In der Tat, sehr bald kamen sie zu uns, um ein Kasino einzurichten. Wir durften bleiben, in einem der vier Wohnzimmer des Erdgeschosses, unsere Köchin durfte zunächst auch in der Küche für uns kochen, aber als der französische Koch ein großes Stück Fleisch ins Feuer warf, weil es ihm nicht gefiel, und sie (es war ja noch große Knappheit bei uns) es retten wollte, wurde sie aus der Küche geworfen und mußte versuchen, für uns in der Waschküche im Dachgeschoß zu kochen. So bekamen wir es also alle gleich wirklich mit, daß wir jetzt unter französischer Besatzung waren. Die große Diele war ihrer Lage nach für die Passage beider Parteien da, also sahen wir viele französische Offiziere. Bald zog das Kasino aber aus, und wir bekamen wieder jeweils einen Offizier als Einquartierung.

Oben im Gastzimmer wohnte immer noch der Herr v.Brunn, der nach seiner Demobilisierung eine Stelle beim Berg­ und Hüttenmännischen Verein, der Zentralorganisation der oberschlesischen Schwerindustrie hatte. Ohnehin mußten wir größere Räume, nämlich zwei der Wohnzimmer im Erdgeschoß, Damenzimmer und Salon, für den französischen Offizier hergeben. Das waren dieselben, die auch zu Beginn des Krieges der Oberstleutnant v.d.Mölbe hatte. Diesmal sollte es 1925 werden, bis wir sie wieder selbst bewohnen konnten.

Die Vorbereitungen beider Seiten für die Abstimmung waren schon in Gang gekommen. Korfanty wurde zum Chef des polnischen Plebiszitkommissariats mit Sitz in Beuthen ernannt, das deutsche übernahmen nacheinander die Landräte a.D. Urbanek und Dr. Hans Lukaschek. Der Kampf zwischen Deutschen und Polen verschärfte sich, die gegenseitigen Demonstrationen nahmen an Häufigkeit und Hitze zu, all dies drang immer mehr in unseren Alltag ein. Wie schon erwähnt, es gab auf beiden Seiten heimlich bewaffnete Gruppen, auf deutscher gehörten sie zu den Freikorps, die nach der 1918er Revolution sich in Deutschland gebildet hatten. Auf polnischer Seite waren es Gruppen von polnischen Oberschlesiern, von Korfantys Plebiszitkommisariat organisiert, aber auch von Polen infiltrierte Angehörige von Pilsudskis POW. Diese beiden Gruppen waren nicht immer einer Meinung (12).

In den deutschen Zeitungen, die wir lasen, stand viel über blutige Gewalttaten der polnischen Gruppen, mit Verschleppungen und manchmal tödlichen Mißhandlungen von Einzelnen, die sich für die deutsche Sache einsetzten. Aber es gab große Gewalttätigkeit auch von der deutschen Seite, voran diesen Freikorps, wofür sie ja auch anderswo in Deutschland einen traurigen Ruhm sich erworben hatten. Als wir Kinder einmal mit unserer Mutter im abseits am Wald gelegenen "Stauweiher" badeten, war dort eine Gruppe junger Deutscher, die provokativ ein Lied der "Brigade Ehrhardt" sangen, mit gewalttätigem antisemitischem Refrain, und der alte Förster mit dem langen anheimelnden Bart, der den Stauweiher beaufsichtigte, er tat nichts gegen sie. Man wußte von ihrer Rolle z.B.in Bayern. Ein anderes deutsches Freikorps, von dem man viel hörte, war die "Orgesch" (Organisation Escherich). Man sah sie auch in den Straßen.

Das Bild ist aber nicht vollständig, ohne sich auch zu erinnern, daß sich dies in Oberschlesien ja noch in der Zeit der Nachwehen der 1918er Revolution abspielte. Die oberschlesische Arbeiterschaft blieb auch in sozialistischer Kampfstimmung. Es gab viele Streiks und Protestumzüge. Man sah häufig rote Fahnen. Ein großer Teil der Bergarbeiterschaft war polnisch sprechend, und es gab eine starke polnische sozialistische Partei, die auf der polnischen Seite im Abstimmungskampf sehr prominent und mitverantwortlich war, aber in Arbeitskämpfen mit den deutschen Sozialisten zusammen agierte. Links von diesen gab es auf deutscher Seite damals noch die Unabhängigen Sozialisten, die mit den Spartakustendenzen in Deutschland sympathisierten und daher prosowjetisch waren. Das wurde ein sehr brennendes Thema im Sommer 1920. Beide Seiten warfen sich vor, einen Putsch vorzubereiten, um durch ein "fait accompli" die Abhaltung der Abstimmung hinfällig zu machen.

Zu dieser Zeit war die Ostgrenze Polens noch viel mehr umkämpft als im Westen, und Polen hatte, nach längeren Verhandlungsphasen, im April 1920 einen neuen Angriff auf Rußland begonnen, der zunächst zur polnischen Besetzung von Kiew führte. Aber das Blatt wandte sich, und im August standen die Russen vor Warschau. Die Existenz des neuen Polens schien gefährdet.

Was mir für immer von diesen Tagen so lebhaft und schrecklich in Erinnerung blieb, war der gewalttätige Mord an dem polnischen Arzt Dr. v.Mielecki, der sich in Kattowitz am 17.August 1920 in nächster Nähe unseres Hauses abspielte. Die unheimliche Brisanz dieses tragischen Vorgangs blieb für mich immer der größte Schock all dieser umstrittenen und blutigen Jahre.

Es war uns Kindern gesagt worden, daß große Demonstrationen, größer und vielleicht gefährlicher als bisher angesagt waren, und wir sollten unter keinen Umständen das Haus verlassen. Die Eltern hatten jeder etwas vor, und wir waren allein mit dem Personal. Das Haus hatte ein großes, ganz flaches Dach, das gerade ganz neu mit weißem Kies ausgelegt worden war, und wir hatten dort unerlaubterweise öfters gespielt, bis es uns ganz streng verboten wurde. Man hörte nun am Nachmittag schon Unruhe von der Friedrichstraße, und da mußte man doch schnell aufs Dach. Leute vom elterlichen Haushalt entdeckten uns dort bald, der Tumult war schon so angewachsen, daß einige auch mit uns oben blieben, von unten kamen immer laufende Kommentare, was draußen vor sich ging. Eine tobende Menge hatte sich vor dem Haus der französischen Kommandantur angesammelt.

Das war schräg gegenüber dem benachbarten Haus, der früheren Villa Sachs, Ecke Sedan­ und Friedrichstraße. Man hörte Rufe, Schreie, Singen von Liedern, Schüsse, dann wurde berichtet, man habe den Dr. v. Mielecki aus seiner Wohnung gegenüber der Kommandantur geholt (13), er wurde auf der Straße schwer mißhandelt. Dann kam eine Droschke, es hieß, er werde nun weggefahren, tobende Leute aus der Menge folgten der Droschke, an unserem Gartenzaun entlang. Dann hieß es, er sei erschlagen worden. Um unser Haus wurde es langsam ruhiger, aber vor der Kommandantur dauerte der Aufruhr noch für Stunden. Mein Vater kam nach Hause, als wir noch auf dem Dach waren und kam auch dort herauf, ich berichtete ihm sehr aufgeregt, was wir gehört und zum Teil gesehen hatten. Ich habe ihn nie so erschüttert gesehen, er war bleich und sprachlos. Er hatte Dr. v.Mielecki gut gekannt, als Führer der polnischen Stadtverordneten, ein gut angesehener Mann in Kattowitz. Wir wurden nicht einmal ausgeschimpft, daß wir trotz aller Verbote wieder auf dem Dach waren und so das alles aus nächster Nähe hatten miterleben müssen.

Es wurde dann gesagt, daß "Orgeschleute" an dem gewaltsamen Verlauf der Protestkundgebung und dem Mord an Dr. v.Mielecki schuldig waren. Die Zusammenhänge waren aber viel komplizierter (14). Es hatte Berichte gegeben, daß die französischen Besatzungstruppen Waffenvorräte und sogar Truppen nach Polen abgezweigt hätten, um der polnischen Regierung in ihrem Kampf gegen die auf Warschau vorrückenden Russen zu helfen. Arbeiterkreise wurden zum Protest dagegen mobilisiert, daß die Franzosen die "Neutralität Oberschlesiens" im polnischen Kampf gegen die Sowjetunion gebrochen hätten. Zu dieser Kundgebung hatten die Gewerkschaften aufgerufen als eine Aktion gegen die französische Besatzungsmacht. Die französische Kommandantur wurde hart bedrängt und mußte sich mit dem Abzug ihrer Truppen aus dem Gebäude und der Stadt einverstanden erklären. Es verhandelten darüber die Gewerkschaftsführer. Aber ganz eindeutige nationalistische Töne hatten die Oberhand gewonnen, mit bekannten deutschen patriotischen, antifranzösischen Schlagworten und Liedern in höchster tumulthafter Erregung, was ganz klar zeigte, daß die Kundgebung, ursprünglich von Sozialisten veranstaltet, von gewalttätigen rechtsradikalen Elementen unterlaufen worden war.