Bei all dem blieb aber doch im Vordergrund die Sorge, wie es wohl zu Hause aussieht. Man hörte und konnte sich vorstellen, die Not und Versorgungsknappheit in der "belagerten aber nicht angegriffenen Festung Kattowitz" war ganz schlimm geworden. Es wurde ein besonders heißer und trockener Sommer, und rund um die Stadt brachen große, verheerende Waldbrände aus. Als wir nach Beendigung des Aufstandes im Juli zurückkehrten, war das Bild der Umgebung südlich nach Pleß hin zunächst vollkommen verändert und trug noch weiter bei zu der Trostlosigkeit der Situation und Stimmung.
Der 3.polnische Aufstand hatte zu einem Wiedereinmarsch der deutschen Freikorps nach Oberschlesien geführt, die nach dem 2.Aufstand sich samt ihren Waffen hatten zurückziehen müssen. In einer Kampfhandlung am Annaberg am 21.Mai wurde ein Sieg über Kräfte der Aufständischen errungen, und auf deutscher Seite sah man das als die Wende an, die schließlich zur Beendigung des polnischen Aufstands, offiziell am 1. Juli, führte. Die Vorgänge gelten aber als zu kompliziert für solche Beurteilung (24). Die Engländer wandten sich gegen die polnischen Versuche, durch den Aufstand die für das weitere Schicksal Oberschlesiens ausstehende Entscheidung der Alliierten Botschafterkonferenz in Paris zugunsten Polens zu forcieren, und drohten, englische Truppen zur Unterstützung der französisch/italienischen Besatzungen zu senden.
Zu Hause war das Leben wieder mehr im gewohnten Gleis, aber die
Unsicherheit über die bevorstehende Entscheidung der alliierten
Botschafterkonferenz über Oberschlesien beherrschte die Stimmung.
Unsere "Hausbesatzung", der Colonel Ardisson schien wieder in
Kontrolle der Stadt als Platzkommandant, seine Familie war nach
Frankreich zurückgekehrt. So hatten wir wenigstens wieder Verfügung
über das Gastzimmer im oberen Stock.
Das war gut, denn am 2. Oktober kam mein 13. Geburtstag und damit meine Barmitzwah, und es wurde dazu Familienbesuch erwartet. Ich sollte ein Jahr vorher mit Vorbereitungsstunden anfangen und die hatte ich beim Lehrer Willner, den ich sehr gern hatte. Er war einerseits ein jüdischer Gelehrter, aber auch preußischer Volksschullehrer mit großer Allgemeinbildung. Abgesehen von hebräischer Schrift und Sprache galt der Unterricht auch Grundkenntnissen in jüdischen Bräuchen und Gesetzen. Die Zeit von einem Jahr war knapp bemessen, und da von Mai bis August wegen des polnischen Aufstands die Stunden wegfielen, blieb meine Kenntnis der hebräischen Sprache sogar noch viel mangelhafter als vorauszusehen war. Ich hatte diese Stunden mit großen Erwartungen begonnen, sie gaben meiner Anhänglichkeit an jüdische Religion und damit auch jüdische Geschichtsverbundenheit mehr Substanz.
Die Barmitzwah Zeremonie blieb eine gewichtige Erinnerung. Sogar die Mutter kam in die Synagoge. Der Onkel Max Grünfeld aus Berlin als Miterbauer der Synagoge und für den architektonischen Entwurf damals verantwortlich wurde als Dritter zur Thora aufgerufen. Zu Hause kamen dann sehr viele Gratulanten, auch einige noch sehr fromme entferntere Verwandte, mit denen wir sonst kaum Kontakt hatten. Nachmittags waren auch meine Freunde eingeladen. Ich bekam, neben anderen Geschenken, sehr viel Bücher, Grundlage einer noch wachsenden, recht vielfältigen Bibliothek, die ich dann bei Ausbruch des 2. Weltkriegs mit einem Schlag mit soviel anderem verlieren sollte.
Kapitel 4
Kattowitz kommt zu Polen
Die Botschafterkonferenz hatte zunächst keine Einigung über die Zukunft Oberschlesiens erreicht und im August den Völkerbundsrat um ein Gutachten gebeten. Es handelte sich dabei natürlich nicht nur um eine möglichst gerechte Auswertung der lokal so buntgewürfelten Abstimmungsergebnisse, sondern auch um wirtschaftliche und geographische Argumente, nachdem wohl von Anfang an die Möglichkeit einer Teilung nicht ausgeschlossen worden war. Den Abstimmungsresultaten nach wurde bald als gegeben angenommen, daß die Kreise Rybnik und Pleß zu Polen kommen würden. Sie allein hätten Polen wichtige Kohlegruben und vorkommen gegeben, aber nichts von der Eisen und Stahlindustrie oder Zinkhütten. Es wurde aber auch von einer Abrundung durch einen Teil des Kreises Kattowitz gesprochen, wo der Landkreis eine polnische Mehrheit gebracht hatte, wodurch beides für Polen dazu kommen würde.
Die Engländer und im Allgemeinen auch die Italiener waren gegen eine Teilung des Industriegebiets oder seine Abtrennung von Deutschland, von der man annahm, daß es die Wirtschaftskraft des Gebiets schwächen würde, und auch Deutschlands Möglichkeiten, die ihm in Versailles auferlegten Reparationen zu bezahlen. Die Polen besaßen eine Kohle und Stahlindustrie im östlich an Oberschlesien angrenzenden Dombrowaer Gebiet, wo französisches Kapital stark beteiligt war. Die Franzosen waren vor allem an einem auch wirtschaftlich starken Polen an der deutschen Ostgrenze interessiert. Basierend auf den Empfehlungen des Völkerbundsrats beschloß die Botschafterkonferenz am 20.Oktober 1921 einen Teilungsplan, in dem Polen auch der ganze Kreis Kattowitz und ein Teil des Kreises Beuthen zugesprochen wurden. Die beiden großen Industriestädte Kattowitz und Königshütte, die mit großen Mehrheiten für Deutschland gestimmt hatten, sollten also zu Polen kommen und wirtschaftlich weit mehr als die Hälfte der Kohleproduktion und der Hochöfen, die Hälfte der Stahlwerke, fast die ganze Zinkindustrie. Das Industriegebiet sollte mitten durchgeschnitten werden, mit seinem dichten Eisenbahn und Straßenbahnnetz, Wasser und Stromversorgung, ja auch unter Grund wurden Gruben durchschnitten, mit einem Schacht auf der polnischen und einem anderen auf deutscher Seite.
Die praktischen Probleme waren enorm, für die menschlichen wurde vorgesehen, daß beide Teile ein Minderheitenschutzabkommen abschließen würden, um die Rechte der sprachlichen Minderheiten zu schützen. Das junge Polen hatte ein solches Abkommen mit den Alliierten Mächten in Versailles am 28.Juni 1919 zum Schutz seiner verschiedenen Minderheiten abschließen müssen, und es wurde ihm nun auferlegt, dies entsprechend auf die neu entstehende deutsche Minderheit in dem polnisch werdenden Teil Oberschlesiens auszudehnen, während Deutschland gehalten wurde, ein entsprechendes Abkommen für die polnische Minderheit im deutsch bleibenden Teil Oberschlesiens zu schließen.