Der größte Wechsel kam für uns Jungen, als die Schule wieder anfing. Der neue polnische Direktor beider Abteilungen hieß Wolff. Die meisten der bisherigen Schüler wollten in die deutsche Minderheitsabteilung gehen. Die Meldungen für die polnische Abteilung waren vorerst kleiner, der Zuzug polnischer Beamten und anderer Familien entwickelte sich erst. Herr Wolff verfügte, daß alle Jungen mit polnischen oder polnisch klingenden Namen in die polnische Abteilung übergehen müßten, und er kam selbst, um uns einzuteilen. Es entstand Verwirrung und Aufruhr. Die meisten der so betroffenen konnten kein Wort polnisch sprechen, und so gab es lange Gesichter in beiden Abteilungen, und es gab wohl sofort Protestschritte des Deutschen Volksbunds, der der Genfer Konvention nach zum Schutz der Minderheitenrechte auftreten sollte. Diese Frage, wer zur deutschen Minderheit gehörte und wer nicht, brachte sehr klar ein Problem und einen Gefahrenpunkt des ganzen Konzepts der Minderheitsrechte für Volksgruppen zum Vorschein. Hier wurde also von deutscher Seite darauf bestanden, daß die Zugehörigkeit zur Minderheit eine Sache freier Wahl, als des "Bekenntnisses" sein muß. Die Erinnerung an dieses Jugenderlebnis erweckt bei mir eine ganze Reihe weiterer Gedanken. Schließlich standen da bei uns in der Untertertia unsere Mitschüler, ein guter Teil von ihnen, und Herr Wolff wollte ihnen nicht mehr erlauben, weiter in die deutsche Schule zu gehen. Die Freiheit, die er für sich selbst als polnischer Gymnasialdirektor mit deutschem Familiennamen nahm, wollte er unseren Mitschülern aus Familien mit polnischem Namen, aber oft wohl schon seit Generationen deutschsprachig, nicht zuerkennen.

Die Freiwilligkeit der Zugehörigkeit zu einer Minderheit habe ich immer als sehr entscheidend empfunden. Es entspricht wichtigen liberalen Grundsätzen. Die Forderung nach autonomer Verwaltung für Minderheiten, jedenfalls auf kulturellem Gebiet, wurde ein zentraler Punkt der Minderheitenbewegung in Europa, aber ich fand sie nur vertretbar, wenn das auf freiwilliger Assoziation beruhte. Menschen zwangsweise in solche Kompartments einzuordnen, würde neue Elemente von Unfreiheit einführen.

Daß die deutsche Seite und dann auch die Führung der Minderheitenbewegung dieses Bekenntnisprinzip vertrat, war ja eigentlich ein Abrücken vom strikten Sinn völkischer Denkweise. Die Konzeption des Nationalen war eben tatsächlich vielmehr verwandt mit dem Begriff der Kulturkreise, um den Geist von Arnold Toynbee zu berufen. Dieser aber relativiert gleichzeitig die Nationale Idee und bringt einen so zu einer Annäherung an europäische Wirklichkeit zurück. Man liest oft über anscheinend bedauernswerte Gebilde: Vielvölker­ oder Gemischtvölkerstaaten, so die alte Donaumonarchie, ja in deutscher Sicht, dann die 1918 entstandene Tschechoslowakei. Genealogisch gesehen waren es ja auch weite Gebiete Ostdeutschlands, mehr als man davon Kenntnis genommen hatte. Da war nichts bedauernswertes daran, wenn man nicht inkongruente völkische Ideologien dahinein brachte.

Ich glaube, es hat in der Minderheitenbewegung auch manche liberale Kräfte gegeben, die Sinn hatten für die europäische Bedeutung und liberale Grundnote der Sache. Aber es gab wohl auf deutscher Seite auch Viele, die das Bekenntnisprinzip in Sachen Nationalität hochhielten, weil das für den Besitzstand der deutschen Volksgruppe z. B. in Polen zahlenmäßig so wichtig war. Man sieht wieder, wenn es um klare Interessenlage ging, hier gar nicht wirtschaftliche, sondern einfach Macht­ und Bedeutungsinteressen der Volksgruppe, da verschwanden Ideologien in den Hintergrund. Dann blieb nur noch der Antisemitismus als Kaffeesatz der völkischen Idee.

Die Qual meiner Untertertia Schulkameraden war bald vorüber, ja es entbehrte nicht einer gewissen komischen Wirkung, als sie so schnell wieder in unsere Klasse zurück durften und das normale Schulleben unter dem neuen Regime begann. Dieser Vorfall war beigelegt.

Auf längere Sicht waren aber die Polonisierungsmaßnahmen auf anderen Wegen erfolgreicher. Nach einiger Zeit gab es auch in der Stadt Kattowitz eine polnische Bevölkerungsmehrheit. 1932 war die deutsche Minderheitenabteilung des staatlichen Gymnasiums schon viel kleiner geworden, schließlich wurde sie geschlossen, und es gab dann nur noch ein deutsches Privatgymnasium. Der Direktor Wolff blieb nicht lange, unser nächster polnische Direktor hieß Steuer, und unter ihm habe ich noch 1926 dort mein Abitur gemacht.

Kurz nachdem wir in Kattowitz die Übergabe an Polen erlebt hatten, wurde in Berlin der damalige deutsche Reichsaußenminister Walter Rathenau ermordet. Für uns waren und blieben die Ereignisse in Deutschland immer noch ganz hautnah. Das Berliner Tageblatt und die Breslauer Zeitung kamen weiter jeden Tag, und dazu kam noch die Ostdeutsche Morgenpost aus Beuthen, denn man mußte ja auch mit dem deutschgebliebenen Teil Oberschlesiens Kontakt behalten, und sie kam früh morgens am selben Tag.

Die Erregung dieser Tage in Deutschland erlebten wir sehr stark mit. Man erinnerte sich an die Ermordung des katholischen Finanzministers Mathias Erzberger im August 1920, auch durch rechtsradikale Freischärler. Rathenau war Jude, er war für mich als 14jährigen etwas wie ein Idol geworden, ich hatte einige seiner Bücher gelesen. Es war die menschliche Tragödie dieses Mordes an Rathenau, und eben auch das Licht, das da auf die Turbulenz der Lage in der jungen Weimarer Republik fiel, für die es dann mit vernichtender Inflation, französischer Ruhrbesetzung und dem Hitlerputsch November 1923 kaum eine Atempause gab. Dieser Hitlerputsch damals war aber ein theatralischer Fehlschlag. Die Republik hatte doch schon Muskeln, eine Regierung der Großen Koalition (Deutsche Volkspartei, Zentrum, Demokraten und Sozialdemokraten) unter Stresemann war am erfolgreichsten mit der Konsolidierung, unterstützt vom Erfolg der Schacht'schen Währungsreform.

Nicht nur wegen politischen Geschehens, sondern vor allem auf kulturellem Gebiet war man, auch nach der Abtretung Ostoberschlesiens, mit dem Leben in Deutschland weiter stark verbunden. Für uns heranwachsende Jungen blieben auch die Ideen der Jugendbewegung in Deutschland, des Wandervogels, eine Anziehung. Wandervögelbünde selber hatten sich in Kattowitz nicht so entwickelt während der Zeit der Besetzung und politischen Kämpfe. Es gab aber eine Gruppe des jüdischen Jugendbundes "Kameraden", und einige meiner Schulfreunde gehörten dazu. Es war ein nichtzionistischer Bund. Beide Eltern widersetzten sich meinen sehr dringenden Wünschen, da auch beizutreten, ich sollte stattdessen in den "Alten Turnverein" gehen, der mich gar nicht begeisterte, und den ich bald verließ.

Bedeutsam wurde, daß ich mit einigen Freunden, meist aus der nächst höheren Klasse, zu einem Lesezirkel gehörte, in dem gelesen, aber auch viel diskutiert wurde. Es waren Klassiker und zeitgenössische Literatur und eben manches, das mit der Jugendbewegung zusammenhing, und wir hatten einige der Zeitschriften der Jugendbewegung. Wir trafen uns abwechselnd zu Hause. Einige der "Kameraden"­Mitglieder spielten auch eine Rolle, so Manfred Danziger, und von anderer Seite erinnere ich mich besonders an den alten Freund Karl­Heinz Lubowski