Es blieben Zweifel. Heute würde ich sagen: Vorfahren von heutigen Juden lebten auch dort zu dieser Zeit, sie hatten Teil an der Entwicklung der abendländischen Welt in Europa, und haben eine Beziehung zu diesen historischen Stätten, und eine besondere zu denen der abendländischen Nationalität, der sie sich selbst zugehörig fühlen. Wenn man genau hinsieht, ist das ein Teil auch des jüdischen Geschichtsbewußtseins.

Dr. Lewin ging bald nach Breslau zurück. Der Übergang an Polen machte sich später bemerkbar. Unter seinen Nachfolgern kam aus ganz anderer Welt der junge Dr. Jechezkiel Lewin aus Galizien. Sein Vater war Präsident der ganz orthodoxen Agudath Israel, er selbst wurde später in Palästina und Israel einer ihrer Führer. Er war sehr gebildet und intelligent, und trotz abweichender Meinungen und unserem background waren es sehr interessante Stunden. Er blieb nicht lange in Kattowitz.

Im Sommer 1926 bestand ich mein Abitur. Mit seinem Herannahen schon war meine Berufswahl dringend geworden. Ich war seit langem zwischen zwei Polen hin­ und hergerissen. Natürlich hatte mein Vater immer gewollt, daß ich, als dritte Generation, in das Baugeschäft eintreten und dafür Architektur studieren würde. Es war ein schöner Gedanke und ich versuchte immer, mich darauf einzustellen und vorzubereiten. Dahin gehörten die ja von früher Jugend her gewohnten Rundgänge durch Vaters Neubauten und Ziegelei, schließlich auch einfache Lehrbücher über Architektur, Fassaden und Grundrißlösungen, und Zeichen­ und Malstunden bei der Künstlerin Trude Willner, deren freundschaftliche Bekanntschaft auch später eine große Bereicherung war. Meine wirklichen Neigungen aber gingen eigentlich in andere Richtungen, ich wollte Jura studieren. Es gab sehr ernste Gespräche. Meine Mutter überraschte mich, sie fand, wenn ich nicht Architektur studieren will und mich auch nicht für sehr begabt für das Baufach halte, dann sollte ich doch meinen größten Interessen und anscheinender Begabung nach Geschichte studieren.

Wahrscheinlich hatte sie recht. Ihr Bruder Walter und meines Vaters Vetter Hans Sachs, deren Vornamen mir gegeben worden waren, hatten sich beide in ihrem Fach Lorbeeren als Wissenschaftler erworben, und das war auch meiner Mutter Ehrgeiz für mich. Wenn nicht das, dann fand sie, Vaters Weg als erfolgreicher Baumeister wäre doch auch vielversprechend. Im letzten Schuljahr bekam ich einige Bücher über Nationalökonomie in die Hand und fand dies das Interessanteste und Zeitgemäße.

Zunächst war ich aber bereit, bei meinem Vater im Geschäft bis April 1927 zu praktizieren, vorher hatte ich keine Zulassung zu Hochschulen in Deutschland. So machte ich noch einen Winter "Saison" in Kattowitz mit, lernte die väterlichen Betriebe besser, auch mit Handangreifen kennen.

Ende 1926 starb mein Onkel Ernst Grünfeld in Beuthen; zur Beerdigung kam auch Felix Benjamin, der Chef der Erzhandelsfirma Rawack & Grünfeld aus Berlin. Er fragte nach meinen Berufsplänen, hielt aber gar nichts von einem Nationalökonomie Studium. Natürlich, wenn ich dem Vater zuliebe Architektur studieren will, könnte er nichts sagen, aber er lud mich ein, für einige Wochen nach Berlin zu kommen, und das tat ich auch.

Die Benjamins wohnten in einem hochherrschaftlichen Haus am Dianasee in Grunewald. Von meinen vier Cousinen waren drei im Hause (10), ich lernte etwas vom Großstadtleben Berlins kennen. Bei einem früheren Besuch waren wir drei Kinder 1922 in Berlin für einige Wochen im Haus in Dahlem von Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld mit Vettern Herbert und Ernst eingeladen gewesen. Das war ein ganz anderer Stil, mit viel Betonung auf die Reitpferde und die große Gartenliebe, aber auch viel Anregung für Kunst und Musik. Jetzt bei Benjamins fehlte die Tante Ida, sie litt an Depressionen.

Natürlich hörte ich viel über Rawack & Grünfeld, besuchte das Büro, mein Onkel Felix Benjamin hatte abends weiter viele Telefongespräche und im Hintergrund war die Frage, wenn ich schon nicht besondere Lust oder Eignung fürs Baufach verspürte, warum soll ich nicht bei meinem Onkel bei Rawack & Grünfeld ins Erzgeschäft eintreten, anstatt zu studieren? Ich fuhr wie vorgesehen zurück nach Kattowitz; dort fiel der Entscheid für des Vaters Wünsche, und ich bereitete mich vor, zum Semesterbeginn im April 1927 auf der Technischen Hochschule Charlottenburg Architektur zu studieren, wo mein Onkel Max Grünfeld mit dem ihm befreundeten Architekturkollegen Dr. Weiss, der auch Kattowitz kannte, alles Nötige für meine Aufnahme und Förderung meines Studiums einleitete.

Kapitel 5

Als Student in der Weimarer Republik