Die Abstimmung und auch die Tage und ersten Wochen danach verliefen ruhig. In der Stadt Kattowitz selbst hatten 85% für Verbleib bei Deutschland gestimmt, im Landkreis 55% für Polen, beide zusammengerechnet ergab 51.7% für Deutschland, aber die benachbarten Kreise Pleß und Rybnik hatten, abgesehen von den ja kleineren Städten viel größere Mehrheiten für Polen, während Stadt­und Landkreis Beuthen zusammen gerade 50.3% für Deutschland entschieden. Das oberschlesische Gesamtergebnis war 59.6% für Deutschland. Laut dem Versailler Vertrag (21) sollte für "die als Grenze Deutschlands in Oberschlesien anzunehmende Linie….sowohl der von den Einwohnern ausgedrückte Wunsch, wie auch die geographische und wirtschaftliche Lage der Ortschaften Berücksichtigung" finden. Die Alliierten Mächte, durch ihre Botschafterkonferenz, sollten darüber befinden.

Die Abstimmungsergebnisse gaben ein sehr komplexes Bild, der polnische Stimmenanteil, besonders in den südlichen Gebieten, war sehr viel höher als die deutsche Seite erwartet hatte (22). Alles deutete nun darauf hin, das es zu einer Teilung Oberschlesiens kommen würde. Von deutscher Seite wurden aus Oberschlesien im April Delegationen nach England, Frankreich und Italien gesandt, "um einflußreiche politische Kreise zuverlässig zu unterrichten" (23). Mein Vater gehörte der vierköpfigen Delegation nach Italien an. Sie bestand außerdem aus Pfarrer Ulitzka aus Ratibor, Reichstagsabgeordneter der katholischen Zentrumspartei, in der er später sehr prominent wurde, dem Generaldirektor Pistorius der Fürstlich Plessischen Bergwerksdirektion Kattowitz, wo er auch stellvertretender Stadtverordnetenvorsteher gewesen war, und dem sozialdemokratischen Gewerkschaftssekretär Franz. Warum der Vater in den aufgeregten Zeiten nach der Abstimmung wegfuhr, wurde uns natürlich ausführlich erklärt, und so erinnere ich mich auch, daß er eine Einführung an den Chef der Banca Commerciale in Milan, Toeplitz, hatte, der damals ziemlich bekannt war. Als Vertreter der Deutschen Demokratischen Partei war Vater wohl allgemein für Kontakte mit den damals einflußreichen "laizistischen" Parteien zuständig, er war ja auch Freimaurer.

So kam es denn auch, daß unser Vater nicht da war, als am 3.Mai der große 3.polnische Aufstand ausbrach. Das wurde nun für unsere Jugend eine weitere Bekanntschaft mit Gewalt, Gefahr und der Ungewißheit, was die nächste Stunde, geschweige denn die weitere Zukunft bringen würde. Die Umgebung der Stadt war sofort in den Händen der Aufständischen, als wir am 3.Mai aufwachten. Der Chauffeur, mit dem deutschen Namen Adler, der bei uns im Haus wohnte, war fort mit dem Hausschlüssel, es stellte sich heraus, daß er sich den Aufständischen angeschlossen hatte. Draußen in Karbowa waren auch die Aufständischen, ein guter Geist für die Familie, der Portier des Werks Theodor Walla, hielt die Verbindung aufrecht; manchmal bekamen wir Gemüse, aber sein ältester Sohn Heinrich hatte sich auch den Aufständischen angeschlossen. Das war eben Oberschlesien.

Der Aufstand war gut organisiert und vorbereitet mit Hilfe und starkem Zuzug von der POW aus Polen, aber der Stamm der Aufständischen waren eben polnische Oberschlesier. Es ging rücksichtslos und zum Teil grausam zu. Die Stadt war wie belagert, aber es bestand hier und in anderen Städten eine Art modus vivendi der Aufständischen mit den alliierten Besatzungstruppen, daß die Städte selber nicht angegriffen oder von den Aufständischen besetzt werden sollten.

Aber bei uns war dieser Ring sehr eng, und es wurde viel und auch in die Stadt hineingeschossen, vor allem nachts. Unser großer Garten hinter dem Haus grenzte an die Rawa; dahinter waren Bruchfelder, eine Art Niemandsland, auf der anderen Seit gehörte die Ferdinandgrube schon den Aufständischen. Auch von dort wurde manchmal geschossen. Zuerst durften wir überhaupt nicht mehr in den Garten, dann zeitweise, aber wenn man anfing, Schüsse zu hören, mußten wir sofort ins Haus.

Aber man weiß ja, wie das ist. Wenn die Risiken über eine Zeit andauern, dann wird man abgestumpft und fängt an, sie leichter zu nehmen. Schlimm war, daß nachdem nachts ganz systematisch für einige Zeit geschossen wurde, man am nächsten Tag las, daß Kinder in ihren Betten erschossen worden waren, auch von derselben Seite her, auf die unser Garten ging.

Wir hatten ja noch immer französische Einquartierung und zwar seit einiger Zeit den französischen Platzkommandanten Colonel Ardisson, der auch noch seine Frau und zeitweise den erwachsenen Sohn und die Tochter hatte nachkommen lassen. Der Herr v. Brunn war schon ausgezogen, und so hatten wir Platz genug. Natürlich empfand man die französische Besatzung als einen gewissen Schutz, aber man wußte doch nie, was der nächste Tag bringen konnte. Von der Ferdinandgrube war es kaum mehr als fünf Minuten zu Fuß und einen Sprung über die kleine Rawa bis zu unserem Garten, und überhaupt wer wußte, wie lange der Waffenstillstand über Nichtbesetzung der Städte anhalten würde.

Im Industriegebiet waren die Landkreise alle in den Händen der Aufständischen. Eisenbahn­ und Straßenverkehr waren praktisch lahmgelegt, die Aufständischen bildeten ad hoc Verwaltungen dafür, auch ein interalliierter Zug, der täglich von Kattowitz nach Oppeln und zurück ging, konnte nur mit ihrer Erlaubnis benutzt werden.

Unser Vater war unterdessen von Italien wieder nach Breslau und auch bis Oppeln gekommen, durfte aber nicht nach Hause kommen. Nach einiger Zeit konnte er aber für uns eine Genehmigung "zur Ausreise" arrangieren, und so fuhren Mutter, wir drei Kinder und Else Jeppesen mit dem interalliierten Zug nach Oppeln.

Diese Reise war natürlich eine ziemliche Aufregung. Man wußte von
Einigen, die sie gemacht hatten, aber erst kurz vorher war zum
Beispiel der Pastor Voss von den Aufständischen aus dem Zug geholt,
allerdings dann nach einem Verhör wieder freigelassen worden. Bei
uns aber ging es ohne Zwischenfall. Wir wurden dann nach einem
Besuch in Breslau im Riesengebirge in Krummhübel für die nächsten
Monate "parkiert", aber Vater war vorwiegend in Breslau und Oppeln.
Natürlich war es sehr schön so lange im Riesengebirge zu sein, wir
hatten es schon im Vorjahr bei einem kürzeren Ferienaufenthalt in
Brückenberg kennengelernt, aber diesmal war doch alles von so großer
Unsicherheit über die Zukunft umwittert. Die Verwandtschaft in
Berlin plädierte stark mit Vater, daß er den Familienbesitz in
Kattowitz verkaufen und nach Deutschland ziehen sollte. Onkel Felix
Benjamin war im Aufsichtsrat der Lübecker Hütte, an der Rawack &
Grünfeld damals maßgeblich beteiligt waren, und schlug vor, daß Vater
die Leitung von deren Zementfabrik übernehmen sollte und wir nach
Lübeck übersiedeln würden.