Es war nur wenige Tage nach meiner Barmitzwah, daß diese Entscheidungen bekannt wurden und eine ganz neue Situation schufen. Mit der Ungewißheit hatte man ja schon drei Jahre gelebt. Nun war der gordische Knoten durchhauen, es kam etwas ganz Neues auf einen zu. Vater war schon in den Wochen davor in viele Sitzungen und Gespräche zur Lage verwickelt, nun wurden sie für die Stimmung beherrschend. Die Ideen vom frühen Sommer während des polnischen Aufstands, daß man eventuell weggehen würde, waren ganz verflogen. Unter den ansäßigen Deutschen verbreitete sich die Stimmung, daß man sich mit der neuen Situation abfinden und eben auf ein Leben als deutsche Minderheit im polnischen Teil Oberschlesiens und damit im polnischen Staat einrichten müsse. Durch die Auflage eines Minderheitenschutzabkommens, das nun eifrig ausgearbeitet und dann auch am 22.Mai 1922 in Genf unterzeichnet wurde, war man ja ganz klar so angesprochen. Es gehörte dazu, daß die Vertreter der deutschen Seite im Polen zugesprochenen Teil Oberschlesiens sich nun zusammentun und ihre eigenen Reaktionen und Ideen zu ihrer zukünftigen Haltung ausarbeiten und aussprechen mußten. Dazu gehörte auch die ehrlich gemeinte Zusicherung der Loyalität für die neue staatliche Souveränität, und das Alles geboren aus einem Heimatgefühl, daß nämlich, was aufgebaut und erworben war, nicht zu Grunde gehen, sondern weiter gedeihen sollte.
Es liegen darüber mannigfache Äußerungen von maßgebenden deutschen Funktionären aus dem polnisch werdenden Teil von der Zeit nach der Entscheidung vor. Deutlich erinnere ich mich, daß mein Vater von einer Sitzung in Beuthen oder Gleiwitz schon kurz nach der Entscheidung nach Hause kam und sehr erregt erzählte, ein aus Berlin anwesender Minister hätte gesagt, was die künftige deutsche Politik zu dem abzutretenden Teil anbelangt, wären doch wohl Alle mit der in Berlin herrschenden Auffassung einig: "abschnüren und vernichten".
Ich nehme an, daß es eine Sitzung der Deutschen Demokratischen Partei Oberschlesiens war. Auf Provinzebene waren Sanitätsrat Bloch in Beuthen und Justizrat Kochmann in Gleiwitz, der auch im preußischen Landtag saß, prominenter gewesen, für das Gebiet des künftigen PolnischOberschlesiens aber war mein Vater wohl nun der führende Exponent geworden. Er hatte diesem Reichsminister sehr scharf widersprochen, und ich habe ihn selten so erregt gesehen, wie er uns darüber erzählte. Für die Deutschen im künftigen PolnischOberschlesien mußte es andere Wege des Denkens in ihrer neuen Situation geben. Es brachte sie in die Linie des Denkens der nationalen Minderheitenbewegung, die sich in Europa nach dem ersten Weltkrieg entwickelte. Mich haben diese neuen Begriffe und Vorstellungen auch später im Zusammenhang mit manchen anderen Problemen des 20. Jahrhunderts immer wieder sehr interessiert.
Der Übergang des Gebiets an Polen sollte durch einen feierlichen Einzug der polnischen Truppen in Kattowitz am 20.Juni 1922 vollzogen werden. In der Zwischenzeit hatte es zunehmende Zeichen von Auflösungsstimmung gegeben, Beamte gingen weg, Behörden waren im Übergang, wir merkten das auch in der Schule. Laut Genfer Abkommen mußte der polnische Staat auch deutsche Minderheitsschulen unterhalten. Unser Gymnasium sollte das neue staatliche Gymnasium sein, ein großer Teil des bisherigen Bestands seine Minderheitsabteilung. Viele der Lehrer wollten weg nach Deutschland gehen, doch einige, vor allem jüngere, waren bereit zu bleiben. Man wußte noch nichts Genaues. Als das letzte Abitur um Ostern abgehalten war, wozu auch der Oberschulrat aus der bisherigen Provinzhauptstadt Oppeln kam, konnte man fühlen, daß der traditionelle Bierabend der Lehrer mit den Abiturienten auch eine Art Abschiedsfeier für den Lehrkörper wird. Als wir Jüngeren am nächsten Morgen in die Schule kamen, waren nur wenige Lehrer da, man sah die Meisten herumwanken, kaum einer konnte ganz grade stehen. Die Schule fiel aus, wir wurden nach Hause geschickt. Es war gewiß auch ganz komisch, aber eigentlich war es niederschmetternd. Das Gefühl der Auflösung nahm übergroße Proportionen an.
Die polnische Regierung bestimmte den General Stanislaw Szeptycki zur Führung des feierlichen Einzugs der polnischen Truppen. Sein Name war uns damals neu, aber bald danach wurde er zeitweilig polnischer Kriegsminister, also mußte er ein prominentes Mitglied der polnischen Generalität sein. Der Name der Familie ist unterdeß bekannter geworden, eine ostgalizische Adelsfamilie, die starke Bindungen an die dortige westukrainische Bevölkerung hatte. Sein Bruder Andrzej wurde Metropolit der mit Rom Uniierten SlawischOrthodoxen Kirche (1). Der General selber hatte im 1.Weltkrieg große Erfolge im Kampf gegen russische Truppen im östlichen Polen errungen, er war zum
österreichischen General gemacht worden, hatte mit Pilsudski zusammengearbeitet. Es kam also jemand wirklich von der ganz anderen Seite Polens.
Der Gewerkschaftssekretär Josef Rymer, zum ersten Wojewoden der neuen Wojewodschaft Schlesien mit Sitz in Kattowitz, von nun an Katowice, ernannt, begrüßte den General mit seinen Truppen an der schlesischen Grenze bei Schoppinitz. An der Stadtgrenze sollte der neue Oberbürgermeister Gornik, ein oberschlesischer Pole, ihn zusammen mit dem deutschen Stadtverordnetenvorsteher Dr. Reichele begrüßen. Von unserem Balkon aus konnten wir ihn in einer Droschke allein auf seiner einsamen Fahrt zur Stadtgrenze vorbeifahren sehen. Er hatte, da er erst so kurz im Amt war, meinen Vater gebeten, es doch mit ihm zusammen zu tun, aber mein Vater entzog sich dem.
Er sollte den General ohnehin noch treffen. Da der Colonel Ardisson schon weg war, wurde der General bei uns einquartiert. Er machte bald einen formellen Höflichkeitsbesuch. Wie schon oft bei den französischen Offizieren wollte mein Vater auch damals, daß ich dabei bin. Ich erinnere mich nur, daß zuerst einige etwas verlegene Worte waren, wie man sprechen sollte, und die Unterhaltung spielte sich dann auf Französisch ab.
Sonst bestand für uns sein kurzer Aufenthalt nur aus gelegentlichem Zunicken, aber dann kam ein Schock, er erschien plötzlich mit einem kleinen Foxterrier. Mein Gott, seufzte meine Mutter, die schönen Salonmöbel, sie waren mit Damast bezogen. Aber der General fuhr bald ab, ohne größeren Schaden anzurichten.
Die beiden Wohnzimmer wurden aber nicht freigegeben. Wir bekamen als zivile Einquartierung den neuen polnischen Präsidenten der Eisenbahndirektion Sikorski, der noch einige Jahre dort wohnte, ein sehr ruhiger Mitbewohner, er blieb praktisch ohne jeden Kontakt mit uns.