Im deutschen Reichstag hatte bereits am 27.Juli der Ostexperte der Deutschnationalen Volkspartei Dr. Hoetzsch erklärt, er persönlich stehe dem russischen Kriegsziel mit voller Sympathie gegenüber (15). Proteste gegen die Franzosen als Mitbesetzer und Forderungen, daß sie abziehen und die Besetzung allein den Engländern und Italienern überlassen sollten, waren schon früher erhoben worden. Diese mündeten nun auch in die Demonstration für die "Neutralität" Oberschlesiens im polnischrussischen Krieg ein, zu der die Gewerkschaften für ganz Oberschlesien aufriefen, verbunden mit einem Generalstreik. Die Schlesische Arbeiterzeitung, das Parteiblatt der Unabhängigen Sozialdemokraten schreibt am 19.August:
"Die blutigen Zusammenstöße in Kattowitz sind ohne Zweifel auf das Verhalten deutscher Nationalisten zurückzuführen, die die proletarische Demonstration gegen den polnischen Eroberungskrieg und für Räterussland in verbrecherischer Weise benutzen, um ihrem Chauvinismus Luft zu machen" (16).
Weiter noch ging eine Erklärung des sozialistischen Reichtstagabgeordneten Breitscheid, der, allerdings "unter lebhaftem Widerspruch des Grafen Westarp" mitteilte, den Unabhängigen Sozialisten in Oberschlesien seien von nationalistischen Offizieren ganze Lastautos mit Waffen angeboten worden, wenn sie gegen die Polen und die Entente losgehen wollten (17). Die demokratische "Vossische Zeitung" vom 27.August 1920 schließlich kritisiert die Gewerkschaften, daß sie auf bloße Verdachtsgründe über französische Truppenverschiebungen hin, zu der scharfen Waffe des politischen Generalstreiks griffen, "ohne Fühlungnahme mit der stärksten deutschen Partei, der Katholischen Volkspartei(Zentrum)" (18).
Auf der polnischen Seite wurde der Krieg gegen die Sowjetunion hauptsächlich von Pilsudski und seinen Anhängern betrieben, einem ehemaligen Sozialisten, dessen Regime und Parteiungen damals im innerpolnischen Leben Polens als links gerichtet angesehen wurden. Der Aufruf, den das Polnische Plebiszitkommittee nach dem blutigen 17. August erließ, klagt die preußischen Militaristen an, daß sie gemeinsam mit den Sozialisten, Nationalen Bolschewisten und Kommunisten den Plan hatten, sich Oberschlesiens zu bemächtigen (19).
Dieser Aufruf war nicht nur unterschrieben von Korfanty, wir finden auch den Namen von J.Biniszkiewicz für die Polnische Sozialistische Partei, Michael Grajek für die polnische Bergarbeitergewerkschaft und mehrerer anderer polnischer Gewerkschaftsführer. Man sieht also, es gab auf beiden Seiten Flügel, deren nationalistischer Eifer viel größer war als ihre vermeintliche Bindung an politische Ideologien. Während bei Ausbruch der Unruhen am 17.August es schon Gerüchte über den Fall Warschaus gab, hatte die Wende durch einen erfolgreichen Gegenangriff Pilsudskis schon begonnen und im Laufe der Woche war sein "Wunder an der Weichsel" komplett, die Russen waren geschlagen und die Polen gewannen damals die ihnen von Rußland bestrittenen Ostprovinzen wieder. In Oberschlesien brach der 2. polnische Aufstand unmittelbar nach den Unruhen des 17.August aus, verschiedene Landkreise waren von den polnischen Aufständischen besetzt. Während in Kattowitz die französischen Truppen hatten abziehen müssen und erst nach 2 Tagen die interallierten Fahnen auf dem Kreiskommando wieder aufziehen konnten, fand nun die deutsche Sicherheitspolizei ihre Position in vielen Teilen des Landes unhaltbar, es wurden Bürgerwehren in vorwiegend polnischen Orten gebildet.
Schließlich kam es zu Verhandlungen zwischen den beiden Plebiszitkommissariaten in Beuthen. Von polnischer Seite war es Korfanty, von der deutschen Sanitätsrat Dr. Bloch aus Beuthen, der mit Ulitz für die Deutsche Demokratische Partei im Deutschen Plebiszitausschuß saß. Am 27.August wurde ein Abkommen abgeschlossen, das den polnischen Aufstand beendete, wogegen die deutsche Sicherheitspolizei aus Oberschlesien zurückgezogen werden und durch eine 50/50 deutschpolnische "Abstimmungspolizei", aus Oberschlesiern gebildet, ersetzt werden sollte (20).
Das war eine beträchtliche Veränderung auch für unser tägliches Leben.
Die Polizei sollte nun aus zum großen Teil nicht vorgebildeten
Kräften bestehen, das Abkommen sah auch Zusammenarbeit bei Beendigung
politischen Terrors und Waffenzufuhr vor, aber es litt die normale
Verbrechensbekämpfung, und das vertiefte das immer größer werdende
Gefühl um sich greifender Auflösung.
Es bewegte sich nun Alles auf die Abstimmung am 20.März 1921 zu, mit Kundgebungen, an denen auch Schulklassen teilnahmen, ebenso wie Adressenschreiben im deutschen Plebiszitkommissariat. Die Leitung der Abstimmung in Kattowitz hatte eine dreiköpfige Kommission unter dem französischen "Kreiskontrolleur" mit dem Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, nachmaliger Wojewode, als polnischem und meinem Vater als von allen deutschen Parteien ernannten deutschen Vertreter. Wir waren also durch seine Rolle den Vorgängen nahe.
Auch alle in Oberschlesien geborenen aber nicht mehr wohnhaften Personen sollten am Geburtsort abstimmungsberechtigt sein, und die ganze Familie kam, die nach Berlin gezogen war, ein unbekannter Verwandter aus München meldete sich auch. Unser Haus war voll von Familienbesuch, und das gab dem Abstimmungstag für uns noch ein besonderes Gepräge.
Es waren auch außerhalb der Familie viele alte Bekannte der Familie nach Oberschlesien gekommen. Ich erinnere mich, daß ich die Tante Lucie Hirschel auf einem Spaziergang begleitete. Sie traf eine große Gruppe von Mitgliedern der Cassirer Familie aus Berlin. Sie waren auf dem Rückweg von Rybnik, wo sie herkamen und abgestimmt hatten. Hans Hirschel hatte schon einen Ruf in der Familie als angehender Literat, und ich bat ihn, ein Gedicht zur Abstimmung zu machen, das ich dann vortragen wollte. Das kam aber nicht zustande, und was ich dann vorsang, war von mir, voller Ressentiment gegen Korfanty, und Tante Ida Benjamin, die jüngste Schwester des Vaters, zum Beispiel konnte ihren Abscheu gegen diesen jugendlichen Chauvinismus nicht verbergen. Die Benjamins und Paul Grünfelds waren nur den Tag über da, waren die Nacht über gefahren und fuhren abends wieder nach Berlin zurück, andere Verwandte blieben etwas länger. Aber in der Atmosphäre der Abstimmung war das keine Zeit, ein schönes Wiedersehen mit der Familie zu feiern.