In den ersten Wahlen zum Schlesischen Sejm hatten die polnischen Parteien gut abgeschnitten. In Kattowitz selbst blieb aber die Mehrheit deutsch. Die Regierung löste das Stadtparlament auf und die Stadt wurde für zwei Jahre kommissarisch regiert. Die wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich 1925 in Polen verschlechtert, der Regierung Grabski folgte zunehmendes politisches Chaos, das durch einen Staatsstreich Pilsudskis und seine Wiederkehr, nun als Diktator, beendet wurde.
In Oberschlesien hatte sich die Wirtschaftslage besonders verschlechtert, da der bei der Teilung 1922 abgeschlossene Vertrag für Einfuhr polnischoberschlesischer Kohle nach Deutschland im Juni 1925 ablief, und Deutschland sich nicht beeilte, ein neues Abkommen abzuschließen (8). Polen konnte dann neue Märkte finden, begünstigt durch den englischen Bergarbeiterstreik von 1926 vor allem in Skandinavien, aber unterdeß litt die Beschäftigung in den Kohlengruben.
Für November 1926 waren Wahlen für ein neues Kattowitzer Stadtparlament ausgeschrieben. Umliegende, viel stärker polnische Industriedörfer waren unterdeß eingemeindet worden, was eine polnische Mehrheit hätte sichern sollen. Der Eindruck verstärkte sich aber, daß die deutsche Seite doch stark an Rückhalt gewonnen hatte (4). Der Ausgang der Wahlen brachte der neuen polnischen PilsudskiRegierungspartei, der "Sanacja", gleich zwei Enttäuschungen: die Deutschen gewannen 34 der 60 Sitze, die namentlich von Korfanty und den polnischen Sozialisten vertretene polnische Opposition erhielten 14, die Sanacja nur 5 Sitze.
Da der älteste gewählte Stadtverordnete, der deutsche Katholikenführer Senator Thomas Szczeponik kurz vorher gestorben war, mußte mein Vater, der auch wieder auf der deutschen Liste kandidiert hatte, die erste Sitzung als Alterspräsident eröffnen, und das war eine Amtshandlung, in Polnisch, das er wirklich gar nicht sprach. Ich half mit meinen Schulkenntnissen bei der Übersetzung und schrieb dann den Text für ihn phonetisch auf. Es war nicht erfolgreich. Nach Vaters Rede verlangte der besonders kämpferische Führer der polnischen Sozialisten, Biniszkiewicz, daß die Rede nun ins Polnische übersetzt werde, sie sei in einer ihm unbekannten Sprache, vielleicht auf Chinesisch gehalten worden. Die Sitzung verlief auch sonst sehr stürmisch, da die Deutschen als stärkste Fraktion darauf bestanden, einen Deutschen, den katholischen Gewerkschaftssekretär Jankowski, der gut Polnisch sprach, als Stadtverordnetenvorsteher zu wählen, und die Polen daraufhin die Versammlung verließen.
Die "Kattowitzer Zeitung" aber bestätigt in ihrem Bericht (5), daß "bei der deprimierenden Atmosphäre des 1.Teils der Sitzung" die polnischen Herren Widuch und Rechtsanwalt v.Kobylinski meinem Vater (bei seinen weiteren Amtshandlungen als Alterspräsident) mit ihren polnischen Übersetzungen taktvoll und hilfsbereit zur Seite standen. Mein Vater war dann bis 1930 Vorsitzender der deutschen Fraktion im Stadtparlament und blieb Stadtverordneter, bis er 1933 zurücktrat.
Nachdem er 1922 an der Gründung des Deutschen Volksbunds mitgewirkt hatte, gehörte er auch dem Verwaltungsrat an und wurde später einer der beiden Vizepräsidenten, bis zu seinem Rücktritt 1933. Bis dahin nahm er an vielen Sitzungen und Besprechungen teil, aber die Mitglieder des Verwaltungsrats traten in der Öffentlichkeit kaum auf. Es kamen aber im Zusammenhang damit manche interessante Besucher ins Haus, so Herbert Weichmann, der zu Beginn seiner Karriere Chefredakteur der "Kattowitzer Zeitung" war.
Eine besondere Aufgabe des Vaters, an die ich mich erinnere, hing mit dem Prozeß zusammen, den die Regierung gegen verschiedene Beamte des Deutschen Volksbunds einleitete. Die polnische Politik gegenüber der deutschen Minderheit hatte sich seit 1926 sehr verschärft. Das wird erklärt mit der Weigerung der deutschen Regierung, den Locarnovertrag von 1925 auch durch eine entsprechende Regelung im Osten zu ergänzen, was in Polen unvermeidlich verstärkte Furcht, Wachsamkeit und Abwehrstimmung gegen deutschen Revisionismus hervorrufen mußte (6).
Der neue schlesische Wojewode Grazynski war 1926 eingesetzt worden, um der deutschen Minderheit ganz entscheidend Schach zu bieten, aber auch, um die Stellung der Sanacja gegenüber dem nationaldemokratischen Korfanty zu stärken. Die von der polnischen Polizei vorbereitete Anklage gegen Ulitz stand auf schwachen Füßen, nämlich Dokumenten, die dem Verdacht der Fälschung ausgesetzt waren. Der Schlesische Sejm unter dem alten polnischen Vorkämpfer, Rechtsanwalt Wolny, einem KorfantyAnhänger, lehnte eine Aufhebung der Immunität des Abgeordneten Ulitz ab, aber der Leiter des Deutschen Schulvereins Dudek kam vor Gericht. Für seine Verteidigung war aus Warschau ein Führer der polnischen Sozialisten, Dr. Hermann Liebermann, gewonnen worden, und mit den Abmachungen dafür hatte mein Vater zu tun.
Dr. Liebermann wohnte auch bei uns, und das war auch wieder ein interessantes Erlebnis für mich. Er war schon als Anwalt und politisch im österreichischen Galizien aktiv gewesen. Als später Pilsudski scharf gegen seine Opposition in Polen vorging, wurde er auch in das Internierungslager Bereza Kartuska gesperrt, wo auch Korfanty hinkam. Dr. Liebermann war während des 2.Weltkriegs dann Mitglied der polnischen Exilsregierung in London (7).
Zur Zeit der Prozesse, bei denen er mitwirkte, war die Haltung des
Deutschen Volksbunds sehr klar, daß er sich ganz als
Minderheitenvertretung fühlte und auftrat. Dr. Liebermann gehörte
eben zu denen, die im eigenen Lager gegen polnische Verletzungen der
Minderheitenverträge waren (8).