Es gab damals schon in Deutschland auch außerhalb der Rechtsradikalen unterschwellige revisionistische Gedanken, die solches Verständnis der Deutschen in Polen als Minderheit zu unterlaufen drohten. Die aggressive Politik der polnischen Regierung nach 1926 gegen die deutsche Minderheit spielte solchen Tendenzen in Deutschland in die Hände, wie man so oft findet, daß die Radikalsten auf beiden Seiten sich unwissentlich/wissentlich Bälle zuwerfen.

Nun will ich meinen Rückblick auf die Jugendjahre in Kattowitz noch mit ganz persönlichen Erinnerungen abschließen. So zum Beispiel, daß da auch lauter Mädchen heranwuchsen, es Tanzstunde und viele Parties gab, Verliebtheiten und Spaziergänge. Es wurde so absorbierend, daß der Lesezirkel und Gedanken der Jugendbewegung zurücktraten und sich die Schwergewichte im Kreis der Freunde auch änderten. Man fing an, auch mit Vergnügen zu Bierabenden in Kneipen zu gehen.

Viele aus diesem Kreis wurden später Korporationsstudenten. Ein guter Freund wurde Hans Kuhnert. Ein anderer neuer Freund aus den späten Schuljahren war Hans Werner Niemann. Er kam wie aus einer anderen Welt, war eine Klasse jünger, voll aggressivem, aufgeschlossenem Enthusiasmus in weltanschaulichen und literarischen Dingen, provozierte lebhafte Meinungsverschiedenheiten, so über meine damalige Heinebegeisterung, und war eher "jungkonservativ"

eingestellt. Sein Stiefvater war Direktor der Kohlengrube Murcki, wir waren oft dort, das einzige Mal, daß ich eine Kohlengrube untergrund besuchte.

Ein paralleles Erlebnis war mein Besuch in einer der großen oberschlesischen Eisenhütten und Stahlwerke, der Julienhütte in Bobrek, die im deutsch gebliebenen Teil Oberschlesiens lag. Diese erste Bekanntschaft mit dem Hüttenwesen interessierte mich sehr, die Umformung des Metalls von Erz über Roheisen zum Stahl, und was man das "bulk handling" der Materialien nennt.

Ein Onkel, A. Tramer war der kaufmännische Direktor der Hütte, seine Frau Flora war Vaters Cousine, eines von den in meiner Jugend noch lebenden acht Kindern des Jakob Grünfeld und der Maria geb. Sachs in Zalenze (9). Mit den noch in Oberschlesien lebenden gab es immer Kontakt. Der jüngste Sohn Paul mit Frau Mimi aus Göttingen war gut situierter Eisen­ und Stahlkaufmann in Beuthen. Sie waren sehr lebenslustige Leute mit viel Stil. Er war Mitglied der Schlaraffia, die beiden waren gar nicht onkel- und tantenhaft mit uns und sie wurden gute Freunde.

Häufige Ausflüge "über die Grenze" nach Beuthen wurden für uns ohnehin ein wesentlicher Bestandteil der zwanziger Jahre. Dort war der jüngere Bruder des Vaters, der Orthopäde Ernst, mit seiner netten, manchmal etwas rauhen Art und sein orthopädischer Turnsaal, und dann eben das soviel jüngere Ehepaar Paul Grünfeld. Aber es waren gar nicht nur solche Familienverbindungen, man fuhr eben oft nach Beuthen. Paul war ein eifriger Reiter in dem neuen Reitklub, der in Beuthen entstand. Mit einigen Freunden fuhren Lotte und ich auch dorthin zum Reiten. Mir gefiel diese Sportart, aber sehr gut war ich nicht, während Lotte bald Preise im Springen sammelte.

Für die Geselligkeit im Hause der Eltern waren ein jährlicher Höhepunkt die Sylvesterabende, immer in recht großem Kreis, vor allem nachdem die Einquartierung endlich beendet und die zwei weiteren Wohnzimmer auch frei waren. Mit die ältesten Gäste waren Dr. Speiers, und sie blieben dann auch die letzten in den späten 30er Jahren vor Ausbruch des Krieges. Sie waren in den 20er Jahren sehr befreundet mit dem Ehepaar Lukaschek, und so kam es, daß die Dr. Lukascheks auch für einige Jahre, bis er sein Amt als deutscher Vertreter in der unter dem Genfer Abkommen mit Sitz in Kattowitz waltenden Gemischten Kommission aufgab, an unseren Sylvesterabenden teilnahmen, und mit ihnen später auch Freiherr v. Grünau mit Familie, der einige Jahre deutscher Generalkonsul in Kattowitz war. Manche unserer jungen Freunde kamen noch nach Mitternacht und es wurde getanzt.

Der jüdische Religionsunterricht und die Gottesdienste waren für mich immer von ergreifendem Interesse geblieben. Als Rabbiner und Religionslehrer hatten wir in den frühen zwanziger Jahren den älteren Dr. Lewin aus Breslau, der mit dem dortigen Rabbinerseminar eng verbunden war. Wir waren schon etwas aufsässiger gewordene Gymnasiasten, und er hatte eine schwere Zeit mit uns; es waren nicht nur theologische Zweifel, mit denen wir ihn ärgerten.

Wir waren bei jüdischer Geschichte. Wie können wir, so fragte man ihn, an den Entwicklungen der deutschen Geschichte ebensolchen Anteil nehmen wie andere Deutsche? Natürlich, sagte er, wenn ich vor der alten Kaiserpfalz in Goslar stehe, da bin ich genauso beeindruckt und bewegt wie alle Deutschen. Das sagte er.