A) Berlin

a) Leben und Studium

Als ich April 1927 in Berlin ankam, konnte ich zuerst bei Onkel Paul und Tante Grete Grünfeld in Dahlem wohnen, bis ich im Hansaviertel ein möbliertes Zimmer, eine "Bude" gemietet hatte. In späteren Semestern fand ich dann welche in Charlottenburg. Das Haus in Dahlem blieb mir während der ganzen Studentenzeit ein wohltuendes Refugium und Quelle vieler Anregungen auch für alle die großen Attraktionen des kulturellen Lebens im damaligen Berlin, und es waren auch immer viele junge Menschen im Haus, denen mit lebendigem Interesse begegnet wurde. Die Familie dieser Dahlemer Verwandten waren sehr kritisch, aber auch sehr begeisterungsfähig.

Für mein Architekturstudium sollte ich mich in engem Kontakt mit dem Onkel Max halten. Neben der Einführung in das Bauwesen bei Dr. Weiss hatte ich Mathematik, Physik und Statik zu belegen, dazu kam noch "Freihandzeichnen". Grade das war ein früher Kampf, und meine Unbegabtheit bald eine Warnung, daß ich es mit dem Architekturstudium schwer haben würde. Ich kämpfte drei Semester mit diesem Problem, und je näher man dem eigentlichen architektonischen Schaffen im Studium kam, desto stärker wurde die Überzeugung, daß ich aussteigen müßte. Dabei kann ich nicht sagen, daß ich nicht vieles an diesem Studium gern hatte, aber es war eine unglückliche Liebe.

Im Gegensatz zu meinem Onkel, der an alten Stilen hing und ein großer Kenner der alten preußischen Schlösser war, zog es mich zur modernen Architektur, und für die Sommerferien plante ich eine Reise zur Bauaustellung in Stuttgart. Vorher traf ich mich mit Karl­Heinz Lubowski und Freunden in Bayern für eine Wanderung über das "Steinerne Meer" nach Zell a. See und Fahrt nach Innsbruck. Schon in der Schulzeit waren wir in Bayern, München, Tegernsee und Mittenwald gewesen. Nun lernte ich noch mehr von Süddeutschland kennen, ich ging von Stuttgart nach Heidelberg, einer Einladung meines Onkels Hans Sachs und Frau Lotte folgend, die ich in Dahlem getroffen hatte. Grete Hirschel studierte dort Romanistik und zeigte mir etwas vom Leben in Heidelberg. Für den Rest der Ferien ging ich nach Hause und arbeitete praktisch als Zimmermann auf einem Bau des Vaters.

Schon vor Beginn des Studiums hatte ich zu Hause im "Berliner Tageblatt" bemerkt, daß es in Berlin einen Demokratischen Studentenbund gab, und bei Beginn des 1.Semesters bald sein Anschlagbrett im Lichthof der TH entdeckt. Ich besuchte gleich ihre nächste Veranstaltung im Demokratischen Klub in der Victoriastraße, wo sie tagten. Bei ihnen habe ich mich dann, bis ich 1931 von Berlin fortging, sehr zu Hause gefühlt. Rückblickend auf mein 1.Semester wurde diese beginnende Teilnahme am politischen Leben in der Studentenschaft in diesen schwierigen, aber noch hoffnungsvollen Jahren der Weimarer Republik eine markante Entwicklung für mein Leben, über die ich zusammenhängend berichten will.

Im 2.Semester trat ich auch der "Freien Wissenschaftlichen Vereinigung " (FWV) bei. Etwas anders als in der mehr versachlichten und stets politisch orientierten Atmosphäre des Demokratischen Studentenbunds war die FWV eine Studentenverbindung, eben eine "Fraternity", mit Betonung auf die persönlichen Beziehungen der Bundesbrüder und ihre kulturellen Interessen als das Verbindende, obgleich von ihrem Ursprung in den 1880er Jahren her da auch eine entscheidende politische Note gewesen war. Die Formen entstammten den alten an deutschen Universitäten gewohnten. Ein kurzer Blick auf einige Studenten­Verbindungen ist da angebracht.

Wie schon erwähnt, waren ja deutsche Studentenkorporationen im frühen 19. Jahrhundert sehr freiheitlich aufgetreten, auch wieder in der 1848er Zeit. Die Burschenschaften hatten die schwarz­rot­goldenen Farben als Symbol der Freiheitlichkeit und für deutsche Einigung gewählt, aber das völkische Prinzip der Nichtaufnahme von Juden als Mitgliedern hatte sich immer wieder erhoben und verschiedentlich durchgesetzt. Für Fraternities hat es ja solche Exklusivität, ebenso wie in vielen Klubs, immer gegeben, und keineswegs nur in Deutschland, aber die politische Zielsetzung und Virulenz des "völkischen Prinzips" wurde für die deutsche und vielleicht noch mehr für die österreichische Studentenschaft charakteristisch. Trotzdem hatten während des 19. Jahrhunderts die Burschenschaften in verschiedenen Zeiträumen immer wieder jüdische Mitglieder, unter ihnen auch manche später prominent gewordene aus den Kreisen stark assimilierter oder getaufter Juden (1).

Manche Korporationen hielten liberale Haltung und Satzungen aufrecht, einige schlossen sich zu dem kleinen Burschenschaftskonvent (BC) zusammen, andere blieben unabhängig. So entstanden sogenannte "paritätische" Verbindungen, was schon anzeigt, daß der Anteil der jüdischen Mitglieder unverhältnismäßig zunahm und bald ganz stark überwog. Diese Verbindungen hielten nur unterschiedlich an alten Gebräuchen der "Couleur" Studenten fest, wie Farben, Mützen und obligatorisch Fechten. Andere jüdische Studenten hatten dagegen Korporationen gebildet, die rein jüdische Verbindungen sein wollten, aus Überzeugung oder jedenfalls als die ihrer Ansicht nach richtige Antwort auf die Exklusivität und deutsch­völkische Richtung der Überzahl der deutschen Korporationen.

Der KC stand dem CV (Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen
Glaubens) nahe, aber es gab auch den KIV als zionistische Verbindung.
Weder ein Beitritt zu einer paritätischen Burschenschaft noch zum
jüdischen KC oder gar den Zionisten hatte mich interessiert, aber die
Freie Wissenschaftliche Vereinigung entsprach durchaus meinen
Ansichten und Neigungen. Sie war 1886 gegründet worden, nachdem von
Berlin durch die Tätigkeit des Predigers Stöcker ausgehend eine neue
antisemitische und deutschnationale Welle zur Gründung des Vereins
Deutscher Studenten (VDSt) geführt hatte. Das war eine neue Art von
Verbindung in Deutschland, mit weniger Betonung auf Farben und
Fechten, dafür aber mit ausgesprochener politischer Zielsetzung
scharf rechts.