und an Wolfgang Juretzek.

Zu den starken Anregungen in Richtung Jugendbewegung gehörte auch für mich ein Besuch bei uns zu Hause von Dr. Rudolf Trevenfels aus Breslau. Das war eigentlich eine Familienfreundschaft, er war zehn Jahre älter, aber noch ganz erfüllt mit solchen und anderen Ideen und hatte viele enge Kontakte mit einigen Schlüsselfiguren aus dieser Welt (2).

Auch das kulturelle Umfeld blieb für uns eigentlich ganz unverändert und weiter sehr reich und aktiv. Das Stadt­Theater wurde nun zwischen deutschem und polnischem Theater geteilt, an den der neugebildeten Deutschen Theatergemeinde zustehenden Tagen wurde es von der ebenfalls neuentstehenden Landesbühne aus dem deutschgebliebenen Oberschlesien "bespielt". Das war dann doch eine sehr starke, auf den ganzen Industriebezirk sich stützende Unternehmung, und es gab ein interessantes Programm und Kräfte. Die Theatergemeinde, in der Rosa Speier bald eine führende Rolle übernahm, veranstaltete auch in mehreren Jahren jeweils für einige Wochen Gastspiele der Wiener Volksoper. Bis dahin hatte ich Opern nur bei Besuchen bei den Großeltern in Breslau erlebt, jetzt wurden es ganze wochenlange Festspiele, mit uns besonders verknüpft, weil mehrmals Künstler der Wiener Volksoper bei uns wohnten. Auch wurde der Meister'sche Gesangsverein für einige Opern zu Chorszenen hinzugezogen, und dann konnte ich meine Mutter auch verkleidet auf der Bühne sehen.

Überhaupt wurde der Meister'sche Gesangverein eine große Quelle musikalischen Miterlebens. Ich trat dem Chor zwar nie bei, kaum einer von uns, die dann zum Studium weggingen, tat es, aber aus Chorwerken und Opern spielte ich im Klavierauszug vor und nachher, und für die Aufführungen kamen Solisten, von denen jemand bei uns wohnte, ebenso für Solistenkonzerte, Pianisten, Violinisten, Kammermusik­ und Gesang. So hatten wir im Laufe der zwanziger Jahre viele sehr bekannte Künstler, die bei uns als Gäste wohnten. Unverändert machten wir auch die regelmäßigen Besuche bei den Großeltern in Breslau. Es gab auch ganz spezielle Gelegenheiten, den 70. Geburtstag der Großmutter, 80. des Großvaters und ihre Goldene Hochzeit, mit einem großen Abendessen im Hotel Monopol, eine selten schöne und sehr große Familienfeier. Wir drei Kinder spielten ein von Rosa Speier in Form eines kleinen Theaterstücks verfaßtes, langes Gedicht. Es gab viele brilliante Reden. Besonders erinnere ich mich an die Damenrede des zur nahen Bernstein Familie gehörigen Herrn Jakobowitz, er war, die Brust mit Orden übersät, ein Kampfflieger im 1.Weltkrieg gewesen.

Meine Großeltern waren unterdessen in eine viel kleinere Wohnung gezogen, der Großvater war nicht mehr so aktiv und prominent im bürgerlichen Leben Breslaus, aber zu den morgendlichen Gratulationskuren bei diesen Festen kamen immer der Oberbürgermeister Wagner, sein Stellvertreter Tiktin, der auch für die in Breslau bekannte "Gesellschaft der Freunde" kam, deren Direktor mein Großvater für über 25 Jahre gewesen war, der Oberrabbiner Dr.

Vogelstein und immer auch der Geheimrat Pfeiffer, unter dem der Sohn Oettinger an der Universität gearbeitet und gelehrt hatte. Bis ins hohe Alter blieb der Großvater geistig rege und sehr interessiert und nahm an seinem Stammtisch im Café Fahrig teil. Er gehörte aber zu denen, die die Inflation schlecht überstanden, fast das ganze Vermögen war in Staatspapieren angelegt, und er war danach auf die Unterstützung seiner Kinder angewiesen. Er starb Mitte der zwanziger Jahre. Ich fuhr mit zur Beerdigung. Es rührte mich, meiner Mutter zu kondolieren und sie am Grab ihres Vaters zu sehen, es war ein neuer Eindruck. Ich selbst habe ja dann während des 2.Weltkriegs und danach nie an den Gräbern meiner Eltern stehen können. Nach der Beerdigung des Großvaters wurde mir auf dem Friedhof in Breslau auch das Grab meines Urgroßvaters Dr. Albert Oettinger gezeigt.

Die Schulzeit von Untertertia an brachte natürlich auch ein zunehmendes Maß von Bekanntschaft mit polnischen Dingen. Polnisch als Sprache gab es zunächst nur zweimal die Woche. Die Regierung fand erst, die Deutschen sollten gar nicht polnisch lernen, sondern weggehen, aber das änderte sich im Lauf der Jahre. Natürlich interessierte einen bald, etwas über polnische Geschichte, ja auch Literatur zu hören, und das spielte dann auch eine zunehmende Rolle im Unterricht auch in der deutschen Minderheitabteilung, und man fuhr nach Krakau zu den sehr schönen Sehenswürdigkeiten aus polnischer Vergangenheit.

Die polnische Politik dieser frühen zwanziger Jahre nahm auch einen sehr turbulenten Verlauf. Es gab immer wieder die scharfen Spannungen zwischen Ost­ und Westschwergewicht, einst durch den Gegensatz Pilsudski­Dmowski gekennzeichnet, es war auch einer zwischen rechts und links, klerikal und nicht so klerikal, die Spaltung zwischen klerikal und laizistisch in anderen katholischen Ländern widerspiegelnd. Es ging gewaltätig zu, auch mit Putschversuchen. Die Rechte hatte 1922 einen Wahlvorteil errungen, und Pilsudski trat als Staatspräsident zurück; als Nachfolger wurde Dr. Narutowicz, der linkeren Bauernpartei und auch Pilsudski nahestehend, gewählt, aber er wurde schon bald im Dezember 1922 ermordet, nur wenige Monate nach dem Mord an Rathenau in Deutschland. Als Einführung zu regelmäßiger Anteilnahme an politischen Entwicklungen in Polen war das ein beunruhigendes Erlebnis. Wirtschaftlich war Polen auch schweren Finanz­ und Inflationswirren ausgesetzt, hatte dann aber unter Führung von Grabski von Ende 1923 bis 1925 eine nichtparlamentarische "Experten"regierung mit besserer Stabilität.

Auch in Polnisch­Oberschlesien entwickelte sich die Industrie
zunächst bis 1925 ganz hoffnungsvoll. Das Baugeschäft des Vaters
hatte auch aktive Zeiten. Abgesehen vom Regierungssektor hatte
Kattowitz ja durch die Teilung Oberschlesiens auch als industrielles
Verwaltungszentrum noch an Bedeutung gewonnen, und es war in der
Nachkriegszeit ohnehin schon an Wohnungsbau einiges nachzuholen.
Mein Onkel Max Grünfeld schied aus der Firma aus und ging in
Ruhestand. Der große Hausbesitz in Berlin hatte in der
Inflationszeit verkauft werden müssen.

Die politische Lage und Spannungen in Polnisch­Oberschlesien aber wechselten, und das war nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich bedingt. Es gab etwas in Oberschlesien, was man als "schwebendes Volkstum" bezeichnet hat (3). Ein Teil der damaligen oberschlesischen Bevölkerung fühlte sich auch bei polnisch­oberschlesischer Umgangssprache politisch nicht so festgeschrieben. Die wirtschaftliche Lage konnte dadurch auch Stimmverhältnisse zwischen deutschen und polnischen Parteien leicht beeinflussen, wie sie eben beeinflußt werden, wenn Wähler wirtschaftlich unzufrieden und geneigt sind, die bestehende Regierung dafür verantwortlich zu machen.