wollte. Das sollte sich abwechselnd in verschiedenen Häusern abspielen, und es gehörten zu dem Kreis, der sich fand, auch Kinder aus einigen jüdischen Familien. Es war ganz spaßig, richtige Salontänze für ganz jugendliche Paare.

Ein Mädchen, das teilnahm, aber mit der wir dann kaum Kontakt behielten, war Lotte Altmann, in deren Haus wir auch waren. Ihre Mutter war aus der Familie des orthodoxen Frankfurter Rabbiners Samson Raphael Hirsch, Gründers der religiös sehr orthodoxen, aber sonst für Assimilation stehenden Gruppe des deutschen Judentums, die sich "Austrittsgemeinde" nannte. Es gab manche Familien in Oberschlesien, die sich zu dieser Gruppe rechneten, und die große Familie Altmann war prominent unter ihnen. Ich erinnere mich an den Senior der Kattowitzer Familie, Leopold Altmann, der nach Vaters 50. Geburtstag zu ihm kam, um ihm zu gratulieren. Er war viel älter als mein Vater, war nicht zum Empfang und Frühstück gekommen. Es bestand eine deutliche Distanz in der privaten Sphäre zwischen diesen orthodoxen Familien und denen, die wie meine Eltern jüdischen Gebräuchen fernstanden, aber es gab gegenseitigen Respekt und eine gemeinsame Gemeinde. Die Eltern der Lotte Altmann zogen bald weg von Kattowitz nach Frankfurt. Ich erinnere mich an sie als ein damals sehr ernstes und stilles Mädchen und habe sie hier erwähnt, weil sie in ihren späteren Jahren bekannt wurde als Sekretärin des österreichischen Dichters Stefan Zweig, mit dem sie, dann mit ihm verheiratet, im 2.Weltkrieg in Brasilien aus dem Leben schied.

Das anziehende und lebhafte kulturelle Klima von Kattowitz ist oft gerühmt worden, man nannte es manchmal Klein­Paris. Aus einer rückblickenden Betrachtung Arnold Zweigs, der zwar in Glogau geboren wurde, aber in Kattowitz aufwuchs, möchte ich hier zitieren (11). Er rühmt erst die "freiheitlichen Deutschen", die seine Lehrer an der Oberrealschule waren einschließlich des Direktors Hacks. Dazu möchte ich erwähnen, daß diese Schule städtisch war und ihr Direktor Hacks 1908 Vorgänger meines Vaters im Amt des Stadtverordnetenvorstehers. Arnold Zweig fährt dann fort:

"das wirkliche Leben vollzog sich im Kreise von Jugendfreunden und ­freundinnen; von den ersteren sind einige bekannt geworden: der Maler Ludwig Meidner, der Dichter Arnold Ulitz, der bei Langemarck verschollene Philologe Rudolf Clemens. Ich nenne diese Namen, um einen geringen Hauch des geistigen und musikalischen Lebens jener Stadt Kattowitz anzudeuten, die in Professor Oskar Meister und seinen Nachfolgern Organisatoren eines echten Musiklebens besaß und einen wirklichen Kritiker von Geschmack, Urteil und Können fand in dem Geiger und Weinhändler Paul Rappaport, Freund vieler Musiker, Kenner

moderner Literaturen…".

Es gab noch einige andere Namen von jungen Leuten jener Zeit, die später bekannt wurden, so der katholische Philosoph Pater Erich Przywara. Es gab in Kattowitz den Buchhändler Georg Hirsch, dem nachgesagt wurde, daß er diesen Kreis heranwachsender Schüler sehr angeregt und gefördert habe. Seine Buchhandlung spielte auch in meinen Zeiten, ja bis in die späten 30er Jahre eine Rolle. Meine Eltern waren eifrige Käufer von Büchern und Kunden von Georg Hirsch. Unter anderem hatte er auch die Auslieferung der "Fackel" von Karl Kraus, die mir aber fremder blieb als zum Beispiel die "Weltbühne".

Der Meistersche Gesangverein spielte in unserem Leben weiter eine große Rolle. Meine Mutter hatte eine schöne Altstimme, nahm auch weiter Gesangstunden, ihr Mitsingen im Meisterschen Gesangverein hieß, daß sie zweimal in der Woche abends zu Proben ging, später auch meine Schwester Lotte. In Konzerte durften wir schon früh gehen, nicht nur die Chorkonzerte, es kamen auch Solisten, Quartette und Orchester, und mit der Zeit lernte man die meisten damals im deutschen Konzertleben bedeutenden Künstler kennen. Der von Arnold Zweig erwähnte Musikkritiker Rappaport war besonders mit dem Violinisten Josef Joachim befreundet gewesen. Seine Tochter Hannah Rappaport nahm auch an unserer Tanzstunde für Halbwüchsige teil, und mit ihr und ihrem Mann war ich dann in späteren Jahren sehr befreundet.

Nach diesem Rückblick auf die erfreulicheren Seiten des Lebens muß ich mich wieder den Erinnerungen an die weitere Entwicklung in den Kämpfen um das Schicksal Oberschlesiens zuwenden.

Die Ankunft der französischen Besatzungstruppen in Kattowitz brachte für uns zu Hause eine große Veränderung. Da Oberschlesien auf französisch Haute Silesie hieß, brachten die Franzosen Gebirgstruppen. Sie bliesen muntere Weisen aber benahmen sich zunächst eben wie fremde Besatzungstruppen. Etwas weiter weg in der Friedrichstraße war die Villa der Frau Else Silberstein, Inhaberin einer großen Kohlenhandlung, mit der Firma Emanuel Friedländer liiert; wir kannten uns gut, sie war mit den Eltern befreundet. Sie war schon lange verwitwet, hatte ein besonders schönes und sehr gastfreies Haus. Die Franzosen beschlagnahmten es, um dort ein Offizierskasino einzurichten. Sie durfte dort bleiben, mußte aber fast das ganze Haus für das Kasino zur Verfügung stellen. Als sich bald Differenzen ergaben, wurde sie ihres Hauses verwiesen und mußte ins Hotel ziehen. Wir waren also verwarnt.